{"id":1725,"date":"2017-06-20T20:41:12","date_gmt":"2017-06-20T18:41:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1725"},"modified":"2021-01-10T10:16:31","modified_gmt":"2021-01-10T09:16:31","slug":"meistvergessener-ungekannter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/06\/20\/meistvergessener-ungekannter\/","title":{"rendered":"Meistvergessener? Ungekannter!"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Ernst Toch: Solo Piano Pieces &#8211; Anna Magdalena Kokits<br \/>\nCapriccio; Kat.-Nr. C5293 \/ EAN: 845221052939<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Grete0024.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1726\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-1726\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Grete0024-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"342\" height=\"296\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Grete0024-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Grete0024-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Grete0024.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 342px) 100vw, 342px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anna Magdalena Kokits hat f\u00fcr das \u00f6sterreichische Label Capriccio die zum Teil hoch virtuose Klaviermusik des geb\u00fcrtigen \u00d6sterreichers Ernst Toch eingespielt, der aber bis zum zweiten Weltkrieg \u00fcberwiegend in Deutschland wirkte und als Komponist in dieser Zeit als Musterbeispiel f\u00fcr den musikalischen Expressionismus in der Zeit der Weimarer Republik gelten kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ernst Toch ist ein Name, der polarisiert. Nicht selten wird seine Musik als spr\u00f6de, exzentrisch oder sogar als unnahbar wahrgenommen. Die Frage stellt sich allerdings noch dem Genuss (ich m\u00f6chte dieses Wort bewusst gebrauchen) der vorliegenden Einspielung von Tochs Klaviermusik, welches wom\u00f6glich verzerrte Bild wir von diesem Komponisten bislang wahrgenommen haben. Denn in der Klaviermusik zeigt sich Toch als ein viel zug\u00e4nglicherer musikalischer Geist als beispielsweise in seinen sp\u00e4ten Sinfonien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das mag damit zusammenh\u00e4ngen, dass das gesamte \u0152uvre, das wir auf diesem sch\u00f6nen Album finden, noch in die Zeit vor dem zweiten Weltkrieg f\u00e4llt (1923-1931), in eine Zeit also, in der in Deutschland der Expressionismus die bestimmende, richtungsgebende kreative Str\u00f6mung war, und in der sich w\u00e4hrend der Zeit der Weimarer Republik ein enorm vielschichtiges, experimentierfreudiges Musikleben entwickelt hatte, das die Nationalsozialisten freilich mit ihrem Machtantritt so gr\u00fcndlich ausmerzten, dass man diese gar nicht so ferne Zeit bis heute nur m\u00fchsam und st\u00fcckhaft rekonstruieren kann. Doch Namen von damals sehr erfolgreichen Komponisten wie Heinz Tiessen, Walter Braunfels, Ernst Krenek, Erwin Schulhoff, Viktor Ullmann oder eben Ernst Toch werden in letzter Zeit gl\u00fccklicherweise wieder h\u00e4ufiger genannt, was letzten Endes auch dazu f\u00fchrt, dass ihre Musik wieder h\u00e4ufiger zu h\u00f6ren ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">CDs wie die vorliegende bilden dabei eine unsch\u00e4tzbare Bereicherung unserer kulturellen Diversit\u00e4t. Denn auch, wenn sie (zumindest laut Ausweisung auf dem Cover) wohl keine Welt-Ersteinspielungen enth\u00e4lt, so ist das eingespielte Repertoire doch so gut wie unbekannt geblieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei finden sich hier wirkliche Preziosen und \u00dcberraschungen. So bekommt man unmittelbar den Eindruck, dass der Expressionist und Avantgardist Ernst Toch in seinen Burlesken op. 31 oder in seinen Capriccetti op. 36 ganz unzweifelhaft auch an romantische Traditionen ankn\u00fcpft (und wie wir auf diesem Album feststellen sogar mit Gattungen wie Et\u00fcden und Sonaten kokettierte, wenngleich die \u201eenthaltene\u201c Musik dem Gattungsbegriff nicht mehr folgt), wobei einem durchaus Namen wie Schumann oder auch Chopin in den Sinn kommen. Die Musik dazu ist freilich Expressionismus in Reinkultur: rebellisch, exaltiert, durchaus auch mit einem Augenzwinkern bis hin zum offenen Sarkasmus. Doch erstaunlich heiter und an sich freundlich klingt diese Klaviermusikwelt, ganz anders als die meist