{"id":1666,"date":"2017-05-01T14:33:03","date_gmt":"2017-05-01T12:33:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1666"},"modified":"2017-05-01T14:33:03","modified_gmt":"2017-05-01T12:33:03","slug":"einer-der-ganz-grossen-dirigenten-jiri-belohlavek-und-die-br-symphoniker-in-tschechischen-gefilden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/05\/01\/einer-der-ganz-grossen-dirigenten-jiri-belohlavek-und-die-br-symphoniker-in-tschechischen-gefilden\/","title":{"rendered":"Einer der ganz gro\u00dfen Dirigenten &#8211; Ji\u0159\u00ed B\u0115lohl\u00e1vek und die BR-Symphoniker in tschechischen Gefilden"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Warum eigentlich so selten, und warum immer mit tschechischem Programm? Nach sechs Jahren gastierte Ji\u0159\u00ed B\u0115lohl\u00e1vek, der Chefdirigent der Tschechischen Philharmonie, erstmals wieder am Pult des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks in M\u00fcnchen. Nat\u00fcrlich gibt es heute keinen, der wie er die Werke von Dvo\u0159\u00e1k, Jan\u00e1\u010dek oder Martin\u016f meisterhaft einzustudieren vermag (nicht einmal sein einstiger Sch\u00fcler Jakub Hr\u016fsa, der neue Chefdirigent der Bamberger Symphoniker, ist ihm hier ebenb\u00fcrtig, aber er hat ja auch noch einige Jahre Zeit\u2026), doch B\u0115lohl\u00e1vek ist heute ein so \u00fcberragender Musiker, dass es mehr als bedauerlich und de facto ein Fehler ist, ihn international als Spezialisten zu konsultieren, wie dies auch seine Plattenfirma Decca sehr erfolgreich tut. Denn er ist nicht weniger gro\u00dfartig als Dirigent der Klassiker Mozart, Beethoven oder Schubert, und im romantischen Repertoire kennen wir ihn hier bis auf ein bisschen Mendelssohn, Brahms und Tschaikowsky \u00fcberhaupt nicht. Dort er mutma\u00dflich ebenso Wesentliches zu sagen. Also gebt ihm doch zumindest n\u00e4chstes Mal eine Mozart- oder Beethoven-Symphonie, dass er das kein wie kaum ein anderer, hat er vor allem beim Aufbau der Prager Philharmonie schlagend bewiesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Abend in der M\u00fcnchner Philharmonie am Gasteig beginnt mit einem chorischen Arrangement der 2. Serenade f\u00fcr 2 Geigen und Bratsche von Bohuslav Martin\u016f, einer f\u00fcr den Komponisten typischen, zwischen geistreichem Klassizismus und innig b\u00f6hmischem Musikantentum angesiedelten kurzen Dreis\u00e4tzer der drei\u00dfiger Jahre. Nach sieben Minuten ist das grazile Vergn\u00fcgen vorbei, und da bleibt keine Zeit f\u00fcr ein Warm up der Ohren. B\u0115lohl\u00e1vek hat sich \u00e4u\u00dferlich ver\u00e4ndert, ist von schwerer Krankheit gezeichnet, die zu \u00fcberleben wir nicht nur ihm, sondern ganz dringend auch der ganzen Musikwelt w\u00fcnschen m\u00fcssen! Fein, zart, durchscheinend, mit unbestechlichem Sinn f\u00fcr die kontrastierenden Charaktere, absoluter Liebe und Meisterschaft in den Details, und absolut ohne jede Pose. Dieser Mann dient in seinem ganzen Wirken ausschlie\u00dflich der Musik und hat in der v\u00f6lligen Hingabe keinen Platz f\u00fcr Selbstdarstellung \u2013 um den Preis, nicht zu den modischen Superstars zu geh\u00f6ren, denen er als Musiker ohnehin \u00fcberlegen ist. Zugleich ist auch eine Ver\u00e4nderung in seinem Musizieren zu sp\u00fcren \u2013 mit zunehmender Reifung ist das nicht zu erfassen, es hat sicher mit dem Leiden und der Krankheit zu tun, dass B\u0115lohl\u00e1veks Musizieren eine Gel\u00f6stheit und Luzidit\u00e4t vermittelt, die jenseits des gesch\u00e4ftigen Betriebs steht. Hier steht ein Mann, der niemandem mehr etwas beweisen will und muss, der ganz im kreativen Akt aufgeht, dessen F\u00fchrung bei aller Sicherheit und Klarheit mit einer heroischen Fragilit\u00e4t und filigranen Nat\u00fcrlichkeit einnimmt, wie sie nur bei den ganz Gro\u00dfen zu finden sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es folgt eine 1999 von Jaroslav Smolka zusammengestellte, sechss\u00e4tzig umfangreiche Suite aus