{"id":1679,"date":"2017-05-18T22:35:51","date_gmt":"2017-05-18T20:35:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1679"},"modified":"2017-05-18T22:36:01","modified_gmt":"2017-05-18T20:36:01","slug":"ideales-musizieren","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/05\/18\/ideales-musizieren\/","title":{"rendered":"Ideales Musizieren"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><em>Zw\u00f6lf Jahre lang hat Lavard Skou Larsen als Chefdirigent die Deutsche Kammerakademie Neuss am Rhein geleitet und in dieser Zeit aus einem Klangk\u00f6rper auf gutem Regionalniveau ein Weltklasseorchester geformt. Nun dirigierte Skou Larsen sein letztes Konzert als Chefdirigent im Neusser Zeughaus mit Wolfgang Amadeus Mozarts Zauberfl\u00f6te-Ouvert\u00fcre, dem Violinkonzert von Robert Schumann mit der britischen Solistin Priya Mitchell, der Urauff\u00fchrung eines kleinen Streicherwerks des hochbegabten jungen rum\u00e4nischen Komponisten Lucian Beschiu und der Symphonie in h-moll D 759, der \u201aUnvollendeten\u2019, von Franz Schubert.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Mozarts Zauberfl\u00f6te-Ouvert\u00fcre ist eines der heikelsten Werke der gesamten Orchesterliteratur, und nicht zuf\u00e4llig ist sie neben der Fledermaus-Ouvert\u00fcre von Johann Strau\u00df jr. DAS Standardst\u00fcck bei Probedirigaten. Lavard Skou Larsen lie\u00df die langsame Einleitung sehr geschmeidig und mit verhaltener Kraft erstehen, der Allegro-Hauptsatz kam mit einer unglaublich fesselnden Mischung von prickelnder Brillanz, Leichtig- und Wendigkeit, erdverbundener Kraft und artikulatorisch so unvorhersehbarer wie unwiderstehlich bezwingender Eleganz zur Entfaltung. Das St\u00fcck entstand wie aus einem Guss unter Herausarbeitung all der Mannigfaltigkeit der Details, und auch nur der Anflug eines Gef\u00fchls f\u00fcr physikalische L\u00e4nge konnte sich bei dem durchgehenden Spannungsbogen nicht einstellen. Die ganze Musik schien in einem einzigen Moment zu entstehen und ihren Bau zu errichten. So kann und sollte Mozart sein, und doch frage ich mich, wann ich ihn so geh\u00f6rt habe \u2013 auch \u00fcbrigens, was die Auff\u00e4cherung der \u00fcberw\u00e4ltigend sinnlichen Farbenpracht betrifft. Das St\u00fcck allein h\u00e4tte gereicht, um die H\u00f6rer, die nach einem tieferen Sinn in der Musik suchen, gl\u00fccklich zu entlassen. Doch es ging nat\u00fcrlich weiter\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das Violinkonzert von 1853 ist Robert Schumanns letztes gro\u00dfes Orchesterwerk, und der gravit\u00e4tische Allegro-Kopfsatz geh\u00f6rt zum \u00dcberw\u00e4ltigendsten, was der bald darauf geistiger Umnachtung anheimgefallene Komponist an Symphonischem zu Papier brachte. Priya Mitchell fasst das Konzert sehr frei auf, im Agogischen insgesamt dann doch zu frei, wodurch sich eine durchtragende Spannung nicht einstellen kann und den Reizen unterschiedlicher Momente sehr eigent\u00fcmlichen Ausdruckswillens geopfert wird. Freilich hatte ihr Spiel vor allem im \u00e4u\u00dferst zart realisierten langsamen Satz unbestreitbaren Zauber. Im Finale konnte von restloser technischer Beherrschung nicht die Rede sein, doch das ging auch schon ber\u00fchmteren Solisten so bei diesem in der Schreibweise f\u00fcr die Geige extrem sperrigen und angesichts der gelegentlich halsbrecherischen Schwierigkeiten auch etwas undankbaren