{"id":165,"date":"2015-10-12T23:36:45","date_gmt":"2015-10-12T21:36:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=165"},"modified":"2015-10-17T13:14:33","modified_gmt":"2015-10-17T11:14:33","slug":"juenger-einer-sondergeneration","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/10\/12\/juenger-einer-sondergeneration\/","title":{"rendered":"J\u00fcnger einer Sondergeneration"},"content":{"rendered":"<p>cpo 777 672-2, ISBN: 7 61203 76722 9<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Larssonbild_21.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-184\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Larssonbild_21-300x295.jpg\" alt=\"Larssonbild_2\" width=\"300\" height=\"295\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Larssonbild_21-300x295.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Larssonbild_21.jpg 310w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p><em>Das Symphonieorchester Helsingborg unter Andrew Manze spielt Orchesterwerke von Lars-Erik Larsson, Volume 2<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach der vielgelobten ersten Einspielung der Orchesterwerke des Schweden Lars-Erik Larsson schien es im Jahr 2011, als seien die Helsingborger Musiker mit ihrem Chefdirigenten dem Wunsch der Fachwelt nach einer Fortsetzung nachgekommen und haben diesen vom ersten H\u00f6reindruck her betrachtet auch tadellos erf\u00fcllt. Doch auch beim zweiten Mal d\u00fcrfte jeder unvoreingenommene und zugleich anspruchsvolle H\u00f6rer seine Befriedigung erfahren, hat man es, wie der engagierte Booklettext der vorliegenden CD aussagt, doch mit einem gewichtigen Vertreter der sogenannten klassischen Moderne Schwedens in zweiter Generation (Jahrg\u00e4nge 1900er Jahre) zu tun; einer Generation, die zugleich \u00e4sthetisch in sich geschlossen stand und daher, wie weiterhin zu lesen ist, als \u201eZwischengeneration\u201c wahrgenommen wurde. Wie nun Larsson in seinem langen und produktiven Leben dazu stand, ist nicht weiter relevant \u2013 bis auf die Tatsache, dass er als Symphoniker sowohl verkannt als auch extrem selbstkritisch war. Zu Unrecht, wenn man schon in seine zweite Symphonie hineinh\u00f6rt, die von Anfang zur Aufmerksamkeit zwingt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Symphonie Nr. 2 op. 17, gleich zu Beginn in entschiedenem e-Moll, l\u00e4sst in ihrem Ausdruck nahezu selbstverst\u00e4ndlich an Sibelius, in ihrem Temperament an Nielsen denken \u2013 kein Wunder, wenn man bedenkt, wie sehr Larsson beide Komponisten verehrte. Erfreulicherweise entfernt sich der Schwede dennoch von jeglichem Epigonentum, wenn man die Einf\u00e4lle, die Satzabschnitte und die Art der Themen und Motivverarbeitung durchh\u00f6rt, die sich deutlich von der Arbeit mit elementaren Motivpartikeln in sibelianischer Art abgrenzen. Neben der Tatsache kompositorischer Eigenst\u00e4ndigkeit, die man gerade in dieser Musik erst mal erkennen muss, ist es zudem die angemessene Art der Darbietung, die hier positiv auff\u00e4llt. Andrew Manze, der f\u00fcr seine lebendige, zuweilen radikale Geigerpraxis bekannt ist, h\u00e4lt sich grunds\u00e4tzlich an den Tempocharakter des ersten der drei Symphonies\u00e4tze, <em>Allegro<\/em> <em>con moto<\/em>, ohne ein sklavisches Metronomma\u00df durchzupeitschen: unter seiner Stabf\u00fchrung spielen die Helsingborger in z\u00fcgigem Fluss, der jedoch niemals gehetzt wirkt, trotz der oftmals affirmativen Paukenschl\u00e4ge. Stattdessen gelingt dem Orchester das Kunstst\u00fcck, dass ohne jegliche Rubati viele Zwischent\u00f6ne der reichen Themen und Farblandschaft zu h\u00f6ren sind, sowie eine durchf\u00fchlte Agogik in den Einzelstimmen. Sei es etwa das aufschwingende Hauptthema, welches die Klarinette gleich zu Beginn leicht, aber durchdacht artikuliert, wobei es weder oberfl\u00e4chlich noch sentimentalisierend klingt. Oder die Bydgedans-Begleitung der B\u00e4sse zu Beginn des D-Dur-Themas, die sich pointiert und voll, aber nicht zu beh\u00e4big geben. Da die SACD zudem den Vorteil hat, auf einem Standardplayer spielbar zu sein, bedarf es zum Erfahren