{"id":1669,"date":"2017-05-03T22:52:26","date_gmt":"2017-05-03T20:52:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1669"},"modified":"2017-05-03T22:54:30","modified_gmt":"2017-05-03T20:54:30","slug":"unvollendbarkeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/05\/03\/unvollendbarkeit\/","title":{"rendered":"Unvollendbarkeit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Orfeo, C 922 171 A; EAN: 4 011790 922126<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/0094.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1670\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-1670\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/0094-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"330\" height=\"286\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/0094-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/0094-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/0094.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 330px) 100vw, 330px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die vierundzwanzig \u00c9tudes Fr\u00e9d\u00e9ric Chopins, auf die beiden Opera 10 und 25 verteilt, sind in einer neuen Einspielung des israelischen Pianisten Amir Katz f\u00fcr Orfeo zu h\u00f6ren.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweifelsohne sind die 24 Et\u00fcden von Fr\u00e9d\u00e9ric Chopin ein Meilenstein der Klavierliteratur. Nicht nur in technischer Hinsicht sind sie revolution\u00e4r, sondern auch hinsichtlich der Dichte des Ausdrucks und Klarheit der Aussage. Jede der Miniaturen ist f\u00fcr sich ein ganzes Universum, vereint Reduktion auf das Wesentlichste und Schlichtestes mit h\u00f6chsten Anforderungen an die Finger- und vor allem auch Armtechnik. Dabei beschr\u00e4nkt sich jede der Et\u00fcden nur auf wenige Herausforderungen, und diese werden auf unterschiedlichste Weise beleuchtet, quer durch kontr\u00e4re Tonarten und Dynamikschattierungen geschleust, und verlangen somit Flexibilit\u00e4t, \u00e4u\u00dferste Pr\u00e4zision der Ausf\u00fchrung und nicht zuletzt physische Ausdauer. Obgleich nat\u00fcrlich ein zyklischer Zusammenhang besteht, m\u00fcsste doch eigentlich jedes St\u00fcck f\u00fcr sich alleine betrachtet werden, auch hinsichtlich der pianistischen Darbietung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Amir Katz stellt sich f\u00fcr Orfeo der Herausforderung aller 24 \u00c9tudes. Zuhause ist der israelische Pianist besonders in filigranen und feingliedrigen Passagen. Leichtigkeit und Beschwingtheit liegen Katz im Blut, er brilliert durch feine melodische Gestaltungsgabe in den w\u00fcstesten Notenfluten, in s\u00e4mtlichen von Chopin mit <em>brillante<\/em> oder <em>leggiero<\/em> gekennzeichneten Stellen. So flie\u00dfen Nummern wie Op. 10 Nr. 5, Op. 25 Nr. 2 und vor allem die ber\u00fcchtigte Terzenet\u00fcde Op. 25 Nr. 6 in herrlicher Ungezwungenheit und M\u00fchelosigkeit dahin, beeindrucken dabei mit gehaltvoller Ausdruckskraft. Auch in der gespreizten Lage vermag Katz den Fluss aufrecht zu erhalten, sei es mit ph\u00e4nomenalem Legato (Op. 25 Nr. 10), im spielerischen Staccato-Marcato (Op. 25 Nr. 4) oder mit Hervorhebung der verschiedenen Stimmen (Op. 10 Nr. 10). Nun w\u00e4re noch w\u00fcnschenswert, dass Amir Katz sich auch einmal den einfachsten Melodien in gleicher Subtilit\u00e4t n\u00e4hert wie er es in den komplexen Passagen so eindrucksvoll unter Beweis stellt. Die blo\u00dfen Melodien tragen nicht, haben kaum Volumen oder vokale Qualit\u00e4t, bleiben auf blo\u00dfer Tasten-Ebene. Wie herrlich w\u00e4re es, beispielsweise die Melodiestimme von Op. 25 Nr. 1 wirklich in ihrem s\u00e4ngerischen Ausdrucksspektrum zu vernehmen oder den Lento-Beginn von Op. 25 Nr. 7 als zarte Kantilene erfassen zu k\u00f6nnen. Besonders deutlich wird der Kontrast in der &#8222;Winterwind&#8220;-Et\u00fcde Op. 25 Nr. 11: W\u00e4hrend die virtuose Hand fein und in bestechender musikalischer Qualit\u00e4t brilliert, bleiben die anderen Stimmen blass und fahl, der Choral wird in keiner Weise entfaltet. In den langsameren Et\u00fcden kompensiert Katz diese Schw\u00e4che mit schnellerem Tempo, hier wird sein Manko besonders \u00a0augenf\u00e4llig. Ebenso in der &#8222;Schmetterlings-Et\u00fcde&#8220; Op. 25 Nr. 9: da fehlt die Leichtigkeit und das &#8222;Torkeln&#8220; des Daumens, da w\u00e4re leisere Grunddynamik und gr\u00f6\u00dfere Verspieltheit erforderlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch bei Amir Katz wird einmal mehr ersichtlich, wie umfassend die 24 Et\u00fcden Chopins den Pianisten herausfordern, bei den allerwenigsten gelingen alle Et\u00fcden in einigerma\u00dfen gleichbleibender Qualit\u00e4t, kaum einer wird allen diametral entgegengesetzten Schwierigkeiten musikalischer Natur gleicherma\u00dfen gerecht. Auch bei technischer Perfektion und reflektierter Darbietung wird im Laufe des Zyklus ersichtlich, wo pers\u00f6nliche St\u00e4rken liegen und wo noch intensivere Erarbeitung von Subtilit\u00e4ten vonn\u00f6ten ist. Die Arbeit an solchen musikalischen Kristallen h\u00f6rt sicherlich niemals auf und genau das zeichnet diese Werke eben auch aus: die schiere Unm\u00f6glichkeit einer vollendeten Auff\u00fchrung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, April 2017]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Orfeo, C 922 171 A; EAN: 4 011790 922126 Die vierundzwanzig \u00c9tudes Fr\u00e9d\u00e9ric Chopins, auf die beiden Opera 10 und 25 verteilt, sind in einer neuen Einspielung des israelischen Pianisten Amir Katz f\u00fcr Orfeo zu h\u00f6ren. Zweifelsohne sind die 24 Et\u00fcden von Fr\u00e9d\u00e9ric Chopin ein Meilenstein der Klavierliteratur. 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