Leo\u0161 Jan\u00e1\u010deks skurriler Oper \u201aDie Ausfl\u00fcge des Herrn Brou\u010dek\u2019. Ein wirkliches Korrelieren zu geschlossener Ganzheit ist hier nicht m\u00f6glich, da die ausgew\u00e4hlten Passagen nun doch zu episodisch aufeinanderfolgen. Freilich ist insbesondere der vorletzte Satz, der unter Attacken sich vorw\u00e4rtsbewegende Hussiten-Choral, von herrlicher Wirkung. Und das Orchester spielt unter B\u0115lohl\u00e1vek gro\u00dfartig, mit h\u00f6chster Durchsichtigkeit auch in komplexeren Fortissimo-Bereichen und dort, wo die Orchestration nicht optimal angelegt ist, um alles deutlich hervorzubringen, werden immer wieder echte Wunder vollbracht. Auch hier hat jede Einzelheit ein klares Gesicht, der Tonfall ist erstaunlich idiomatisch getroffen. Besser d\u00fcrfte das unter den gegebenen Umst\u00e4nden nicht zu machen sein!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach der Pause singt Magdalena Ko\u017een\u00e1 die Biblischen Lieder von Anton\u00edn Dvo\u0159\u00e1k. Leider hat sie f\u00fcr diese zehn herrlich schlichten Lieder eine exklusiv f\u00fcr sie angefertigte Instrumentation mitgebracht, und man frag sich nun wirklich, was das soll. Warum spielen hier Klarinetten statt Geigen, und dort Geigen statt Fl\u00f6ten, und warum werden immer wieder auch konkret T\u00f6ne ge\u00e4ndert? Das alles ist zwar keine Katastrophe, aber auf jeden Fall das Gegenteil einer Verbesserung, und ich verstehe nicht so recht, warum man heute noch so etwas macht. Sicher singt sie wunderbar, sie hat einfach eine hinrei\u00dfende Stimme. Ich finde aber auch, dass sie die Musik dramatischer auffasst als dem Gehalt angemessen, eher Richtung Wagner\u2019schen Dramas als biblischer W\u00fcrde. Der Erfolg beim Publikum ist freilich gro\u00df, und dass der volkst\u00fcmlich sakrale Charakter der Lieder sich nicht wirklich einstellen kann, merkt dann doch nur, wer die Musik kennt oder eine klare Vorstellung davon hat. Und das ist fast niemand. Es ist auch nicht ganz einfach, Magdalena Ko\u017een\u00e1s subtilen agogischen Eigenwilligkeiten zu folgen, doch hier beweits B\u0115lohl\u00e1vek eine souver\u00e4n ruhige und reaktionsschnelle Hand. Und singen kann sie ja nun doch fraglos auf herausragendem Niveau.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Schluss der grandiose H\u00f6hepunkt des Konzerts: Leo\u0161 Jan\u00e1\u010deks dreis\u00e4tzige tragische symphonische Dichtung \u201aTaras Bulba\u2019 nach Gogol. Es ist atemberaubend, wie sich selbst im dichtesten eruptiv aufgipfelnden Geflecht immer die entscheidenden Stimmen durchsetzen k\u00f6nnen, und ebenso frappierend ist, wie es B\u0115lohl\u00e1vek gelingt, mit klarer Vorstellung die extremen Kontraste zu sinnf\u00e4llig sich entfaltendem Zusammenhang zu b\u00fcndeln. Das Orchester beweist wieder einmal seine ganz gro\u00dfe Klasse, die Auff\u00fchrung wird zu einem Triumph der Musik, wie er ganz selten zu erleben ist. Schade nur, dass sich das Publikum in M\u00fcnchen f\u00fcr tschechische Musik des 20. Jahrhunderts nur bedingt zu interessieren scheint, der Saal also mit vielen L\u00fccken gl\u00e4nzte. Dem Dirigenten lag freilich am Schluss nicht nur das Orchester, sondern auch das Publikum zu F\u00fc\u00dfen. Seit V\u00e1clav Talich hat Tschechien keinen solch umfassenden Meisterdirigenten hervorgebracht. Seinen einstigen Lehrmeistern Josef Vl\u00e1ch und Sergiu Celibidache macht Ji\u0159\u00ed B\u0115lohl\u00e1vek alle Ehre. Und so \u00fcberw\u00e4ltigend kann Leo\u0161 Jan\u00e1\u010dek sein.<\/p>\n<p><strong>[Christoph Schl\u00fcren, April 2017]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum eigentlich so selten, und warum immer mit tschechischem Programm? Nach sechs Jahren gastierte Ji\u0159\u00ed B\u0115lohl\u00e1vek, der Chefdirigent der Tschechischen Philharmonie, erstmals wieder am Pult des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks in M\u00fcnchen. 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