{"id":1718,"date":"2017-06-16T21:23:12","date_gmt":"2017-06-16T19:23:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1718"},"modified":"2021-11-21T19:30:13","modified_gmt":"2021-11-21T18:30:13","slug":"wenn-ein-riese-seinen-schatten-wirft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/06\/16\/wenn-ein-riese-seinen-schatten-wirft\/","title":{"rendered":"Wenn ein Riese seinen Schatten wirft"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><em>Beim Orchesterkonzert der musica viva am 2. Juni 2017 im M\u00fcnchner Herkulessaal stellte ein sp\u00e4tes Hauptwerk des franz\u00f6sischen Spektralisten G\u00e9rard Grisey (1946-1998) zwei neue Auftragskompositionen von Oscar Bianchi bzw. Hans Thomalla derart in den Schatten, dass diese fast nur wie ein \u201eVorprogramm\u201c wirken konnten. S\u00e4mtlichen beteiligten Musikern auf dem Podium durfte man nichtsdestotrotz allerh\u00f6chstes Lob zollen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Martin0009.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1719\"><img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-1719 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Martin0009-300x200.jpg\" alt=\"Copyright by Dirk Mann\" width=\"360\" height=\"240\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Martin0009-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Martin0009-768x511.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Martin0009.jpg 960w\" sizes=\"(max-width: 360px) 100vw, 360px\" \/><\/a>Photo (c) by Dirk Mann<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Winrich Hopp hat eigentlich als k\u00fcnstlerischer Leiter der M\u00fcnchner <em>musica viva <\/em>bisher bei der Vergabe von Auftragskompositionen ein erstaunlich \u201egutes H\u00e4ndchen\u201c. Diese haben \u2013 schon rein spieldauerm\u00e4\u00dfig \u2013 einen so bedeutenden Anteil an den Konzerten, wie dies zuvor l\u00e4ngst nicht immer der Fall war. Und auch qualitativ gab und gibt es viel Hochwertiges, das nicht nur aktuelle Tendenzen aufzeigt, sondern meist auch wirklich den hohen Anspr\u00fcchen des Publikums wie des Orchesters gerecht wird. Da ist es nur verzeihlich (und wohl auch unvermeidlich), dass hin und wieder mal schw\u00e4chere St\u00fccke dabei sind. Dennoch, so viel sei hier bereits vorweggenommen: Allein schon der grandiose Grisey nach der Pause machte den Besuch dieses Konzertes zu einem Ereignis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das Programm wird mit <em>Inventio<\/em> von Oscar Bianchi (Jahrgang 1975) er\u00f6ffnet. Von \u201egewohnter\u201c Spielweise bis zur systematischen Erschlie\u00dfung des Ger\u00e4uschhaften beim traditionellen Instrumentarium (unter Verwendung diverser Hilfsmittel) einerseits bis hin zu einer fast grotesk erweiterten und \u00e4u\u00dferst differenziert zu handhabenden Schlagwerkbesetzung konfrontiert der Komponist den H\u00f6rer mit einer kaum fassbaren Klangvielfalt. Anders als bei Lachenmann wird damit aber gerade nicht eine \u00c4sthetik der Verweigerung demonstriert, sondern Bianchi will weg von vorgefasster Konnotation bestimmter Kl\u00e4nge hin zum unmittelbaren Klangereignis selbst als Tr\u00e4ger des Affekts. Ein vielleicht zu hoch gestecktes Ziel, wie man sich anhand eines exotischen Instruments klarmachen kann: dem Waldteufel. Die \u00fcber dem Kopf zu schwenkende Reibetrommel, der kleine, aggressivere Bruder des \u201eL\u00f6wengebr\u00fclls\u201c (etwa in Var\u00e8ses <em>\u201eAm\u00e9riques\u201c<\/em>) verwendet <em>Hans Werner Henze<\/em> vor der Katharsis der beiden Aktschl\u00fcsse des <em>\u201eVerratenen Meers\u201c <\/em>jeweils als klanglichen H\u00f6hepunkt, dem unmittelbar die sichtbare T\u00f6tung einer Katze bzw. sp\u00e4ter die Ermordung des Hauptprotagonisten folgt. Diese wird jedoch nicht mehr gezeigt, sondern die Oper endet im Blackout. Der H\u00f6rer \u201ewei\u00df\u201c durch den Waldteufel, was geschehen wird. Bei Bianchi w\u00fcrde dieses Instrument ohne dessen <em>visuelle <\/em>Pr\u00e4senz in seiner gro\u00dfen Klangorgie fast untergehen, erh\u00e4lt aber so eher humoristische Z\u00fcge. Wieviel mehr m\u00f6gen deutlich vertrautere Kl\u00e4nge beim Publikum fest assoziiert sein und welcher