{"id":174,"date":"2015-10-14T17:01:31","date_gmt":"2015-10-14T15:01:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=174"},"modified":"2015-10-14T18:22:15","modified_gmt":"2015-10-14T16:22:15","slug":"musikalischer-geigenherbst","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/10\/14\/musikalischer-geigenherbst\/","title":{"rendered":"Musikalischer Geigenherbst"},"content":{"rendered":"<p>Onyx classics &#8211; ONYX4142<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Mullovabild.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-169\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Mullovabild-300x264.jpg\" alt=\"Mullovabild\" width=\"300\" height=\"264\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Mullovabild-300x264.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Mullovabild.jpg 364w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Victoria Mullova spielt, mit Begleitung des HR-Sinfonieorchesters Frankfurt unter Paavo J\u00e4rvi, das Violinkonzert Nr. 2 in G-Dur op.63 von Sergej Prokofieff, gefolgt von dessen Sonate f\u00fcr zwei Violinen in C-Dur op. 56 (mit Tedi Papavrami als Duopartner) sowie dessen Sonate f\u00fcr unbegleitete Violine in D-Dur op. 115.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit Beginn ihrer Karriere z\u00e4hlt Viktoria Mullova zu den f\u00fchrenden russischen Geigern in der internationalen Konzertszene und ist als bodenst\u00e4ndige K\u00fcnstlerin sich und ihrem Charakter stets treu geblieben. Umso mehr erfreut es, dass sie mit \u00fcber f\u00fcnfzig Jahren nicht m\u00fcde wird zu musizieren, mehr noch, dass sie jegliches, f\u00fcr ihre Altersgruppe nicht un\u00fcbliche, divenhafte \u00c4u\u00dfere nicht n\u00f6tig hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich ver\u00e4ndert sich jeder ernsthafte Musiker im Laufe der Zeit und reift bestenfalls als solcher. Dies kann deutlich im Violinkonzert Nr.2 in G-Dur op. 63 wahrgenommen werden, welches Mullova schon vor Jahren mit dem Royal Philharmonic Orchestra unter Andr\u00e9 Previn einspielte. Hier nun, in der Wiedergabe mit dem HR-Sinfonieorchester unter Paavo J\u00e4rvi, offenbart die Geigerin schon in dem er\u00f6ffnenden <em>Allegro moderato <\/em>einerseits ein w\u00e4rmeres, leicht dunkleres Timbre, als man es von ihrem eher schlanken, betont unsentimentalen Spiel gewohnt ist. Andererseits scheut sie gerade in den zahlreichen schnellen Passagen keinerlei Risiken und stampfende Direktheit in den Akkorden, um wiederum an den langsamen Stellen eher zur\u00fcckhaltend und lyrisch zu klingen. Sehr sicher \u00fcbernimmt sie das Thema des Satzes, bestehend aus einem aufsteigenden g-Moll-Grundtonakkord, von den B\u00e4ssen, mit denen sie hierauf in einen Dialog tritt. \u00dcberhaupt ist es das Zusammenspiel mit dem Frankfurter Klangk\u00f6rper, welches zu den St\u00e4rken dieser Einspielung geh\u00f6rt. Sei es nun in den schnellen oder in den langsamen Abschnitten, worin das Thema und dessen Varianten mal im Orchester, mal in der Violine wiedererklingen. Ebenso tritt der eher herbstliche Charakter des Konzerts trotz der zerkl\u00fcfteten Satzstruktur doch gut hervor, ohne dass die Gestaltung in v\u00f6lliger Melancholie versinkt, was sicher nicht Prokofieffs Absicht entsprochen h\u00e4tte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einen objektiven Kontrast bietet das <em>Andante assai<\/em>. Dieser