{"id":1752,"date":"2017-07-08T10:16:50","date_gmt":"2017-07-08T08:16:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1752"},"modified":"2022-02-17T15:16:18","modified_gmt":"2022-02-17T14:16:18","slug":"neue-orchesterkunst-vom-feinsten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/07\/08\/neue-orchesterkunst-vom-feinsten\/","title":{"rendered":"Neue Orchesterkunst vom Feinsten"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><em>Das Orchesterkonzert am 7. Juli 2017 im Rahmen des \u201emusica viva\u201c Wochenendes \u00fcberzeugte diesmal nicht nur durch eine Zusammenhang stiftende Programmkonzeption mit vier bereits in sich v\u00f6llig schl\u00fcssigen Werken, sondern dar\u00fcber hinaus mit einer in der Tat preisw\u00fcrdigen Urauff\u00fchrung. Der Abend wurde einmal mehr zum Triumph f\u00fcr den Dirigenten (und Komponisten) Matthias Pintscher und einem grandios aufgelegten BR-Symphonieorchester.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/Martin0010.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1753\"><img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-1753 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/Martin0010-300x200.jpg\" alt=\"(c)Astrid Ackermann\" width=\"392\" height=\"261\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/Martin0010-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/Martin0010-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/Martin0010-1024x682.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/Martin0010.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 392px) 100vw, 392px\" \/><\/a><strong><span class=\"st\">\u00a9<\/span> Astrid Ackermann<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der ja urspr\u00fcnglich zun\u00e4chst vor allem als \u00e4u\u00dferst vielversprechender, junger Komponist, der ab und zu auch eigene Werke dirigiert, in den Fokus der \u00d6ffentlichkeit getretene <em>Matthias Pintscher<\/em> entwickelt sich immer mehr zu einem ganz gro\u00dfen Dirigenten der Neuen Musik, wie zahlreiche ma\u00dfstabsetzende Auff\u00fchrungen von \u201aKlassikern\u2018 (Boulez, Var\u00e8se, Stockhausen\u2026) mit dem <em>Ensemble intercontemporain<\/em>, aber auch beim Lucerne Festival, belegen. Und bei den Orchesterkonzerten der M\u00fcnchner <em>musica viva<\/em> konnte er ebenfalls bereits \u00fcberzeugen. Dieser Abend wurde jedoch zu einem wahren Triumph des Dirigenten und einem geradezu unglaublich motivierten BR-Symphonieorchester, das von Pintscher mit traumwandlerischer Sicherheit und sichtbarer Empathie f\u00fcr die dargebotene Musik durch vier wirklich herausfordernde Werke mit ganz unterschiedlicher Klang\u00e4sthetik gef\u00fchrt wurde \u2013 nur zwei Wochen nach einem gro\u00dfartigen <em>Messiaen <\/em>unter Kent Nagano im Gasteig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Pintscher er\u00f6ffnete den Abend mit einer eigenen Komposition: <em>with lilies white <\/em>von 2001\/02 \u2013 dem \u00e4ltesten Werk dieses Konzerts. Die <em>Orchesterfantasie mit Stimmen <\/em>(3 Soprane und Knabensopran) verbindet Texte aus dem \u201eSterbeprotokoll\u201c des britischen K\u00fcnstlers Derek Jarman mit einem Lamento <em>William Byrds<\/em>, welches deutlich, aber in geschickter Verfremdung zitiert wird. Tod und das Jenseitige bilden dann auch die verbindende Klammer f\u00fcr alle vier Werke des Abends, sozusagen den gemeinsamen transzendentalen Hintergrund bei aller Verschiedenheit der jeweiligen Werkkonzeptionen. Das Riesenorchester (inkl. im Raum verteilter Schlagzeuger) ist ein Beispiel f\u00fcr Pintschers klangliche Opulenz gerade um die Jahrtausendwende, die aber nie nur zum \u00e4u\u00dferen Zweck, sondern f\u00fcr eine hochdifferenzierte Dynamik und Farbigkeit zum Einsatz kommt. Damit steht der Komponist in einer Tradition \u00fcberzeugender Orchestrierungskunst, wie sie etwa durch <em>Hans Werner Henze<\/em> repr\u00e4sentiert wurde. Mit pr\u00e4ziser Zeichengebung und immer sichtbarer Emotionalit\u00e4t brachte Pintscher sein St\u00fcck in jedem Detail zur Geltung. Der erst 13-j\u00e4hrige Augsburger Domsingknabe <em>Vinzenz L\u00f6ffel <\/em>beherrschte seine Gesangs- und Sprechpartie bombensicher und stahl damit den drei mehr als Ensemble formierten, aber qualitativ nat\u00fcrlich ebenb\u00fcrtigen Sopranistinnen <em>Sarah <\/em><em>Aristidou, Anna-Maria Palii <\/em>und<em> Sheva Tehoval<\/em> etwas die Schau, durchaus zur Freude des Saals.