der totalen Tonreichhaltigkeit nicht unbedingt einer Dolby Surround Anlage, um musikalischen Genuss und Anspruch zu auszukosten. Der wohl einzige Wehrmutstropfen liegt am Ende des Satzes: Da in der Coda das Allegro molto vivace-Tempo doch sehr buchst\u00e4blich genommen wird, kommt das Ende so abrupt, dass die Vielschichtigkeit dieser stimmungsvollen Musik etwas geschm\u00e4lert wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht einfach zu werten ist auch der zweite Satz, worin Larsson ein Andante und ein Scherzo miteinander verquickt. Dabei bietet das Andante zun\u00e4chst einen wunderbaren Kontrast, dessen kammermusikalische Linien (die in ihrer Motivik an die 2. Symphonie Brahms\u00b4 erinnern) die Helsingborger fein nachzeichnen. \u00dcberhaupt ist es das Orchester, welches dann durch seine Klangfreudigkeit im kritischen Scherzo \u00fcberzeugt. Kritisch deshalb, da die nahezu unabl\u00e4ssige Wiederholung desselben musikalischen Inhalts leicht redundant werden kann. Wobei man gerechtigkeitshalber hinzuf\u00fcgen muss, dass Larsson es auch hier versteht, seiner Partitur durch abwechslungsreiche und gekonnte Instrumentierung Steigerung und Entwicklung zu verleihen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Derlei Einw\u00e4nde d\u00fcrften im darauffolgenden Finale vergessen sein: Der <em>Ostinato<\/em> betitelte Kehraus rundet nicht nur die Symphonie dank Bezugnahme auf die Kopfsatzmelodie logisch ab, sondern ist auch f\u00fcr sich betrachtet einfach ein Glanzst\u00fcck des selbstkritischen Larsson: Wie sich die Thematik aus der Tiefe der Streicherb\u00e4sse entfaltet und zun\u00e4chst eine Passacaglia aufbaut, um schlie\u00dflich in einen immer dramatischeren Strudel \u00e0 la Schostakowitsch zu geraten, ist einfach ohnegleichen! Auch hier leistet wieder das Orchester makellose Arbeit, stets mit Hingabe und mit konsequenter Beherrschung des Tempos, auch in der riskanten <em>Presto<\/em>-Mitte. Und immer, selbst in den entfesselten Passagen, herrscht kultivierte Balance zwischen den Instrumentengruppen, trotz der eher m\u00e4\u00dfigen Orchestergr\u00f6\u00dfe von 61 Musikern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allein die Sinfonie also lohnt somit bereits den Kauf dieses Tontr\u00e4gers. Doch w\u00fcrde man Lars-Erik Larsson nicht gerecht, wenn den ebenfalls hier eingespielten Werken keine entsprechende Aufmerksamkeit gezollt w\u00e4re. In den Variationen f\u00fcr Orchester op. 50 beweist der Komponist, dass er auch fernab betont dramatischer Symphonik schreiben kann. Eine dezente Dodekaphonie bestimmt das Thema der Klarinette, das die daraufhin folgenden Varianten bestimmt. Im \u00fcberaus schwierigen Gebiet der Zw\u00f6lftonmusik bieten sich allein in formalpsychologischer Hinsicht oftmals wenige L\u00f6sungen, die vollends \u00fcberzeugen. Larsson geht das Problem jedoch recht klug an, indem er zum einen sehr aparte Instrumentierungen f\u00fcr seine huschende Motivik w\u00e4hlt, zum anderen seinen \u201eVariationen\u201c die M\u00f6glichkeit zur freien Entfaltung gibt, sowohl im Aufbau als auch im eher polytonalen denn wirklich dodekaphonischen Tonsatz. Der Streichersatz etwa in der Mitte dieses Opus 50 \u00fcberrascht aufgrund seiner Ruhe und seines j\u00e4hen Melos, das gegen Ende des St\u00fcckes nochmals eine Referenz erf\u00e4hrt, bevor statt eines Tuttifinales ein bed\u00e4chtig-ironischer Blechchoral das Werk abschlie\u00dft. Das Orchester wird dem geistreichen Charakter der Variationen durchaus gerecht, indem Manze auch hier auf die stete Balance in Klang und Tempo achtet. Gleichzeitig jedoch wirkt dieses Orchesterst\u00fcck in seinem g\u00e4nzlichen unemotionalen Charakter auch etwas unbeteiligt neutral, was aber vielleicht weniger am Werk selbst als an der Reihenfolge Symphonie-Variationen liegen d\u00fcrfte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nichts von diesen Mankos gilt f\u00fcr die <em>Barococo<\/em>-Suite f\u00fcr Orchester op. 64. Weder Altersknappheit noch sonstige Sp\u00e4tstil-Topoi pr\u00e4gen dieses Werk des 65-j\u00e4hrigen Komponisten, vielmehr burleske