{"id":1651,"date":"2017-04-21T16:08:39","date_gmt":"2017-04-21T14:08:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1651"},"modified":"2017-04-22T01:34:30","modified_gmt":"2017-04-21T23:34:30","slug":"die-schoenheit-zeitloser-moderne","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/04\/21\/die-schoenheit-zeitloser-moderne\/","title":{"rendered":"Die Sch\u00f6nheit zeitloser Moderne"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">Naxos, LC 05537; EAN: 0747313359677<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Martin0008.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1652\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-1652\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Martin0008-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"380\" height=\"329\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Martin0008-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Martin0008-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Martin0008.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 380px) 100vw, 380px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Naxos widmet eine neue CD drei wichtigen Orchesterwerken des franz\u00f6sischen Komponisten Henri Dutilleux. Das Orchestre National de Lille unter der Stabf\u00fchrung von Darrell Ang \u2013 Preistr\u00e4ger u.a. des renommierten Dirigierwettbewerbs in Besan\u00e7on 2007 \u2013 kann dabei m\u00fchelos mit bekannteren Klangk\u00f6rpern mithalten.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Henri Dutilleux<\/em> (1916-2013) galt unter den bedeutenden franz\u00f6sischen Komponisten der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts als der Perfektionist schlechthin. \u00c4hnlich dem Amerikaner <em>Elliott Carter<\/em> schuf er in einem sehr langen Leben selbstkritisch ein \u00fcberschaubares Werk, wobei aber alle St\u00fccke quasi das Pr\u00e4dikat eines Meisterwerks erhalten k\u00f6nnten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Unter der Leitung des aus Singapur stammenden Dirigenten <em>Darrell Ang<\/em> (Jahrgang 1979) hat Naxos jetzt drei Orchesterwerke des franz\u00f6sischen Meisters herausgebracht; Aufnahmen, die sich allerdings gewichtiger Konkurrenz stellen m\u00fcssen. Beim Publikum wie auch den immer hochrangigen Interpreten, die Dutilleux\u2018 Werke urauff\u00fchren durften, erfreute sich der Komponist stets gro\u00dfer Beliebtheit. Denn \u2013 egal, welche Komplexit\u00e4t sich im Detail unter ihrer Oberfl\u00e4che auch verbergen mag \u2013 Dutilleux\u2018 Musik klingt zun\u00e4chst einmal einfach <em>sch\u00f6n<\/em>. Das verbindet vor allem sein Orchesterwerk etwa mit dem des Polen <em>Witold \u0141utoslawski<\/em>. Der Franzose hat sich immer dagegen gewehrt, einer bestimmten Schule zugeordnet zu werden; insbesondere trennten ihn Welten vom Dogmatismus der seriellen Musik der Darmst\u00e4dter \u2013 daher auch das gegenseitige Unverst\u00e4ndnis zwischen ihm und <em>Pierre Boulez<\/em>. Was den Umgang mit differenziertesten Orchesterfarben angeht, war Dutilleux vielleicht der bisher talentierteste franz\u00f6sische Komponist \u00fcberhaupt. Seine Harmonik ist ausgefeilt, beinhaltet aber meist noch tonale Bezugspunkte wie etwa Zentralt\u00f6ne. Inspiration hat er stets auch aus anderen K\u00fcnsten gewonnen: So ist <em>Timbres, espace, mouvement <\/em>eine Auseinandersetzung mit van Goghs ber\u00fchmten Gem\u00e4lde <em>La nuit \u00e9toil\u00e9e<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die <em>Zweite Symphonie <\/em>(1955-59) tr\u00e4gt den Untertitel <em>\u201aLe Double\u2018<\/em>, weil sich ein volles Orchester und dazu noch eine Kammermusikgruppe von nicht weniger als 12 Spielern gegenseitig bespiegeln, \u00fcberlagern und einige Konfrontationen durchstehen m\u00fcssen. Die klare Motivik des Beginns zieht sich satz\u00fcbergreifend durch die gesamte Symphonie, ver\u00e4ndert und entwickelt sich gro\u00dfr\u00e4umig, wobei auch Jazzelemente attraktiv Verwendung finden. Spieltechnisch kann sich das <em>Orchestre National de Lille<\/em> durchaus mit dem <em>Orchestre de Paris<\/em> (zwei Aufnahmen unter Daniel Barenboim bzw. Semyon Bychkov) messen. <em>Darrell Ang<\/em> sp\u00fcrt die klanglichen Sch\u00f6nheiten durchsichtig bis ins Detail auf \u2013 auch historische Bez\u00fcge sind sofort klar, etwa die N\u00e4he mancher Passagen des langsamen Satzes zu Strawinsky. Den ganz gro\u00dfen Bogen spannen kann er jedoch, verglichen mit Barenboim und Bychkov, hier noch nicht, bewegt sich aber immerhin auf dem Niveau von <em>Yan Pascal Tortelier<\/em> mit <em>BBC Philharmonic<\/em> (Chandos)<em>.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Timbres, espace, mouvement <\/em>klingt schon\u00a0vielversprechender. Die n\u00e4chtlichen Farben \u2013 hohe Streicher fehlen \u2013 in oft extremer Lage liegen <em>Ang<\/em> anscheinend au\u00dferordentlich. <em>Myst\u00e8re de l\u2019instant <\/em>(f\u00fcr 24 Streicher, Solo-Cymbalom &amp; Schlagzeug) wurde 1989 noch f\u00fcr Paul Sachers ber\u00fchmtes Basler Kammerorchester geschrieben und ist im Gegensatz zu den meisten Kompositionen Dutilleux\u2018 eher episodisch und kleinteilig aufgebaut. Hier gelingt eine rundum \u00fcberzeugende Darbietung, die sich auch vor den Einspielungen unter Sacher, Holliger oder Soustrot nicht verstecken muss. Lediglich einige (vermeintliche?) Exotismen geraten etwas zu vordergr\u00fcndig. Die Aufnahmetechnik bietet ein sehr detailreiches und r\u00e4umliches Klangbild, betont f\u00fcr meinen Geschmack jedoch die H\u00f6hen etwas zuungunsten der Mitten, was an manchen Stellen eine unn\u00f6tige Sch\u00e4rfe ergibt. Insgesamt ist dies sicher eine empfehlenswerte Dutilleux-Neuaufnahme, die einmal den Blick von um eine ganze Generation j\u00fcngeren Musikern auf das Werk des genialen Franzosen deutlich werden l\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>[Martin Blaumeiser, April 2017]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Naxos, LC 05537; EAN: 0747313359677 Naxos widmet eine neue CD drei wichtigen Orchesterwerken des franz\u00f6sischen Komponisten Henri Dutilleux. Das Orchestre National de Lille unter der Stabf\u00fchrung von Darrell Ang \u2013 Preistr\u00e4ger u.a. des renommierten Dirigierwettbewerbs in Besan\u00e7on 2007 \u2013 kann dabei m\u00fchelos mit bekannteren Klangk\u00f6rpern mithalten. 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