Konzert. Hier muss durch innere Substanz wettgemacht werden, was an \u00e4u\u00dferem Glanz nicht zu erzielen ist, und daf\u00fcr braucht es nicht nur Poesie, sondern vor allem auch die Vision und Kraft zur Umsetzung des Ganzen. Und da w\u00e4re dann zu w\u00fcnschen, dass die Solistin bei ihren Extravaganzen nicht nur ihre Stimme im Auge h\u00e4tte, sondern auch das orchestrale Geflecht mit seiner herrlich durchbrochenen Polyphonie. Dass dies nicht wirklich durchgehend entstehen konnte, lag an den vielen Haken, die sie schlug, und bei denen ihr Lavard Skou Larsen und seine Truppe mit schier unfassbarer Beh\u00e4ndigkeit folgte wie eine Raubkatze, die ihre Beute in jedem Moment fassen k\u00f6nnte \u2013 mit der Einschr\u00e4nkung, dass diese Katze sich hier als Besch\u00fctzerin erweist, die die Solistin auch im extremen Pianissimo durchklingen l\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nach der Pause kam das Lento rubato f\u00fcr Streichorchester des 1986 geborenen Rum\u00e4nen Lucian Beschiu zur Urauff\u00fchrung. Er h\u00e4tte f\u00fcr sein im Kern und in allen Nuancen so zauberhaftes wie eigenst\u00e4ndiges Werk keine liebevolleren und souver\u00e4neren Ausf\u00fchrenden finden k\u00f6nnen als die Deutsche Kammerakademie mit ihren Solisten Sebastian Casleanu (Violine), Danka Nikolic (Bratsche) und Milan Vrsajkov (Cello) unter der mit seinen Musikern zu vollendeter Einheit verschmelzenden Leitung Skou Larsens. Was f\u00fcr eine Musik schreibt Beschiu? Seine Harmonik hat ihren absolut unverkennbaren Eigenton, und sie bildet die Grundlage der ganzen Entfaltung melodischer Gestalten, rhythmisch-metrischer Finessen, feinsinnig kontrastierender Charaktere. Die Musik hat etwas wundervoll Schwereloses, Lichtes, Transparentes, Zerbrechliches und zugleich stets Flie\u00dfendes, geradezu Engelhaftes, und sie spricht mit einem unschuldig beseelten Ton, als h\u00e4tte sie es \u00fcberhaupt nicht n\u00f6tig, sich gegen die hochtrabende Konkurrenz zeitgen\u00f6ssischer Avantgarde und Popul\u00e4rklassik zu behaupten \u2013 etwa nach dem Motto: Macht ihr doch, was ihr wollt, ich bewege mich unsichtbar zwischen euren Mauern hindurch. Stilistisch k\u00f6nnte man Einfl\u00fcsse von John Foulds zu erkennen meinen (in den raumgreifenden Quintparallelbewegungen und melodischen Spiegelungen, aber auch in der Luzidit\u00e4t des Tons und Ausdrucks \u00fcberhaupt), und mancher mochte vielleicht an Ravel denken, vielleicht auch ein wenig an des Komponisten rum\u00e4nische Heimat, deren Melancholie gegen Schluss ohne jede Wehleidigkeit f\u00fcr ein Tr\u00f6pfchen mehr Dunkelheit sorgte, vielleicht sogar ein bisschen an B\u00e9la Bart\u00f3k. Doch all das sagt eben nicht aus, wie die Musik von Beschiu ist \u2013 es mag h\u00f6chstens als Orientierungshilfe dienen, um zu ahnen, ob sie einem gefallen k\u00f6nnte. Das Neusser Publikum war \u2013 wie auch das Orchester \u2013 restlos begeistert von dieser gro\u00dfen \u00dcberraschung, die statt imponierend auftrumpfen zu m\u00fcssen ganz aus ihrer Tiefe der Substanz sch\u00f6pft. Zweimal tritt der langsameren Grundbewegung eine Art walzernd beschleunigte Bewegung entgegen, wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten, und beim zweiten Mal erwirkt diese den \u00dcbergang in die Schlussphase. Wir k\u00f6nnen jedenfalls berichten, dass hier ein gro\u00dfer Komponist auf den Plan getreten