Heiterkeit und pfiffiger Humor. Allein schon in der <em>Entrata<\/em>, die ihren Bezug zu Strawinsky nicht verleugnet, gleitet das Orchester niemals in blo\u00df stilisierende Belanglosigkeit ab, sondern wird mit seiner l\u00e4ngst bewiesenen Spielfreude dieser burschikosen Er\u00f6ffnung musikalisch gerecht. Auch die nur scheinbar bed\u00e4chtigere <em>Gavott<\/em> offenbart einen bissigen Charakter, den die Helsingborger jedoch niemals \u00fcberziehen, sondern durch ihr konsequent musikalisches Gestalten eher best\u00e4rken. Dies gilt auch f\u00fcr die Stellen, wo sich Larsson verfremdende Zitate (so aus dem Thema der Gavotte von Bachs dritter Partita f\u00fcr Violine Solo in E-Dur) in noch fremderen Orchesterfarben erlaubt (Posaune, Fagotte sowie Streicherb\u00e4sse): man darf hier Persiflage nicht mit lustlosem Imitat verwechseln. Speziell ehemalige Suzuki-Geigensch\u00fcler werden sich beim Soloviolin-Zitat des Gavottthemas von Francois-Joseph Gossec ein Prusten oder Schmunzeln nicht verkneifen k\u00f6nnen. Von welchem Zusammenhalt die Violingruppe der Helsingborger ist, zeigt allein deren Solo in der <em>Serenata<\/em>, das bestechend klar und zugleich wie aus dem Hintergrund erklingt. Gleiches gilt f\u00fcr die Holzbl\u00e4ser, vor allem Klarinetten und Fagotte, im darauffolgenden Menuett, die sich hier einen augenzwinkernden, mitunter temperamentvollen Dialog mit dem \u00fcbrigen Orchester leisten. Dass diese Suite auch ruhigere Seiten hat, zeigt sich in der darauffolgenden Barkarol, deren pastoralen Charakter die Helsingborger durch klangliche Schlichtheit betonen, nicht ohne die Doppelb\u00f6digkeit dieses Tanzes zu unterstreichen. Schlie\u00dflich beweist das Orchester in der <em>Kadrilj &amp; Galop <\/em>ein letztes Mal, dass es dem quirligen Humor der Suite genauso gewachsen ist wie den Charakteristika aller St\u00fccke und Werke davor auch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Insgesamt also haben die Helsingborger mit dieser CD nicht nur ihre eigene Klasse und ihr Profil als ein nordisches Referenzorchester bewiesen. Auch Andrew Manze ist, obgleich die Aufnahme schon vier Jahre alt ist, als Dirigent immer noch eine Neuentdeckung, die sich keineswegs vor kommerziell etablierteren Gr\u00f6\u00dfen wie Simon Rattle oder Mariss Jansons zu verstecken braucht. Au\u00dferdem vermag diese Aufnahme dem H\u00f6rer ein vielf\u00e4ltiges Bild von Larsson und seinen Sch\u00f6pfungen zu vermitteln, unabh\u00e4ngig davon, ob man selbst Experte oder Liebhaber ist. Das Gesamtresultat sind somit gute Voraussetzungen, um Lars-Erik Larsson und allgemein seine \u201eSondergeneration\u201c, zu der auch Dag Wir\u00e9n und Allan Pettersson geh\u00f6ren, in ein noch helleres Licht zu r\u00fccken, als sie es in Schweden vielleicht schon sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Peter Fr\u00f6hlich, Oktober 2015]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>cpo 777 672-2, ISBN: 7 61203 76722 9 Das Symphonieorchester Helsingborg unter Andrew Manze spielt Orchesterwerke von Lars-Erik Larsson, Volume 2 Nach der vielgelobten ersten Einspielung der Orchesterwerke des Schweden Lars-Erik Larsson schien es im Jahr 2011, als seien die Helsingborger Musiker mit ihrem Chefdirigenten dem Wunsch der Fachwelt nach einer Fortsetzung nachgekommen und haben &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/10\/12\/juenger-einer-sondergeneration\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">J\u00fcnger einer Sondergeneration<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[131,130,132],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/165"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=165"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/165\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":185,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/165\/revisions\/185"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=165"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=165"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=165"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}