{"id":1636,"date":"2017-04-11T19:34:52","date_gmt":"2017-04-11T17:34:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1636"},"modified":"2017-04-11T19:34:58","modified_gmt":"2017-04-11T17:34:58","slug":"maximum-an-verfeinerung-intensitaet-und-reichtum-des-ausdrucks","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/04\/11\/maximum-an-verfeinerung-intensitaet-und-reichtum-des-ausdrucks\/","title":{"rendered":"Maximum an Verfeinerung, Intensit\u00e4t und Reichtum des Ausdrucks"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Das M\u00fcnchener Kammerorchester im H\u00f6henflug &#8211; Prinzregentheater, M\u00fcnchen, 6. April 2017<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dem neuen st\u00e4ndigen Gastdirigenten John Storg\u00e5rds steht ein Mann am Pult des M\u00fcnchener Kammerorchesters, der das Niveau des exzellenten Klangk\u00f6rpers zu H\u00f6hen zu befl\u00fcgeln vermag, die man in solcher Konstanz bislang allenfalls erahnen mochte \u2013 auch wenn, wie im hier zu besprechenden Konzert, die Probenzeit angesichts des sehr schweren Programms \u00e4u\u00dferst knapp bemessen war und zwischen Generalprobe und Auff\u00fchrung weniger als eine Stunde verstrich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">John Storg\u00e5rds, der als Leiter des Lappl\u00e4ndischen Kammerorchesters legend\u00e4r ist und auch die Philharmoniker aus Helsinki als Chef zu au\u00dfergew\u00f6hnlichen Leistungen anzuspornen imstande war, hat sich nicht nur als Dirigent bewiesen, sondern auch als grandioser Violinsolist, sei es mit seiner fr\u00fchen Aufnahme von Robert Schumanns Violinkonzert f\u00fcr Ondine (f\u00fcr mich immer noch die sch\u00f6nste) oder zuletzt in M\u00fcnchen im Violinkonzert von Kaija Saariaho. Er ist heute erster Gastdirigent beim BBC Philharmonic in Manchester, wo er f\u00fcr Chandos den herausragendsten Zyklus der Sibelius-Symphonien seit Jahrzehnten aufnahm und auch die Symphonien von Carl Nielsen auf au\u00dferordentlichem Niveau einspielte. In M\u00fcnchen hat man ihm ein \u00fcber zwei Jahre sich erstreckendes Haydn-Ligeti-Projekt anvertraut, und mit dem neuen Chefdirigenten des M\u00fcnchener Kammerorchesters, Clemens Schuldt, verbindet ihn eine vertrauensvolle Zusammenarbeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diesmal bildeten zwei Londoner Symphonien Joseph Haydns den Rahmen: die Nr. 95 in c-moll und die ber\u00fchmte Nr. 101, \u201aDie Uhr\u2019. Schon zuletzt waren wir uns einig, seit vielen Jahren keinen so guten Haydn in M\u00fcnchen geh\u00f6rt zu haben, und dieser Eindruck wurde diesmal in schlagender Weise best\u00e4tigt. Storg\u00e5rds ist in seinem Naturell ein erdiger, kraftvoll leidenschaftlicher, zum Eruptiven neigender Musikant von unerh\u00f6rter Pr\u00e4zision, Vitalit\u00e4t und Klarheit der Vorstellung. Sein Musizieren zeichnet sich zugleich durch absolute Nat\u00fcrlichkeit und feingliedrige, die metrischen Schwerpunkte schwungvoll transzendierende Phrasierung aus, und das Orchester folgt ihm mit feurigem Willen und erlesener Liebe zum Detail. Ich gestehe, dass ich einige Details bei Haydn anders machen w\u00fcrde: die langsame Einleitung zur \u201aUhr\u2019 ist mir etwas zu geschwind, in den Menuetten stelle ich mir einen geringeren, subtileren Tempounterschied zwischen Menuett und Trio vor (dies w\u00fcrde in der 95. ein breiteres Grundtempo erfordern und in der \u201aUhr\u2019 ein etwas weniger bewegtes Trio), auch k\u00f6nnte das Blech gelegentlich noch mehr im Zaum gehalten werden. Doch all dies f\u00e4llt angesichts der hinrei\u00dfenden Vorz\u00fcge der Darbietung nur marginal ins Gewicht. Hinzu kommt, dass