Mittel bed\u00fcrfe es dann, um dem entgegenzuwirken? F\u00fcr mich sch\u00fcttet Bianchi hier das Kind mit dem Bade aus und \u00fcberfordert mit einem \u00dcberma\u00df an Kl\u00e4ngen, das jeden musikalischen Aufbau \u2013 einmal unterstellt, es g\u00e4be einen solchen \u2013 v\u00f6llig \u00fcbert\u00fcncht und fast wie eine beliebig austauschbare, kaleidoskopartige Abfolge von, freilich streng kontrollierter, <em>musique concr\u00e8te<\/em> wirkt. <em>Too much<\/em> wird so leider ganz schnell schlicht langweilig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Viel fasslicher kommt danach Hans Thomallas <em>Ballade <\/em>f\u00fcr Klavier &amp; Orchester daher. Von ihm \u00e4u\u00dferst zutreffend als <em>\u00dcbermalung <\/em>des drei Jahre alten Klavierst\u00fccks <em>\u201eBallade. Rauschen<\/em>\u201c charakterisiert, dient das Orchester hier fast ausschlie\u00dflich als Erweiterung des Klangraums, indem etwa Einzelt\u00f6ne des Klaviers von Orchesterinstrumenten (gegebenenfalls oktavversetzt) verdoppelt und so gewisserma\u00dfen in es hinausgetragen werden. Umgekehrt saugt der Steinway den Orchesterklang geradezu auf, wenn der clusterreiche Klaviersatz unged\u00e4mpft den ganzen Fl\u00fcgel zum Resonanzk\u00f6rper des ihn umgebenden Orchesters werden l\u00e4sst. Ein Dialog findet allerdings zu keinem Zeitpunkt statt, so dass dieses St\u00fcck eher wie ein Kammermusikwerk (etwa eines f\u00fcr Klavier &amp; Live-Elektronik) wirken muss und daher dem Rahmen des gro\u00dfen Sinfoniekonzertes nicht gerecht werden kann. Wie immer in den letzten Jahren bewundernswert, wie sich <em>Nicolas Hodges <\/em>mit gr\u00f6\u00dfter Sorgfalt und echter Hingabe der nicht immer dankbaren Aufgabe als Solist annimmt; neben dem sp\u00e4ter am Abend mit dem <em>Ernst von Siemens Musikpreis <\/em>geehrten <em>Pierre-Laurent Aimard <\/em>l\u00e4ngst einer der ganz Gro\u00dfen f\u00fcr die zeitgen\u00f6ssische Klaviermusik. Die beiden Veranstaltungen unmittelbar hintereinander zu legen ist dennoch nicht wirklich ein Akt gro\u00dfer Weisheit\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nach der Pause dann endlich Griseys Sp\u00e4twerk <em>L\u2019Ic\u00f4ne paradoxale. <\/em>Zum Zeitpunkt der Entstehung (1994) kaum \u00e4lter als die beiden UA-Komponisten, verf\u00fcgt Grisey hier schon \u00fcber die Summe seiner Erfahrungen in Akustik und dem Umgang mit der von ihm mitentwickelten spektralen Kompositionsweise. Hier sp\u00fcrt man nichts mehr vom Zwang, sich konzeptionell st\u00e4ndig neu erfinden zu m\u00fcssen. Als Hommage an Piero della Francescas <em>Madonna del Parto <\/em>gedacht, \u00fcbertr\u00e4gt der Komponist Symmetrien des Freskos auf zeitliche Dimensionen. Ein zweigeteiltes Orchester und zwei Gesangssolistinnen lassen den Herkulessaal in teilweise fast nostalgisch wirkende, aber tiefempfundene Sch\u00f6nheit eintauchen. Gro\u00dfartig, wie perfekt sich an diesem Abend <em>Donatienne Michel-Dansac <\/em>und eine <em>Anja Petersen<\/em> in absoluter H\u00f6chstform (als sei das Werk ihr auf den Leib geschrieben!) klanglich mischen und erg\u00e4nzen. Und wer so etwas wie diesen langsam verebbenden Schluss schreiben kann, den das BR-Symphonieorchester unter einem h\u00f6chst aufmerksam und sensibel agierendem <em>Johannes Kalitzke<\/em> kongenial umsetzt, dem darf zu Recht solch hohes Ma\u00df an Verehrung wie derzeit entgegengebracht werden. Ein Abend mit qualitativem Ungleichgewicht, der aber am Schluss mehrheitlich zufriedene Gesichter hinterl\u00e4sst. Das Publikum dankt den Interpreten in seltenem Einklang mit langanhaltendem Applaus, obwohl viele Besucher danach gleich ins Prinzregententheater weiterziehen m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>[Martin Blaumeiser, Juni 2017]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beim Orchesterkonzert der musica viva am 2. Juni 2017 im M\u00fcnchner Herkulessaal stellte ein sp\u00e4tes Hauptwerk des franz\u00f6sischen Spektralisten G\u00e9rard Grisey (1946-1998) zwei neue Auftragskompositionen von Oscar Bianchi bzw. Hans Thomalla derart in den Schatten, dass diese fast nur wie ein \u201eVorprogramm\u201c wirken konnten. 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