griesgr\u00e4mig-verbitterten sp\u00e4ten Orchesterwerke des \u00d6sterreichers, die dieser in den USA schrieb, wo er zun\u00e4chst ab 1935 als Komponist von in Nazideutschland als \u201eentartet\u201c empfundener Musik im Exil lebte und sich dann dauerhaft bis zu seinem Tod 1964 dort niederlie\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Obwohl er in den USA mit einem Lehrauftrag, diversen Kompositionsauftr\u00e4gen f\u00fcr u.a. Filmmusik und immerhin einer Grammy Award-Auszeichnung gar nicht so schlecht \u00fcber die Runden kam (vergleicht man seine Laufbahn mit etlichen anderen Exilkomponisten, denen es meistens weitaus schlechter erging), entwickelte Toch, der offenbar immer mit einer inneren \u201eD\u00fcsternis\u201c k\u00e4mpfte, eine tiefe Verbitterung und bezeichnete sich selbst sogar als den \u201emeistvergessenen Komponisten des 20. Jahrhunderts\u201c, dies wohlgemerkt nur drei Jahre nachdem er den renommierten Grammy Award gewinnen konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Toch ist in der Tat ein ambivalenter Charakter, und Ambivalenz ist auch ein naheliegendes Wort, um seine Musik zu umschreiben. Was steckt da nicht alles an Widerspr\u00fcchlichem drin: Neoklassik trifft auf freie Atonalit\u00e4t, Exaltiertheit trifft auf Kontemplation und Selbstbezogenheit, Avantgarde trifft auf Traditionsgebundenheit, Virtuosit\u00e4t trifft auf Banalit\u00e4t als Stilmittel, Heiterkeit schl\u00e4gt um in Sarkasmus. Interessante Musik ist das, im besten Sinne!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anna Magdalena Kokits ist eine technisch perfekte Interpretin (geradezu atemberaubend in den irre virtuosen Et\u00fcden), und auch der \u00e4u\u00dferst gelungene, vollkommen nat\u00fcrliche Aufnahmeklang ist zu loben. Ihre Interpretation folgt insgesamt dem verbreiteten Leitbild, Tochs Musik nicht mit zu viel Emotionen aufzuladen, ihn als einen eher k\u00fchlen, vielleicht sogar analytischen Musikkonstrukteur zu pr\u00e4sentieren. Das klingt \u00fcberzeugend, aber ob das richtig ist? Der Expressionismus war auch eine Zeit der Ausschweifungen, der Tabubr\u00fcche und der emotionalen Extreme. Als Kunstgattung wird er heute insgesamt nicht selten als Vorahnung zum Zweiten Weltkrieg verstanden, als eine Art \u201eTanz auf dem Vulkan\u201c, und man h\u00e4tte sich gew\u00fcnscht, dass diese extremen Positionen, die in Tochs Klaviermusik zweifellos in gro\u00dfer Zahl zu finden sind, von Frau Kokits mit etwas weniger Zur\u00fcckhaltung interpretiert w\u00fcrden. Es d\u00fcrfte auf dieser CD ruhig noch etwas mehr \u201eEnthemmtheit\u201c herrschen, doch das ist Mosern auf hohem Niveau. Dieses Album geht so wie es ist vollkommen in Ordnung und pr\u00e4sentiert neben einem Komponisten, dessen Klaviermusik mehr Geh\u00f6r finden sollte auch eine interessante Interpretin, von der man hoffen darf, dass sie ihren eigenen Weg gehen wird und dabei den Mut haben wird, noch mehr Pers\u00f6nlichkeit und Tiefe zu entwickeln, als sie es auf diesem beachtenswerten Album bereits zeigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Grete Catus im Mai 2017]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ernst Toch: Solo Piano Pieces &#8211; Anna Magdalena Kokits Capriccio; Kat.-Nr. C5293 \/ EAN: 845221052939 Anna Magdalena Kokits hat f\u00fcr das \u00f6sterreichische Label Capriccio die zum Teil hoch virtuose Klaviermusik des geb\u00fcrtigen \u00d6sterreichers Ernst Toch eingespielt, der aber bis zum zweiten Weltkrieg \u00fcberwiegend in Deutschland wirkte und als Komponist in dieser Zeit als Musterbeispiel f\u00fcr &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/06\/20\/meistvergessener-ungekannter\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Meistvergessener? Ungekannter!<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[2003,818,2002],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1725"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1725"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1725\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4147,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1725\/revisions\/4147"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1725"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1725"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1725"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}