{"id":1695,"date":"2017-05-31T11:27:37","date_gmt":"2017-05-31T09:27:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1695"},"modified":"2017-05-31T11:27:47","modified_gmt":"2017-05-31T09:27:47","slug":"ginastera-und-das-eldorado-der-musik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/05\/31\/ginastera-und-das-eldorado-der-musik\/","title":{"rendered":"GINASTERA und das Eldorado der Musik"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">Volker Tarnow &#8211; GINASTERA und das Eldorado der Musik<\/p>\n<p>Boosey &amp; Hawkes, Berlin 2017; ISBN 978-3-7931-4164-8<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Ulrich0061.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1696\"><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-1696 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Ulrich0061-300x244.jpg\" alt=\"Ulrich0061\" width=\"392\" height=\"319\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Ulrich0061-300x244.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Ulrich0061-768x625.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Ulrich0061-1024x833.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Ulrich0061.jpg 1760w\" sizes=\"(max-width: 392px) 100vw, 392px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Vor circa einem halben Jahr bekam ich Nicolas Slonimskys Autobiographie \u201ePerfect Pitch\u201c in die H\u00e4nde und las sie mit allergr\u00f6\u00dftem Vergn\u00fcgen. Ich kannte vorher weder den Autor noch die Rolle, die er in der Musik des 20. Jahrhunderts spielte. Sein \u201ezweites Bein\u201c als Verfasser verschiedenster lexikographischer B\u00fccher bescherte mir kurze Zeit sp\u00e4ter sein \u201eMusic of Latin Amerika\u201c. Es \u00f6ffnete mir die Augen f\u00fcr die ungeheure F\u00fclle mir bis auf Villa-Lobos und wenige andere unbekannter Musiker und ihrer Musik. Diese Tatsache teile ich vermutlich mit den meisten anderen Europ\u00e4ern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Und da kam im April 2017 das Buch \u00fcber den gr\u00f6\u00dften argentinischen Komponisten Alberto Ginastera. Von dem hatte ich bei einem Konzert hier in M\u00fcnchen von Hugo Schuler, dem jungen argentinischen Pianisten, die \u201eDanzas Argentinas\u201c geh\u00f6rt. Der Name Ginastera war mir als Gitarrist durchaus gel\u00e4ufig, aber von seiner Musik hatte ich eben bislang wenig bis gar nichts geh\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Welche Rolle Alberto Ginastera in der argentinischen und allgemein in der amerikanischen Musik spielte und spielt, das ist das gro\u00dfe Thema in Volker Tarnows neuem Buch. Wie auch seine beiden anderen B\u00fccher \u00fcber \u201e\u201cDas romantische Schweden\u201c und \u00fcber \u201eJean Sibelius\u201c liest es sich hervorragend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nimmt man es in die Hand, so wundert man sich zu allererst einmal \u00fcber das Gewicht. Man ist bei heutigen B\u00fcchern selten \u00fcberrascht, was das Papier angeht, aber bei Volker Tarnows neuem Buch hat der Verlag (Ginasteras Exklusivverlag Boosey &amp; Hawkes) weder am Papier noch an der Aufmachung gespart. Hin und wieder denkt man, man h\u00e4tte zwei Seiten umgebl\u00e4ttert, bis einem aufgeht, dass es wirklich so ein exquisites Papier ist. Das gelbe Leseb\u00e4ndchen als Orientierungsgeber geh\u00f6rt nat\u00fcrlich auch dazu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Neben den \u201e\u00c4u\u00dferlichkeiten\u201c \u00fcberzeugt das Buch aber vor allem durch seinen Inhalt, durch die Bilder und Fotografien, durch Lebenslauf, Werkverzeichnis und Anmerkungen. Bei allem ausgebreiteten Wissen \u00fcber