{"id":1663,"date":"2017-04-29T18:26:32","date_gmt":"2017-04-29T16:26:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1663"},"modified":"2017-05-01T14:33:56","modified_gmt":"2017-05-01T12:33:56","slug":"ein-flickenteppich-sticht-hervor","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/04\/29\/ein-flickenteppich-sticht-hervor\/","title":{"rendered":"Ein Flickenteppich sticht hervor"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Zwei Mal j\u00e4hrlich nimmt das Bruckner Akademie Orchester unter Leitung seines Chefdirigenten Jordi Mora mit einem neuen Programm die M\u00fcnchner B\u00fchnen im Sturm. Dieses Mal gibt es die d-Moll-Symphonie Bruckners, die &#8222;Nullte&#8220;, sowie die Sechste Symphonie Dmitri Schostakowitschs. Am 23. April 2017 spielte das Orchester im Kubitz Unterhaching und heute, einen Tag sp\u00e4ter, im M\u00fcnchner Herkulessaal der Residenz.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon l\u00e4ngere Zeit berichtete ich nicht mehr aus den gro\u00dfen S\u00e4len M\u00fcnchens. Grund war nicht mangelndes Angebot an Konzerten und namhaften Orchestern, sondern dass nichts wirklich bemerkenswert aus der klingenden Masse herausgestochen ist. Technische Perfektion und roboterhafte Makellosigkeit sind an der Tagesordnung, viel zu oft allerdings auf Kosten des tats\u00e4chlichen Ersp\u00fcrens der Musik, auf Kosten von Inspiration und Einmaligkeit der Auff\u00fchrung. Ein ganz anderes Bild erwartet den H\u00f6rer am heutigen Abend des 24. April 2017 im Herkulessaal beim Auftritt Jordi Moras mit seinem Bruckner Akademie Orchester. Das Orchester ist ein bunter Flickenteppich bestehend aus professionellen Musikern, ambitionierten Laien und musikalischen Nebenberuflern sowie einigen jungen Talenten. Was sie verbindet, ist ihre Liebe zur Musik sowie der Anspruch, das Maximum aus den T\u00f6nen herauszuholen. Auf erstaunlich hohem technischen Niveau findet die Arbeit musikalisch statt, und so sticht dieses Orchester hervor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Programm enth\u00e4lt keinen wirklichen Publikumsmagneten, und Werbung gab es keine bis wenig, also blieb der Herkulessaal kaum halb besetzt. Viele potentiell Interessierte lie\u00dfen sich diese Gelegenheit entgehen (zumal bei 35 \u20ac f\u00fcr die beste Kategorie, einem f\u00fcr diesen Saal minimalen Kostenaufwand), Musik auf au\u00dfergew\u00f6hnlich gro\u00dfartigem Niveau zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die &#8222;Nullte&#8220; Symphonie Bruckners ist nicht etwa vor der Ersten komponiert, sondern danach und wurde vom Komponisten als ung\u00fcltig, &#8222;annulirt&#8220;, abgehakt, erhielt folglich ihren Beinamen. Dabei ist das etwa 40-min\u00fctige Werk durch und durch echter, kerniger, feinsinniger Bruckner, enth\u00e4lt herrliche Steigerungen und ist durchgehende stringent aufgebaut, mit einem gro\u00dfen Zug voll magischer Momente. Jordi Mora h\u00e4lt die Form energetisch zusammen und beweist im gemeinschaftlichen Tun durchweg den \u00dcberblick \u00fcber das Gesamte. Jeder Einsatz hat seine unverr\u00fcckbare, unersetzliche Funktion im orchestralen Geflecht, keine Themenwiederholung wird mechanisch gleichartig aufgefasst, alles erh\u00e4lt kontextbezogen einzigartige Wertigkeit, unwiderstehliche Intensivierung und innerlich nachklingende Wirkung. Der weit ausgreifende Kopfsatz gelingt kristallklar und zutiefst ergreifend, der langsame Satz verzaubert in unerh\u00f6rter Zartheit, und das mit durchaus d\u00e4monischen Z\u00fcgen durchsetzte Scherzo treibt aus der Tiefe gl\u00fchend voran. Manche Momente im Finale gemahnen \u00fcberraschend ein wenig an die Mannheimer Schule, angereichert durch beinahe Mendelssohn&#8217;sche Klangwelten, von Mora besonders farbenpr\u00e4chtig hervorgehoben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein formal gewagtes Experiment stellt die Sechste Symphonie Schostakowitschs dar, haupts\u00e4chlich aus dem weit ausgedehnten Largo-Hauptsatz bestehend. An diesen schlie\u00dft ein Allegro an, und die Symphonie endet mit einem \u00fcberm\u00fctig turbulenten Presto, die beiden letzten S\u00e4tze sind dabei zusammen k\u00fcrzer als der erste. Somit ist die gesamte Symphonie ein auskomponiertes Beschleunigen, aus dem inneren Leiden hin zu rasendem Tollen, immer wilder und ungez\u00fcgelter werdend. Der erste Satz wird unter Mora \u00e4u\u00dferst getragen und tiefsch\u00fcrfend dargeboten und flie\u00dft doch best\u00e4ndig und unaufhaltsam durch all die harmonischen Schr\u00e4gheiten, die vom Orchester deutlich hervorgeholt und in ihren mannigfachen Bez\u00fcgen erf\u00fchlt werden. Die schnellen S\u00e4tze rei\u00dfen mit Witz und Charme mit, verleugnen auch nicht unterhaltungsmusikalische Elemente, die dennoch den unbedingten Ernst und die irrationale Doppelb\u00f6digkeit Schostakowitschs \u00fcberall durchklingen lassen. Hier k\u00f6nnen die Musiker auch technisch ihr K\u00f6nnen auf die Probe stellen, die Solisten, Stimmf\u00fchrer und besonders der grandiose Konzertmeister leisten Phantastisches. Und die Technik degeneriert nicht f\u00fcr eine Sekunde zum Selbstzweck, alles geschieht immer im Dienst der Musik und der dynamischen Formwerdung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jordi Mora ist das absolute Gegenteil eines Selbstdarstellers, er gibt wenig auf \u00e4u\u00dfere \u00c4sthetik seiner Bewegungen oder showbetonte Eleganz. Seine Bewegungen werden vom K\u00f6rperinneren gef\u00fchrt, wie im Tai Chi sind die Arme lediglich die Vermittler einer mittig fokussierten Kraft, die in ihrer Zentrierung meditative Ruhe und kraftvolle Flexibilit\u00e4t ausstr\u00f6mt, was sich unmittelbar auf die Musiker \u00fcbertr\u00e4gt. Diese folgen jedem Wink ihres Dirigenten, sind ein brillant eingespieltes Team und haben sichtlich Freude am Musizieren. Freude haben auch die H\u00f6rer angesichts solch eines \u00fcberragenden Konzerts, das mit geradezu frenetischem Applaus endet. In einem Jahr, also wieder in der Woche nach Ostern, werden wir wohl die Neunte Symphonie Gustav Mahlers von diesen Musikern h\u00f6ren d\u00fcrfen, und vielleicht versteht man es ja dann auch, vorher ein bisschen effizienter daf\u00fcr zu werben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, April 2017]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Zwei Mal j\u00e4hrlich nimmt das Bruckner Akademie Orchester unter Leitung seines Chefdirigenten Jordi Mora mit einem neuen Programm die M\u00fcnchner B\u00fchnen im Sturm. Dieses Mal gibt es die d-Moll-Symphonie Bruckners, die &#8222;Nullte&#8220;, sowie die Sechste Symphonie Dmitri Schostakowitschs. Am 23. 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