ist, von dem \u2013 vielleicht ja gerade f\u00fcr die symphonische Gattung \u2013 noch ganz Gro\u00dfes erwarten d\u00fcrfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Danach Schuberts Unvollendete, und hier m\u00f6chte ich einfach nur sagen, dass sich eine gro\u00dfartigere Auff\u00fchrung dieses so viel gespielten \u2013 und so oft unzul\u00e4nglich langweilig oder \u00fcberzogen schroff dargebotenen \u2013 Meisterwerks kaum vorstellen l\u00e4sst. Mit innigster Gesanglichkeit umgarnten die lyrischen Themen, die dramatischen Umbr\u00fcche kamen mit einer elementaren Wucht so \u00fcberraschend, dass es war, als erkl\u00e4nge die Musik zum ersten Mal. Also sozusagen noch eine Urauff\u00fchrung, indem das scheinbar Bekannte so unvorhersehbar und dabei vollkommen logisch aus den innewohnenden Kr\u00e4ften entwickelt, das Ganze offenbarend entstand, dass einfach kein Platz war f\u00fcr den relativierenden Geist \u2013 denn: Egal, wie schnell oder langsam es gewesen sein mag, die Dimension der Zeit wurde aufgehoben, die Beteiligten gingen vollkommen im Dienst an der Musik Schuberts auf, die seelische Regionen er\u00f6ffnet, von denen das heutige Musikleben in seiner Ver\u00e4u\u00dferung in der Regel nicht einmal mehr tr\u00e4umt. Es sei nur am Rande erw\u00e4hnt, dass das Orchesterspiel in allen Belangen auch von grandioser Makellosigkeit war, dass das klein besetzte Orchester einen ungeheuer dichten, runden Klang entfaltete, und dass die Soli von Oboe und Klarinette uns unmittelbar ins Reich reinsten Zaubers entf\u00fchrten, das nicht den Streichern allein vorbehalten war. So kann also auch heute musiziert werden, als st\u00fcnde hier ein Furtw\u00e4ngler, Talich, de Sabata oder Celibidache.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Als Zugabe brachte Skou Larsen ein \u201aGebet\u2019 von seinem brasilianischen Landsmann Alberto Nepomuceno (1864-1920), das einst sein gleichfalls dirigierender Vater f\u00fcr Streichorchester gesetzt hat: eine wehm\u00fctige Kantilene der Violinen wird vom Tutti-Pizzicato begleitet, und im Schlussklang vereinigt man sich zum arco. Sch\u00f6ner, edler, verinnerlichter, aber auch innerlich belebter kann man das nicht spielen. Danach stimmte das Orchester in den Applaus hinein Piazzolla an, Lavard Skou Larsen entwand dem exzellenten Konzertmeister spontan die Geige und ging noch einmal v\u00f6llig in seinem Element auf. Diesen Mann wird man vermissen, und wir k\u00f6nnen nur mutma\u00dfen, was ihn bewogen hat, nach zw\u00f6lf so einmalig erfolgreichen Jahren die Deutsche Kammerakademie zu verlassen und sich anderen Aufgaben zuzuwenden. Er hat Neuss zu einem idealen Ort der Musik werden lassen, und das Publikum dankte es ihm und seinem wunderbaren Orchester mit auch bei entlegensten Programmen ausverkauftem Saal in den Abonnementkonzerten. Immerhin: zum Abschied sagte Skou Larsen mit schelmischem Seitenblick auf einen weltweit prominenten kalifornischen Gouverneur \u201aHasta la vista\u2019\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>[Annabelle Leskov, Mai 2017]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zw\u00f6lf Jahre lang hat Lavard Skou Larsen als Chefdirigent die Deutsche Kammerakademie Neuss am Rhein geleitet und in dieser Zeit aus einem Klangk\u00f6rper auf gutem Regionalniveau ein Weltklasseorchester geformt. 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