Leben, Werk, Werdegang und die einzelnen Kompositionen liest es sich fl\u00fcssig und ist durchaus unverkennbar mit dem Tarnow\u2019schen Humor gew\u00fcrzt, der mir auch in seinen anderen beiden B\u00fcchern schon so gut gefallen hat. Nat\u00fcrlich kennt sich der Autor nicht nur in musikalischen Dingen hervorragend aus, er l\u00e4sst vor uns den ganzen Reichtum der s\u00fcdamerikanischen Musikkultur entstehen, angefangen mit der pr\u00e4kolumbianischen \u00fcber die peruanische bis zur aktuellen argentinischen. Ginasteras Leben wird im Zusammenhang mit der politischen Situation in Buenos Aires und dem ganzen Land geschildert, seine Aufs und Abs als Musiker, auch als Leiter der verschiedensten musikalischen Institutionen, seine Auslands-Aufenthalte und die Freundschaften mit den verschiedensten Musikern vor allem in den USA, sp\u00e4ter dann auch in Europa, wo er in Genf mit seiner zweiten Frau \u2013 der Cellistin Aurora N\u00e1tola \u2013 lebte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">All das wird mit leichten Ton geschildert, dazwischen nat\u00fcrlich die Beschreibung seiner einzelnen Kompositionen, seien sie f\u00fcr Orchester, seien sie kammermusikalisch, seien sie f\u00fcr die B\u00fchne oder f\u00fcr den Film. Bei einem Lebenswerk von \u201enur\u201c 60 Opera ist die Verschiedenheit der Kompositionen doch erstaunlich, auch drei gewaltige Opern sind dabei, und das Werkverzeichnis listet sie nat\u00fcrlich alle chronologisch auf. Die Verbindung \u2013 mal mehr, mal weniger \u2013 zur urspr\u00fcnglichen indianisch oder invasorisch gauchoesk gef\u00e4rbten indigenen Musik und ihren Instrumenten wird ausf\u00fchrlich dargestellt, auch die Verbindung zu seinen Kollegen in Brasilien oder Mexiko, in Peru oder Kolumbien.<br \/>\nUnd Tarnow r\u00e4umt mit einem Vorurteil auf, welches die Musikwissenschaft lange immer wieder aufs Neue tradierte: Auch die Inkas kannten weit mehr als die in der Forschung aufgedeckte Pentatonik primitivster Art. Wobei wir nat\u00fcrlich leider ob der oftmals schlechten Quellenlage originale Inka-Musik nur in geringem Ma\u00df erkunden k\u00f6nnen. Zu barbarisch haben die Eroberer in S\u00fcd- und Mittelamerika gehaust und gew\u00fctet. Was heute an \u201eVolksmusik\u201c aus den Andenregionen und von anderswoher zu uns kommt, ist weitestgehend blo\u00dfer Kommerz wie die nervenden Bl\u00e4sergruppen vor den Kaufh\u00e4usern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Was dieses neue Buch so spannend macht, ist die Tatsache, dass es einen Komponisten umfassend sichtbar und erlebbar macht in seinem ganzen Lebensumfeld und seinem Werdegang. Die n\u00e4chste Stufe wird also sein, dass ich die Musik dieses bedeutendsten argentinischen Komponisten neben dem viel einfacheren Astor Piazzolla suchen und h\u00f6ren werde. Denn Volker Tarnows Buch hat das geschafft, was ein Buch \u00fcber ein staunenswertes \u201ePh\u00e4nomen\u201c \u2013 einen bisher ziemlich unbekannten Musiker namens Alberto Ginastera \u2013 so lebendig werden l\u00e4sst, dass das Anh\u00f6ren seiner Musik der zwangsl\u00e4ufig n\u00e4chste Schritt sein muss.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>[Ulrich Hermann, Mai 2017]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Volker Tarnow &#8211; GINASTERA und das Eldorado der Musik Boosey &amp; Hawkes, Berlin 2017; ISBN 978-3-7931-4164-8 Vor circa einem halben Jahr bekam ich Nicolas Slonimskys Autobiographie \u201ePerfect Pitch\u201c in die H\u00e4nde und las sie mit allergr\u00f6\u00dftem Vergn\u00fcgen. Ich kannte vorher weder den Autor noch die Rolle, die er in der Musik des 20. 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