{"id":171,"date":"2015-10-13T10:20:40","date_gmt":"2015-10-13T08:20:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=171"},"modified":"2015-10-13T10:20:40","modified_gmt":"2015-10-13T08:20:40","slug":"in-der-fremde","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/10\/13\/in-der-fremde\/","title":{"rendered":"&#8222;In der Fremde&#8220;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Linn Records CKD 474; ISBN: 6 91062 04742 5<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/8.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-172\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/8-300x263.jpg\" alt=\"8\" width=\"300\" height=\"263\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/8-300x263.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/8-1024x898.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Zum wiederholten Mal gibt der der englische Tenor James Gilchrist seiner treuen Mitstreiterin an den Tasten, Anna Tilbrook, die Ehre einer neuen Einspielung &#8211; nach etlichen Aufnahmen mit Ges\u00e4ngen von Britten, Schubert, Leighton, Berkeley und anderen diesmal mit Liederzyklen des deutschen Romantikers Robert Schumann. Auf die beiden Liederkreise Op. 24 nach Texten von Heinrich Heine und Op. 39 \u00fcber Gedichte Joseph von Eichendorffs folgt die Vertonung von Heines ber\u00fchmter Dichterliebe als Op. 48.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Siebenunddrei\u00dfig Ges\u00e4nge umfasst die CD mit Robert Schumanns Liederzyklen, die vom Tenor James Gilchrist und der Pianistin Anna Tilbrook vorgetragen werden. Eine erstaunlich hohe Anzahl, wenn man bedenkt, wie vielseitig doch jedes dieser Lieder an sich schon ist &#8211; und entsprechend, wie viele unterschiedliche Nuancen in all diesen kleinen Formen entdeckt werden m\u00fcssen, um der abenteuerlichen Bandbreite menschlicher Emotionen darin gerecht zu werden. Das Zusammenspiel wird teils auf harte Proben gestellt, viele rhythmischen Feinheiten werden verlangt, auseinanderstrebende und parallel verlaufende Melodielinien m\u00fcssen sanglich abgestimmt werden und auch der Zusammenhang innerhalb der Zyklen ist zu wahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit James Gilchrist hat Linn Records einen erstklassigen Tenor gefunden, dessen Repertoire sowohl Lieder als auch Opern, Oratorien und Messen verschiedenster Epochen vor allem aus England und dem deutschsprachigen Raum umfasst. Seine Stimme ist unverkennbar markant mit einem recht weiblichen Timbre und einer gewissen Zartheit, die jedoch auch gelegentlich in Furor geraten kann, sofern es das Lied erfordert. Zugegebenerma\u00dfen ist sein Klang anfangs wahrlich ungewohnt und wird vermutlich auch einigen H\u00f6rern begrenzt angenehm erscheinen, doch wenn man sich einmal an diese unverwechselbare Stimme gew\u00f6hnen konnte, lernt man schnell ihre besonderen Qualit\u00e4ten zu sch\u00e4tzen. Gilchrist vermag es, sich minuti\u00f6s in alle noch so feingliedrigen Lieder einzuf\u00fchlen und die idiomatisch herausgearbeiteten Stimmungen nachvollziehbar weiterzuvermitteln. Deutlich aufmerksam wird der H\u00f6rer darauf zum Beispiel im &#8222;Waldesgespr\u00e4ch&#8220; aus dem Liederkreis Op. 39, wo Gilchrist glaubhaft die beiden Dialogpartner verk\u00f6rpert und es ihm dar\u00fcber hinaus auch noch gelingt, den Wandel des unschuldigen Fr\u00e4uleins in die gleich m\u00e4nnlicher und \u00fcberlegen wirkende Loreley auszugestalten. Erstaunlich ist, wie exakt die Aussprache des englischen Tenors im Deutschen ist, zu keiner Zeit scheint es, als w\u00e4re es nicht seine Muttersprache (meine Recherchen, ob irgendein Bezug zu Deutschland besteht, ergab bisher keine best\u00e4tigenden Resultate). Manchmal ist bedauerlicherweise sein Atmen unerwarteterweise derart laut und durch die Z\u00e4hne