Mittelteil, der ja grunds\u00e4tzlich von seinem lyrischen Serenadenton lebt, besticht durch die zuvor erw\u00e4hnte schlanke Linie und die Neigung zu melodischer Schlichtheit, die Mullova in ihren Geigenton und ihr dezentes Vibrato legt. Dieser Gestus \u00e4ndert sich auch nicht im folgenden B-Teil, da die Solistin auch hier kontrollierte Ruhe \u00fcber ihre Tremolol\u00e4ufe bewahrt. \u00dcberhaupt ist die Ausgewogenheit zwischen Orchester und Violine hier am gelungensten, vor allem in den teils fein ver\u00e4stelten Nebenstimmen. Erst nach der H\u00e4lfte des Satzes wird der Ton f\u00fcr kurze Zeit etwas burschikoser und verweist auf den ungest\u00fcmen Schlusssatz voraus. Dennoch halten sich die Musiker an die auskomponierte Symmetrie des <em>Andante<\/em>, lassen dieses \u00e4hnlich schlicht und ruhig ausklingen, wie es begonnen hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bezeichnenderweise er\u00f6ffnet das <em>Allegro, ben marcato<\/em> einen schmissigen Kehraus, dessen Beginn die Solovioline mit Tanzschritten auszeichnet, deren Charakter fast an Mahler gemahnen: \u201eEtwas t\u00e4ppisch und sehr derb\u201c. Dieses klassische Rondofinale, in dem sich der junggebliebene Prokofieff offenbart, ist keineswegs auf eine solche Bezeichnung reduziert; gerade die ruhigeren Zwischent\u00f6ne, an denen die Musiker dezent das Tempo zur\u00fccknehmen, verleihen dem Satz Tiefe und Abwechslung. Dennoch \u00fcberwiegen die burlesk-rustikalen Seiten des Satzes, den das Orchester zusammen mit Mullova in unterschwelliger Steigerung zu einem brillanten Ende f\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zusammenfassend kann man \u00fcber diese mindestens sehr gelungene Einspielung noch sagen, dass sich das Orchester als w\u00fcrdiger Begleiter der Mullova erweist, die, ohne zu sehr ihren Stempel aufzudr\u00fccken, niemals einen Zweifel an ihrer Position als <em>prima inter pares<\/em> gegen\u00fcber den Musikern zul\u00e4sst. Gerade bei dem heterogenen Charakter der Ecks\u00e4tze f\u00e4llt doch auf, wie sehr alle Beteiligten um eine m\u00f6glichst gute musikalische Detailzeichnung bem\u00fcht sind und das <em>forte<\/em> mancher Stimmen zu laut gegen\u00fcber anderen erscheint. Mit anderen Worten, es zeigt sich speziell bei diesem sp\u00e4teren Werk Prokofieffs einmal wieder, dass die SACD einfach nicht jeder Nuance gerecht werden kann. So, wie sich dieser Live-Mitschnitt anh\u00f6rt, h\u00e4tte man als Konzertbesucher immer noch mehr vom Ganzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der darauf erklingenden Sonate f\u00fcr zwei Violinen in C-Dur op. 56 von 1932 tritt diese Diskrepanz nat\u00fcrlich weniger auf. Obgleich Mullova hier mit ihrem vollkommen gleichwertigen Partner Tedi Papavrami schon das <em>Andante cantabile <\/em>stets mit Bedacht auf gleichm\u00e4\u00dfigen Fluss, auf nat\u00fcrliche Phrasierung und mit tief empfundener Musikalit\u00e4t intoniert, muss es doch mal gesagt sein: Ein kleines bisschen weniger Vibrato h\u00e4tte dem Klangbild auch gut getan. Auch im <em>Allegro<\/em>, einer furiosen Toccata, wo sich die beiden K\u00fcnstler am Rande der Spielsicherheit bewegen, k\u00f6nnte weniger mehr sein, was die Risikobereitschaft angeht, trotz der \u00fcberwiegenden spielerischen Brillanz. Im darauffolgenden <em>Commodo (quasi Allegretto)<\/em> scheint es endlich keinen Makel mehr zu geben; eher