{"id":1730,"date":"2017-06-25T21:34:25","date_gmt":"2017-06-25T19:34:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1730"},"modified":"2017-07-13T18:06:02","modified_gmt":"2017-07-13T16:06:02","slug":"standardwerk-eines-musiktauben-zum-finnischen-dirigentenphaenomen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/06\/25\/standardwerk-eines-musiktauben-zum-finnischen-dirigentenphaenomen\/","title":{"rendered":"Standardwerk eines Musiktauben zum finnischen Dirigentenph\u00e4nomen [Rezensionen im Vergleich]"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Vesa Sir\u00e9n: Finnlands Dirigenten. Von Sibelius und Schn\u00e9evoigt bis Saraste und Salonen (finnische Erstausgabe von 2010 erweitert, gek\u00fcrzt und aktualisiert vom Autor und \u00fcbersetzt von Ritva Katajainen, Benjamin Schweizer und Roman Schatz)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Leskov0008.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1731\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-1731\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Leskov0008-300x227.jpg\" alt=\"Leskov0008\" width=\"369\" height=\"279\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Leskov0008-300x227.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Leskov0008-768x581.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Leskov0008-1024x775.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Leskov0008.jpg 1892w\" sizes=\"(max-width: 369px) 100vw, 369px\" \/><\/a><br \/>\nScoventa Verlag, 2017; ISBN: 9783942073424<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nichts l\u00e4ge n\u00e4her und mehr im musikalischen Trend der Zeit, als ein Buch \u00fcber die Dirigenten (\u00fcbrigens auch die Komponisten) Finnlands zu schreiben: ein Land mit ca. 5 Millionen Einwohnern produziert mittlerweile mehr international bedeutende Kapellmeister als Deutschland, \u00d6sterreich, Frankreich, die Schweiz und Italien zusammen. Das ist ein bisschen so, als k\u00e4men die alle aus dem Gro\u00dfraum Berlin oder Wien, aus Paris oder Rom\u2026 Vesa Sir\u00e9n, alteingesessener Kritiker bei einer der beiden gro\u00dfen Tageszeitungen in Helsinki und lange schon auf den Fersen der Maestri, hat sich an die Aufgabe gewagt und ein hinsichtlich Informationsmenge und historischer Panoramasicht beeindruckendes Kompendium von fast 1.000 Seiten verfasst. F\u00fcr alle, die durchblicken wollen beim finnischen Dirigentenph\u00e4nomen, ist dies ein Standardwerk, und es ist zugleich f\u00fcr jedermann unterhaltsam und in vieler Hinsicht hochinteressant zu lesen. Geschrieben in laienhaft feuilletonistischer Manier, liegt die gro\u00dfe St\u00e4rke des Buchs in der m\u00fchevoll zusammengetragenen F\u00fclle von Originalzitaten, historischen Fakten, Kommentaren von Zeitzeugen (Dirigentenkollegen, Orchestermusiker, Kritiker), was \u00e4u\u00dferst wertvoll ist, und die biographischen Beschreibungen der Karrieren und Wechselwirkungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also: das Buch lohnt die Anschaffung, wenn man Bescheid wissen und mitreden will, wenn man sich \u00fcber einzelne Dirigentenpers\u00f6nlichkeiten kundig machen will (h\u00f6chst lesenswert sind z. B. die Kapitel \u00fcber Kajanus, Sibelius, Schn\u00e9evoigt, Funtek, Berglund oder Segerstam). Doch zugleich ist es mit Skepsis, mit Vorsicht und Abstand zu lesen. Denn fortw\u00e4hrend beweist Sir\u00e9n entwaffnend, dass er von Musik so gut wie gar nichts versteht. Peinliche Fehlurteile