zischend, dass es fast wie in die Gesangsstimme einbezogen scheint &#8211; vor allem in &#8222;Ich grolle nicht&#8220; -, wobei dies gl\u00fccklicherweise nur in den wenigsten Liedern auff\u00e4llt. \u00c4u\u00dferst angenehm ist daf\u00fcr, dass James Gilchrist komplett auf sonstige k\u00fcnstlichen Manierismen und erkennbar unechte Verstellung verzichtet, sondern lediglich die auch tats\u00e4chlich in den Noten befindliche Rolle ohne jegliche st\u00f6renden Beif\u00fcgungen verk\u00f6rpert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem Tenor zur Seite agiert Anna Tilbrook am Klavier, die bereits seit 1997 mit Gilchrist zusammenwirkt, was unz\u00e4hlige Tontr\u00e4ger k\u00fcnstlerisch belegen. Zweifellos l\u00e4sst sich feststellen, dass die Pianistin eine erfahrene und routinierte Kammermusikerin ist und viel mit S\u00e4ngern gearbeitet hat. Ihr Spiel ist klar und perlend mit einem gro\u00dfen Ma\u00df an Zur\u00fcckhaltung. Dies hat nat\u00fcrlich zur Folge, dass sie oft in die reine Begleiterrolle abrutscht anstelle eines gleichwertigen Klavierparts und somit die Singstimme teils nicht unterst\u00fctzend tragen kann &#8211; worauf Gilchrist allerdings auch wenig angewiesen ist und sich in der alleinigen Dominanz bestens zurechtfindet. Meist kann sich Tilbrook auch aus der Tiefe heraus den melodi\u00f6sen Linien ihres S\u00e4ngers anpassen und einen stimmigen Widerpart bilden. Jedoch, wie so h\u00e4ufig in routinierten Konstellationen, &#8222;singt&#8220; das Klavier vielerorts zu wenig, sondern exekutiert, statt melodi\u00f6se Aufschw\u00fcnge zu erleben, eher die Noten. Gerade bei Staccatostellen, die eindeutig zu kurz sind und von keiner Gesangsstimme so schnell weggerissen werden k\u00f6nnen, holpert das Zusammenwirken dabei etwas. Jedoch h\u00e4lt sich auch Anna Tilbrook genauestens an den Notentext und versteht es in den meisten F\u00e4llen, die Gef\u00fchlslage in T\u00f6nen wiederzugeben und einige Textstellen ohne \u00fcbertriebenen Effekt abzubilden. Auch den unpianistischsten Passagen wird sie m\u00fchelos gerecht und meistert alle rhythmischen Delikatessen im Zusammenspiel mit dem Tenor ohne je zu stocken. Die Tempowahl ist fast durchgehend \u00e4u\u00dferst angenehm, beide Musiker vertrauen vor allem den ruhigeren und innigeren Tempi ohne die viel zu oft vertretene Angst, der Fluss k\u00f6nne ins Stauen geraten &#8211; was sich hier als eine gute Wahl erweist, denn gerade den langsamen Liedern wohnt eine gro\u00dfe Spannung inne, die erst durch zur\u00fcckgenommenere Geschwindigkeit so greifbar wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Abgesehen von den erw\u00e4hnten Atemger\u00e4uschen ist der vergleichsweise trockene Klang der Aufnahme sehr angenehm zu h\u00f6ren, qualitativ wie wohl die meisten Aufnahmen der letzten Jahre sehr hochwertig. Der CD liegt ein \u00e4u\u00dferst umfangreiches Booklet auf Englisch bei, das neben allen Texten inklusive \u00dcbersetzung ins Englische von Richard Strokes auch einen langen Text aus der Feder von Nicholas Marston bietet, in dem der Autor neben Einf\u00fchrungen in die Liederzyklen auch einige Fragen beantwortet, wie beispielsweise die Definition eines Liederzyklus laute oder was es mit dem Wort-Ton-Verh\u00e4ltnis auf sich habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, Oktober 2015]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Linn Records CKD 474; ISBN: 6 91062 04742 5 Zum wiederholten Mal gibt der der englische Tenor James Gilchrist seiner treuen Mitstreiterin an den Tasten, Anna Tilbrook, die Ehre einer neuen Einspielung &#8211; nach etlichen Aufnahmen mit Ges\u00e4ngen von Britten, Schubert, Leighton, Berkeley und anderen diesmal mit Liederzyklen des deutschen Romantikers Robert Schumann. 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