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich stand bisher den meisten Kompositionen <em>Mark Andres<\/em> einigerma\u00dfen skeptisch gegen\u00fcber. Auch die bereits bei der <em>musica viva <\/em>zu Geh\u00f6r gebrachten Werke <em>\u201eauf I\u201c <\/em>und <em>\u201e\u2026hij 1\u2026\u201c <\/em>lie\u00dfen mich ziemlich kalt und ich fragte mich lange, inwieweit in Andres Schaffen eine eigene Stimme zu finden sei, die \u00fcber blo\u00dfes Epigonentum \u2013 bezogen auf die Verweigerungs\u00e4sthetik seines Lehrers Helmut Lachenmann \u2013 hinausginge. Doch mit seiner Urauff\u00fchrungskomposition <em>\u201ewoher\u2026wohin\u201c <\/em>konnte mich der frischgebackene, diesj\u00e4hrige <em>Happy New Ears <\/em>Preistr\u00e4ger diesmal wirklich \u00fcberzeugen. Dem eigentlich aus sieben Miniaturen bestehenden Werk ist quasi als Motto Vers 3,8 aus dem Johannes-Evangelium vorangestellt: <em>\u201eDer Wind bl\u00e4st, wo er will\u2026\u201c.<\/em> Tats\u00e4chlich gelingt es Mark Andre verbl\u00fcffend realistisch, mit einer h\u00f6chst ausgekl\u00fcgelten Instrumentation verschiedenste Windger\u00e4usche umzusetzen; eine kleine <em>Geh\u00f6rbildung <\/em>basierend auf H\u00f6rerfahrungen w\u00e4hrend eines Istanbul-Aufenthalts, wie er in der Konzerteinf\u00fchrung verriet. Das ist jedoch nur eine \u00e4u\u00dfere Schicht der Komposition. Klar wird bereits beim ersten H\u00f6ren, dass in den sieben St\u00fccken, oder auch nur l\u00e4ngeren Passagen daraus, der Klang jeweils aus einheitlichen Materialit\u00e4ten gewonnen wird (etwa \u201amit B\u00f6gen gestrichen\u2018), hiermit an Werke wie Xenakis\u2018 <em>Pl\u00e9\u00efades <\/em>ankn\u00fcpfend. Dabei gibt es Momente von \u00e4u\u00dferster Intensit\u00e4t, die schon k\u00f6rperlich unmittelbar ber\u00fchren (krachende, kollektive Bart\u00f3k-Pizzicati mit entsprechender Unterst\u00fctzung von Blech und Schlagwerk), aber letztlich wie durch ein astronomisches Wurmloch immer metaphysisch auf das <em>Entschwinden <\/em>(gemeint ist hier das des auferstandenen Jesus in der Emmaus-Episode) hinweisen. Ob im dritten Abschnitt absichtsvoll eine Allusion zum vierten der <em>6 Orchesterst\u00fccke op. 6 <\/em>(Marcia funebre) Anton Weberns hergestellt wird, sei dahingestellt. Die sieben Abschnitte folgen zudem einer nachvollziehbaren Dramaturgie mit einer gewaltigen Steigerung des siebten Abschnitts vor dem letzten Aushauchen. Das ist alles wohldosiert und gekonnt, zeugt von einer echten Reife des Komponisten und wurde sogleich mit entsprechendem Beifall gew\u00fcrdigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Gy\u00f6rgy Kurt\u00e0gs <\/em>\u201eGeburtstagsst\u00e4ndchen\u201c zu Pierre Boulez\u2018 Neunzigstem geh\u00f6rt mit knapp sieben Minuten eigentlich bereits zu den l\u00e4ngeren Werken des Miniaturisten. Mit erheblich kleinerer Besetzung, durchaus klangsinnlich und pers\u00f6nlich (Cimbalom!), gelang hier dennoch eine ergreifende Hommage an den fast gleichaltrigen Kollegen, wobei naturgem\u00e4\u00df der Tod irgendwo nicht mehr wegzudiskutieren ist, was durch verschiedene musikhistorische Anspielungen allzu deutlich wird. Leider wurde dieses wertvolle und sensibel gespielte Werk hier durch die umgebenden St\u00fccke fast etwas erdr\u00fcckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Am Schluss im Verh\u00e4ltnis geradezu \u00e4therische Kl\u00e4nge: <em>\u201e\u2026towards a pure Land\u201c <\/em>des in Deutschland immer noch viel zu wenig beachteten, gro\u00dfartigen britischen Komponisten <em>Jonathan Harvey <\/em>(1939-2012). Ein Blick auf eine utopische, eigentlich bereits jenseitige, nach buddhistischer Pr\u00e4gung idealisierte Lebensvision von klanglich \u00fcppiger Sch\u00f6nheit, die aber nie \u00fcberbordet, geschweige denn in Kitsch umschl\u00e4gt. Auch hier agierte das Orchester unter dem inspirierenden <em>Matthias Pintscher <\/em>(jetzt mit Taktstock) mitrei\u00dfend und setzte diese phantastische Klangwelt kongenial um. Das St\u00fcck ist ein wirklich gro\u00dfer Wurf, das Publikum war aber dann nicht mehr mit voller Aufmerksamkeit dabei. Auf Harvey auch in den <em>musica viva<\/em> Orchesterkonzerten nochmals zur\u00fcckzukommen, f\u00e4nde ich sehr lohnenswert. Insgesamt war dieses Konzert auf jeden Fall der absolute H\u00f6hepunkt der diesj\u00e4hrigen Saison. Die Mitglieder des BR-Symphonieorchesters m\u00f6gen \u00e4hnlich empfunden haben und dankten dies dem Dirigenten mit gro\u00dfer Geste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>[Martin Blaumeiser, Juli 2017]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Orchesterkonzert am 7. Juli 2017 im Rahmen des \u201emusica viva\u201c Wochenendes \u00fcberzeugte diesmal nicht nur durch eine Zusammenhang stiftende Programmkonzeption mit vier bereits in sich v\u00f6llig schl\u00fcssigen Werken, sondern dar\u00fcber hinaus mit einer in der Tat preisw\u00fcrdigen Urauff\u00fchrung. 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