{"id":181,"date":"2015-10-17T13:12:56","date_gmt":"2015-10-17T11:12:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=181"},"modified":"2015-10-17T13:12:56","modified_gmt":"2015-10-17T11:12:56","slug":"anfang-und-ende-eines-grossen-symphonikers","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/10\/17\/anfang-und-ende-eines-grossen-symphonikers\/","title":{"rendered":"Anfang und Ende eines gro\u00dfen Symphonikers"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Sony Classical; Deutschlandradio Kultur; ISBN: 8 88751 56972 0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/9.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-182\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/9-300x264.jpg\" alt=\"9\" width=\"300\" height=\"264\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/9-300x264.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/9-1024x901.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die erste und die nur fragmentarisch erhaltene letzte Symphonie, jeweils in D-Dur, des jung verstorbenen Franz Schubert bilden das kurze Programm der neuen CD-Einspielung der Kammerakademie Potsdam unter Leitung ihres Chefdirigenten Antonello Manacorda.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es klingt eigentlich recht logisch: Die erste Symphonie eines Komponisten ist deutlich beeinflusst von dessen gro\u00dfen Vorbildern und die letzte schlie\u00dflich ist die absolute Eigenst\u00e4ndigkeit und vollendete Individualsprache des Meisters. So zumindest ist es immer und immer wieder zu h\u00f6ren und zu lesen &#8211; wie zum Beispiel auch im Booklet der vorliegenden CD, welches Albert Breier verfasst hat. Doch lauscht der H\u00f6rer einmal genau in die entsprechende Musik hinein, so d\u00fcrfte er relativ schnell feststellen, dass dies auch dann nicht der Fall sein muss, wenn sich anscheinend alle dar\u00fcber einig sind. Zweifelsohne l\u00e4sst sich die aufgestellte These bei Franz Schubert umgehend als falsch deklarieren (\u00fcbrigens nicht weniger bei Beethoven, dem in seinem symphonischen Erstlingswerk ebenfalls gelegentlich ein bisschen Haydn-Epigonentum vorgeworfen wird, und bei vielen anderen wie Niels W. Gade, Edvard Grieg, Jean Sibelius, Douglas Lilburn et cetera, denen allen ungerechtfertigterweise der unverkennbar eigene Ton in ihren Fr\u00fchwerken beziehungsweise bei Lilburn oder Gade von manchem &#8222;Experten&#8220; sogar in ihrem Gesamtwerk abgesprochen wird. Bei anderen Komponisten wie Mahler, Mozart, Bach oder Haydn ist von so etwas kaum einmal die Rede, obgleich auch sie nat\u00fcrlich gleichfalls Vorbilder hatten). Selbstverst\u00e4ndlich lassen sich Ankl\u00e4nge an die Idole erkennen und werden teils durchaus deutlich, aber davon abgesehen liegt bei Schubert (und auch bei allen anderen genannten Namen) ohne den leisesten Verdacht eines Zweifels schon sehr fr\u00fch eine gro\u00dfe Eigenleistung vor, die sich deutlich von Vorherigem abhebt und bereits in jungem Alter einen eigenen Ton schafft. Die Behandlung des Orchesterapparats in relativ gro\u00dfer Besetzung ist trotz der f\u00fcr Schuberts bekanntere Werke ungewohnt freudig-festlichen Stimmung eine vollkommen andere als bei Haydn oder Mozart. Ironischerweise widerspricht sich bei der Aufz\u00e4hlung der angeblichen Vorbildwerke sogar der Booklettextautor, der den Hauptsatz gerne auf Beethovens Eroica errichtet sehen w\u00fcrde, aber gleichzeitig schreibt, von Beethoven seien um die Zeit allerdings nur die ersten zwei Symphonien im Repertoire des Konviktsorchesters f\u00fcr Schubert zu h\u00f6ren gewesen. Bei dem von Brian Newbould erg\u00e4nzten