{"id":1674,"date":"2017-05-06T23:33:29","date_gmt":"2017-05-06T21:33:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1674"},"modified":"2017-05-06T23:34:05","modified_gmt":"2017-05-06T21:34:05","slug":"ein-schalk-als-held","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/05\/06\/ein-schalk-als-held\/","title":{"rendered":"Ein Schalk als Held"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Capriccio, C9006; EAN: 8 45221 09006 1<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/IMG_3036.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1675\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-1675\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/IMG_3036-225x300.jpg\" alt=\"IMG_3036\" width=\"284\" height=\"379\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/IMG_3036-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/IMG_3036-768x1024.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 284px) 100vw, 284px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>In einer Koproduktion von Capriccio und EntArte Opera wurde erstmalig Walter Braunfels&#8216; Oper Ulenspiegel eingespielt, wenngleich in reduzierter Orchesterfassung durch Werner Steinmetz. Das Israel Chamber Orchestra unter Martin Sieghart spielt gemeinsam mit dem von Franz Jochum einstudierten EntArteOpera Choir. Die Hauptpartien singen Marc Horus (Till Ulenspiegel), Christina Ratzenb\u00f6ck (Nele), Joachim Goltz (Profoss) und Hans Peter Scheidegger (Klas).<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Knappe 100 Jahre lag diese Oper im Verborgenen. Walter Braunfels hatte sich nach dem ersten Weltkrieg von diesem antikatholischen Werk distanziert, da er selbst vom Protestantismus zum Katholizismus konvertiert war. Erst 2011 wurde die 1913 komponierte Oper neu entdeckt und in Gera auf die B\u00fchne gebracht. 2014 schlie\u00dflich wurde Ulenspiegel in Linz erneut aufgef\u00fchrt und anschlie\u00dfend aufgenommen, allerdings in einer Fassung f\u00fcr kleineres Orchester, die eigens von Werner Steinmetz angefertigt wurde. Dies kommt der Rezeption insofern zugute, als es die S\u00e4nger schwer hatten, sich gegen das vollbesetzte Orchester zu behaupten. Noch immer sind manche Partien durch die Dopplungen herausfordernd, allerdings durchaus im Bereich des Realisierbaren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Libretto stammt von Braunfels selbst, basierend auf einem Roman von Charles de Coster. Die Geschichte des ber\u00fchmten Schalks wird zum Kriegsdrama ausgebaut, Ulenspiegel erscheint als Widerstandsk\u00e4mpfer gegen die spanische Besetzung und k\u00e4mpft trotz Folter und Gefangenschaft gegen die Unterdr\u00fccker. Die kollektiv blutr\u00fcnstige Kriegslust vor dem Ausbruch des ersten Weltkriegs ist unverkennbar, das Werk ist politisch ambitioniert, preist patriotische Aufopferung und Heldentum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Oper ist markant im Tonfall, bleibt streckenweise mit gro\u00dfem Wiedererkennungswert im Ohr und ist reich an Durchchromatisierung und raffinierten Details. Es gibt keine \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Neuerungen in dieser Musik, doch mangelt es nicht an interessanten Feinheiten und erlesener Liebe zum Detail.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das trotz starker Reduzierung klangvoll erscheinende Orchester klingt im Tutti oft nicht gerade transparent, und nicht allzu oft gelingt es Martin Sieghart, die w\u00fcnschenswerte Luzidit\u00e4t zu erreichen. Allgemein mangelt es an dynamischem Fluss und Breite des Spektrums. Die reinen Orchesterpassagen weisen mehr an bemerkenswerter musikalischer Ausgestaltung auf, und immer wieder gelingt es doch, den H\u00f6rer mit manch sch\u00f6nem Momente in den Bann zu ziehen. Inspiriert funkelnd ist die Partie der Nele mit Christa Ratzenb\u00f6ck besetzt, die sich in ihre Rolle f\u00f6rmlich eingelebt hat und die halsbrecherischen Partien m\u00fchelos meistert, obwohl einige tiefe T\u00f6ne schon die Untergrenze ihrer Sopranlage sprengen. Marc Horus als Ulenspiegel kann im Pianobereich \u00fcberzeugen, wirkt in aufbrausenden Momenten hingegen etwas gek\u00fcnstelt, \u00fcberbetont auch vieles; seine schauspielerische Leistung ist fesselnd und zweifellos eigenartig und ungew\u00f6hnlich. Klas, gesungen von Hans Peter Scheidegger, \u00fcberzeugt in seiner recht kurzen Partie, und auch Joachim Goltz ist als Profoss keineswegs fehlbesetzt. Am \u00fcberzeugendsten agiert jedoch der in der Oper oft erscheinende EntArteOpera Choir, einstudiert von Franz Jochum, der mit Einheit des Ausdrucks und B\u00fcndelung der Energie erg\u00f6tzt, auch in Phrasierung und Tongebung zu gefallen wei\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie auch die anderen k\u00fcrzlich erschienen CDs mit Musik von Walzer Braunfels bei Capriccio ist vorliegendes Album eine Empfehlung wert. Zwar vermag die Darbietung nicht immer vollst\u00e4ndig \u00fcberzeugen, doch tut dies die Musik einer vernachl\u00e4ssigten Gr\u00f6\u00dfe am Opernfirmament.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, Mai 2017]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Capriccio, C9006; EAN: 8 45221 09006 1 In einer Koproduktion von Capriccio und EntArte Opera wurde erstmalig Walter Braunfels&#8216; Oper Ulenspiegel eingespielt, wenngleich in reduzierter Orchesterfassung durch Werner Steinmetz. Das Israel Chamber Orchestra unter Martin Sieghart spielt gemeinsam mit dem von Franz Jochum einstudierten EntArteOpera Choir. 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