in der 95. Symphonie mit Cello-Stimmf\u00fchrer Mikayel Hakhnazaryan ein auch musikalisch herausragender Solist agiert, und dass mit Elissa Cassini, der einstigen Konzertmeisterin des fantastischen New Yorker Arcos Orchestra unter dem leider verstorbenen, unvergesslichen John-Edward Kelly, eine Konzertmeisterin von Weltrang verpflichtet werden konnte. Haydn gelang beide Male sensationell, und eben nicht nur hinsichtlich der gelegentlich fast schon atemberaubenden Virtuosit\u00e4t und alles durchdringenden Konzentration und Pr\u00e4senz, sondern auch im Sanglichen, im intuitiven Erfassen der Charaktere und modulatorischen Spannungsverl\u00e4ufe, in der rhythmischen Pr\u00e4gnanz, dem Auskosten der \u00dcberraschungen, dem \u00fcbersch\u00e4umenden Humor und in den fein durchartikulierten Piano- und Pianissimo-Passagen. So wirkt diese Musik frisch wie am ersten Tag, ohne zopfig-besserwisserische Attit\u00fcde belehrenden Historismus\u2019, und geistreich, wie dies seit den Tagen eines Celibidache nicht zu h\u00f6ren war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Violinkonzert von Gy\u00f6rgy Ligeti sprang f\u00fcr den erkrankten Renaud Capu\u00e7on Michael Barenboim ein und spielte mit einer Souver\u00e4nit\u00e4t, geigerisch makellosen Clart\u00e9 und selbstverst\u00e4ndlichen Musikalit\u00e4t, die das Publikum zu Begeisterung hinri\u00df. Als Zugabe trug er \u2013 passend \u2013 den langsamen Satz aus B\u00e9la Bart\u00f3ks Solo-Sonate vor, auch das mit vollendeter Beherrschung in allen Nuancen. Aber auch bei Ligeti sei die Leistung des Dirigenten \u2013 und in Tateinheit damit des Orchesters \u2013 besonders hervorgehoben. Man kann diese hochkomplexe Musik unter normalen Probenbedingungen nicht besser auff\u00fchren. Ligeti ist da am besten, wo er die aggressive Grellheit ins Extrem treibt, was mit physisch erbarmungsloser Verve umgesetzt wurde, und es ist nicht \u00fcbertrieben, festzustellen, dass alles mit einer Lebendigkeit und Zuspitzung umgesetzt wurde, die den Komponisten begl\u00fcckt h\u00e4tten wie keine der auf Schallplatten dokumentierten Auff\u00fchrungen. Au\u00dferdem gab es die \u201a3 unvollendeten Portraits\u2019 des 1957 in Triest geborenen Fabio Nieder, musikalische Stillleben am Rande des Verstummens, eine Art neuer \u201aArte povera\u2019, vom M\u00fcnchener Kammerorchester unter Storg\u00e5rds minuti\u00f6s verfeinert dargeboten, dass der Komponist selbst wohl staunen mochte, was er da zustande gebracht hat \u2013 das Publikum im vollen Saal des Prinzregententheaters war ganz im Bann dieser Kl\u00e4nge, die vor allem vom Verschwinden k\u00fcnden, sei es in der er\u00f6ffnenden Berio-Hommage, dem slowenischen \u201aSara-Portrait\u2019 oder der phrygischen Introversion einer immer wieder aufscheinenden tartarischen Volksweise.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Orchester zeigte sich nicht weniger dankbar als das Publikum und schenkte seinem ersten Gastdirigenten einen Applaus, von dessen \u00fcberschw\u00e4nglicher Herzlichkeit die anderen M\u00fcnchner Maestri nur tr\u00e4umen k\u00f6nnen. Wie Lavard Skou Larsen in Salzburg und Neuss versteht es auch Storg\u00e5rds in einmaliger Weise, einem Kammerorchester ein Maximum an Verfeinerung, Intensit\u00e4t und Reichtum des Ausdrucks zu entlocken. Das M\u00fcnchener Kammerorchester befindet sich im H\u00f6henflug seiner bisherigen Geschichte.<\/p>\n<p><strong>[Christoph Schl\u00fcren, April 2017]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das M\u00fcnchener Kammerorchester im H\u00f6henflug &#8211; Prinzregentheater, M\u00fcnchen, 6. 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