kommen stapelweise, und die amateurhaft-kompetenzgierige Argumentation bei der Besprechung von Aufnahmen und der Schilderung von Konzerteindr\u00fccken zeigt auf Schritt und Tritt, dass nur musikfremde Konventionalit\u00e4t und peinlich einengende Ideologien, Prominenz und das Absichern an vermeintlichem common sense die Grundlage der subjektiven Urteile bilden. Daher wird nat\u00fcrlich Esa-Pekka Salonen in peinlicher Weise verg\u00f6ttert, und andere \u2013 wie Hannu Lintu oder gar John Storg\u00e5rds \u2013 kommen ziemlich bis offenkundig schlecht weg. Daf\u00fcr gibt es jede Menge Gossip, der Ton des Autors neigt zu ver\u00e4chtlicher H\u00e4me, wo der wahrscheinliche R\u00fcckschlag sich in Grenzen h\u00e4lt. Sir\u00e9n ist ein Angeber und Feigling, und im Grunde versteht er wie viele Kritiker schlicht nicht die Grundlagen dessen, wovon er schwadroniert. Anscheinend mangelt es nicht nur hierzulande an verantwortungsbewusst kompetenten Kritikern! Dass John Storg\u00e5rds\u2019 bahnbrechende Gesamtaufnahme der Sibelius-Symphonien mit dem BBC Philharmonic in einem Satz als \u201eManchester-Tunke\u201c herabgew\u00fcrdigt wird, schl\u00e4gt dem Fass den Boden aus. Und ein weltweit un\u00fcbertroffener Meister der Streichorchester-Kultivierung und Pionier substanziellen Repertoires wie Juha Kangas, der Gr\u00fcnder des Ostrobothnian Chamber Orchestra, wird mit hauptst\u00e4dtischer Ignoranz so nebens\u00e4chlich und unspezifisch abgehandelt, dass man sich fragen muss, ob die finnischen Meinungsmacher \u00fcberhaupt etwas von dem mitbekommen, was in ihrem Land abgeht. Das geht so weit, dass Kokkola auf der Karte der wichtigsten finnischen Musikst\u00e4dte nicht auftaucht. Nein, Vesa Sir\u00e9n ist entweder ein b\u00f6sartig schwatzender Manipulateur oder einfach nur musiktaub, ahnungslos autorit\u00e4tsh\u00f6rig und dumm. Der Kaiser ist nackt. Trotzdem, all dessen eingedenk, ist das Buch zwar oft sehr \u00e4rgerlich, aber doch h\u00f6chst informativ zu lesen. Und es gibt (noch) keine Alternative zu dieser geschickt und fl\u00fcssig formulierten Flei\u00dfarbeit. Und was er nicht beurteilt oder proportional entstellt, also was objektive Tatbest\u00e4nde betrifft, ist dieses sch\u00f6n und solide aufgemachte Buch jetzt die ma\u00dfgebliche Quelle f\u00fcr den deutschen Leser.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Folgende Dirigenten werden behandelt: Robert Kajanus, Jean Sibelius, Georg Schn\u00e9evoigt, Armas J\u00e4rnefelt, Leo Funtek, Toivo Haapanen, Martti Simil\u00e4, Tauno Hannikainen, Simon Parmet, Nils-Eric Fougstedt, Jussi Jalas, Paavo Berglund, Jorma Panula, Ulf S\u00f6derblom, Leif Segerstam, Okko Kamu, Atso Almila, Esa-Pekka Salonen, Jukka-Pekka Saraste, Osmo V\u00e4nsk\u00e4, Juha Kangas, Sakari Oramo, Mikko Franck, Pertti Pekkanen, Petri Sakari, Ari Rasilainen, Markus Lehtinen, Tuomas Ollila, Tuomas Hannikainen, Hannu Lintu, John Storg\u00e5rds, Susanna M\u00e4lkki, Ralf Goth\u00f3ni, Olli Mustonen, Jaakko Kuusisto, Pekka Kuusisto, Jari H\u00e4m\u00e4l\u00e4inen, Ville Matvejeff, Boris Sirpo, Nikolai van der Pals, Miguel G\u00f3mez-Martinez, Muhai Tang, Jean-Jacques Kantorow, Sergiu Comissiona, Leonid Grin, Valery Gergiev, Pietari Inkinen, Dima Slobodeniouk, Santtu-Matias Rouvali<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Annabelle Leskov, Juni 2017]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vesa Sir\u00e9n: Finnlands Dirigenten. 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