Fragment des Andantes, welches vermutlich einer zehnten Symphonie angeh\u00f6ren sollte, haben alle Klischeeliebenden daf\u00fcr ihre Freude, es geh\u00f6rt tats\u00e4chlich zu den handwerklich und stilistisch vollendeten und innigen Manfestationen des unumst\u00f6\u00dflich erkennbaren Sp\u00e4tstils von Franz Schubert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kammerakademie Potsdam unter Antonello Manaconda nimmt die Werke insgesamt ziemlich schwungvoll und akzentuiert mit einem vollen Orchesterklang. Abgesehen von der frechen Verspieltheit im Finale der ersten Symphonie erzeugt das Spiel meist eine pathetisch-aufgeladene Wirkung mit gewissem Drang nach vorne. Im Symphoniefragment nimmt Manacorda die Scharfkantigkeit mehr heraus und vertraut eher dem lyrischen Moment, was dem Satz einen \u00fcberlegenen Vorteil gegen\u00fcber dem Andante des Erstlingswerkes verschafft. All das Pomp\u00f6se und Heroische ist auch nicht immer vorteilhaft f\u00fcr diese Musik, gerade die Adagio-Introduktion des Kopfsatzes ist dadurch ein wenig zu m\u00e4chtig f\u00fcr die an sich erw\u00fcnschte Wirkung eines durchsichtigen und beweglichen Orchesterklangs. Anstelle dessen erh\u00e4lt der H\u00f6rer eine durch ungeb\u00e4ndigte Tuttischl\u00e4ge aufw\u00fchlende und in unglaubhaftem Pathos badende Musik, was zwar durchaus auch einen gewissen Reiz haben kann, aber hier doch ziemlich \u00fcberzogen ist. Wie man eine gute Synthese zwischen diesen Gesten erhalten kann, pr\u00e4sentiert Manacorda selbst, und zwar im gleichen Werk: Der Finalsatz ist wesentlich stimmiger und auch alle Scharfkantigkeit der Fortepassagen wirkt mehr in den sinnvollen Kontext eingebunden. Das Finale zeichnet eine besondere Stringenz aus, die einen vom ersten bis zum letzten Ton im Bann h\u00e4lt &#8211; was sich vom Kopfsatz nicht behaupten l\u00e4sst, da die Wiederholung zudem die ganze Angelegenheit unendlich lang erscheinen l\u00e4sst, denn viel zu weit hat sich das dramatische Geschehen bereits vom Ausgangspunkt entfernt, als dass es noch einmal von Beginn an sinntr\u00e4chtig abgespult werden k\u00f6nnte. Interessant gestaltet sich die Ausdifferenzierung des Menuetts mit seinem kontrastierenden Trio-Mittelteil. Durch eine leichte Tempor\u00fccknahme gelingt es Manacorda hier, einen deutlichen Kontrast zwischen den beiden Abschnitten herzustellen, der sehr weibliche Elemente im Trio hervorkehrt und \u00e4u\u00dferst m\u00e4nnliche im Menuett. Das ist nat\u00fcrlich hier etwas romantisierend \u00fcbertrieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine vollkommen neue Welt kann sich schlie\u00dflich in der sp\u00e4t entdeckten und als solche identifizierten Symphonie Nr. 10 D 936A \u00f6ffnen. Solch eine Sch\u00f6nheit zeigt sich in diesen Orchesterkl\u00e4ngen und bet\u00f6rt dazu mit fabelhaften Orchesterwirkungen, so dass der von Brian Newbould rekonstruierte und orchestrierte Satz fast zum Tr\u00e4umen einladen w\u00fcrde, w\u00e4re da nicht diese Doppelb\u00f6digkeit, die Schubert so ausmacht und einen doch aufs Neue schlucken l\u00e4sst angesichts dessen, was sich hinter der Fassade verbergen mag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, Oktober 2015]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sony Classical; Deutschlandradio Kultur; ISBN: 8 88751 56972 0 \u00a0 Die erste und die nur fragmentarisch erhaltene letzte Symphonie, jeweils in D-Dur, des jung verstorbenen Franz Schubert bilden das kurze Programm der neuen CD-Einspielung der Kammerakademie Potsdam unter Leitung ihres Chefdirigenten Antonello Manacorda. 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