geisterhaft als gem\u00fctlich (so die Satzbezeichnung wortw\u00f6rtlich) schwebt der dritte Abschnitt der Sonate vor\u00fcber und lebt vollst\u00e4ndig von der zarten Phrasierung beider K\u00fcnstler. Auch perfekt durchdacht ist das Allegro con brio, worin Mullova und Papavrami zum genau richtigen Tempo-Klang-Verh\u00e4ltnis ein Finale pr\u00e4sentieren, das bei allem Feuer nie zu schnell und fast schon zu kontrolliert klingt. Das gilt auch f\u00fcr die Episode mit ihren heiklen Arpeggienl\u00e4ufen in der Mitte des Satzes, wo gerade Papavrami sich als exzellenter Musiker erweist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Lebensabschnitt Prokofieffs zwischen dieser Sonate und dem sp\u00e4ten Solo-Geschwisterwerk im Jahre 1947 wird von der Musikwissenschaft gern als derjenige seines \u201emonumentalen Sp\u00e4twerks\u201c (aufgrund seiner KPdSU-Auftragswerke, Filmmusiken etc.) bezeichnet. Nichts dergleichen weist der letzte CD-Beitrag, ebenjene neobarocke Sonate f\u00fcr unbegleitete Violine in D-Dur op. 115, auf. Es ist fast schon selbstverst\u00e4ndlich anzunehmen, dass Victoria Mullova auch dieses Werk zu meistern problemlos imstande sei. Jedenfalls bewegt sie sich weit weg von Darbietungen blo\u00dfen Zugabecharakters: Mit ungebrochener intonatorischer wie musikalischer Sicherheit spielt sie alle Facetten des er\u00f6ffnenden <em>Moderato <\/em>aus und beh\u00e4lt so eine logische Linie mit einem v\u00f6llig unplakativen D-Dur bei. Bemerkenswert ist auch hier der Wechsel zwischen lyrisch-melodischen und t\u00e4nzerisch-perkussiven Phasen. Im <em>Andante dolce\/Tema con variazioni <\/em>offenbart die Geigerin Parallelen zwischen den Solopartiten Bachs und dem Werk Prokofieffs. Bei der Dauer von 2\u00b437 erstaunt es doch, wie viele Variationen sich auf kleinsten Raum entfalten k\u00f6nnen; nichts wirkt oberfl\u00e4chlich noch \u00fcberladen. Der sogleich folgende Schlusssatz <em>con brio<\/em> unterscheidet sich deutlich von einem typischen Kehraus (trotz der Steigerung zu einer Musette), ein letztes Mal kostet Mullova die melodisch-kontrapunktischen Schichten des Werkes aus. Vor allem jedoch zollt sie der darin versteckten Tanzsuite ihren Tribut: Grazi\u00f6s und nachdr\u00fccklich erklingt das Menuett im ersten Viertel, das Bourr\u00e9e kaprizi\u00f6s.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Insgesamt zeigt Prokofieff sowohl in seinem 2. Violinkonzert als auch in seiner Kammermusik, dass er selbst als reifer Komponist niemals an Einfallsreichtum und Energie eingeb\u00fc\u00dft hat. Auch Victoria Mullova, zum Zeitpunkt der Aufnahmen 53 bzw. 55 Jahre alt, steht als konzertierende K\u00fcnstlerin noch im Zenit ihres K\u00f6nnens, wie sie hier \u00fcber weite Strecken beweist. Somit garantiert diese CD reife Ernte aus dem musikalischen Geigenherbst Sergej Prokofieffs.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>[Peter Fr\u00f6hlich, Oktober 2015]<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Onyx classics &#8211; ONYX4142 Victoria Mullova spielt, mit Begleitung des HR-Sinfonieorchesters Frankfurt unter Paavo J\u00e4rvi, das Violinkonzert Nr. 2 in G-Dur op.63 von Sergej Prokofieff, gefolgt von dessen Sonate f\u00fcr zwei Violinen in C-Dur op. 56 (mit Tedi Papavrami als Duopartner) sowie dessen Sonate f\u00fcr unbegleitete Violine in D-Dur op. 115. 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