{"id":1834,"date":"2017-08-18T17:21:46","date_gmt":"2017-08-18T15:21:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1834"},"modified":"2017-08-18T17:21:46","modified_gmt":"2017-08-18T15:21:46","slug":"russische-klaviertrios-etwas-zu-defensiv","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/08\/18\/russische-klaviertrios-etwas-zu-defensiv\/","title":{"rendered":"Russische Klaviertrios, etwas zu defensiv"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">Naxos, LC 05537; EAN: 0747313356171<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Martin0012.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1835\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone  wp-image-1835\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Martin0012-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"363\" height=\"315\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Martin0012-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Martin0012-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Martin0012.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 363px) 100vw, 363px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Das junge, niederl\u00e4ndische Delta Piano Trio legt auf seinem CD-Deb\u00fct eine stilvolle und klangsch\u00f6ne Darbietung des etwas sperrigen Tanejew-Klaviertrios vor, erg\u00e4nzt durch das fr\u00fche, unvollendete Trio Alexander Borodins. Manches wirkt dabei allerdings noch ein wenig unentschlossen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Musik von Sergej Iwanowitsch Tanejew (1856-1915) zeichnet sich vor allem durch sehr systematische, kontrapunktische Arbeit aus. Darin unterscheidet sich der Komponist ganz erheblich vom nationalrussisch gesinnten, sogenannten \u201em\u00e4chtigen H\u00e4uflein\u201c (Balakirew, Borodin, Cui, Mussorgsky, Rimski-Korsakow), aber selbst noch vom mehr westlich gepr\u00e4gten Tschaikowsky. Tanejews permanente, polyphone Verdichtungen wirken oft k\u00fcnstlich ausget\u00fcftelt, was bei etlichen Zeitgenossen in seiner Heimat eher auf Unverst\u00e4ndnis stie\u00df. F\u00fcr westliche Kammermusikfans, bei denen ja f\u00fcr die zweite H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts vor allem Brahms als das Ma\u00df der Dinge gilt, m\u00fcsste Tanejew (gerade auch seine Streichquartette) aber gr\u00f6\u00dferes Interesse hervorrufen als noch derzeit, weist doch manches hier durchaus schon auf die Komplexit\u00e4t Regers oder die fr\u00fchen Werke der Zweiten Wiener Schule hin, wenn auch die Harmonik hochromantisch verwurzelt und v\u00f6llig tonal bleibt. So ist das fast dreiviertelst\u00fcndige Klaviertrio D-dur (1908) nicht nur ein handwerklich grandioses Musikst\u00fcck: Die Vielfalt der Stimmungen \u2013 besonders im zweiten Satz, der geschickt Scherzo und Variationsform verbindet \u2013 wirkt ungeheuer abwechslungsreich, und das enge Beziehungsgeflecht von Motiven und Themen h\u00e4lt das lange St\u00fcck satz\u00fcbergreifend in bemerkenswerter Weise zusammen. Dieses auch \u00fcberzeugend darzustellen, fordert von den Interpreten allerdings ein hohes Ma\u00df an Deutlichkeit sowie einen gro\u00dfen Atem.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<p style=\"text-align: justify\">Das <em>Delta Piano Trio<\/em> hat sich erst 2013 aus drei jungen Niederl\u00e4ndern formiert, aber bereits mehrere internationale Preise gewonnen und wird u.a. von Rainer Schmidt (Hagen Quartett) gef\u00f6rdert. Ich habe mir nochmal die beiden bisher ma\u00dfstabsetzenden Einspielungen von Tanejews op. 22, trotz ihrer geradezu \u00fcberraschenden Unterschiedlichkeit, zum Vergleich angeh\u00f6rt: Das Borodin-Trio (Chandos, 1988) sowie die Aufnahme mit Vadim Repin, Lynn Harrell und Michail Pletnjow (DG, 2005). In vielerlei Hinsicht scheint das Delta Piano Trio hier zu versuchen, gewisserma\u00dfen den \u201agoldenen Mittelweg\u2018 zu finden. Das beginnt bei der Wahl der Tempi: Bei allen vier S\u00e4tzen des Klaviertrios sind die Borodins jeweils langsamer, Repin, Harrell &amp; Pletnjow jeweils schneller. Das hat nat\u00fcrlich Konsequenzen weit \u00fcber die Statistik hinaus. Kostet das DG-Trio gerade im rhythmisch vertrackten und mit teilweise staunenswerten Perspektivwechseln arbeitenden zweiten Satz die Extreme im ganz w\u00f6rtlichen Sinne aus, bleiben die Borodins bei ihrer schon im Kopfsatz vorherrschenden, etwas beh\u00e4bigen und akademisch wirkenden Geradlinigkeit. Bei ihnen wirkt dann der zweite Satz eher r\u00fcckw\u00e4rtsgewandt, wie ein zweiter Aufguss des (formalen) Vorbilds aus dem Tschaikowsky-Klaviertrio \u2013 trotz an sich offensiver Musizierhaltung. Das Delta-Trio hat im Kopfsatz mehr Eloquenz als die Borodins, spielt \u2013 das gilt f\u00fcr die ganze CD \u2013 immer \u00e4u\u00dferst klangsch\u00f6n und mit hochdifferenzierter Artikulation. F\u00fcr die Verr\u00fccktheiten des Variationssatzes fehlt aber dann doch der Mut zur Waghalsigkeit, der bei Repin, Harrell und Pletnjow gerade das Faszinosum darstellt. Nat\u00fcrlich wird technisch alles blitzsauber bew\u00e4ltigt, aber die Pianistin <em>Vera Kooper<\/em> kann es bei weitem nicht mit Pletnjows Brillanz aufnehmen. Insgesamt bleiben die Niederl\u00e4nder in ihrer Dynamik \u00e4u\u00dferst diskret \u2013 f\u00fcr meinen Geschmack viel zu zur\u00fcckhaltend. So ger\u00e4t mancher Piano- bzw. Pianissimo-Abschnitt zu fast nichtssagendem Ges\u00e4usel, der Ernst einiger dynamischer Steigerungen \u2013 z.B. III. Satz ab Ziffer [125], wo chromatisch aufw\u00e4rtsgehende Oktavspr\u00fcnge schon beinahe Richard Strauss\u2018 <em>Metamorphosen<\/em> vorwegnehmen \u2013 wird ebenso verfehlt wie der wirklich optimistische Schluss des Finales. Andererseits wird manches nebens\u00e4chliche Detail \u00fcberinterpretiert (Finale, \u00dcbergang vor Ziffer [151]), was den Fluss der Musik unn\u00f6tig ins Stocken bringt. Der Violinkadenz am Schluss des <em>Andantes<\/em>, eine unverhohlene Reverenz ans Tschaikowsky-Violinkonzert, fehlt der gewisse Hauch bewusster Ironie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<p style=\"text-align: justify\">Danach folgt noch eine echte Rarit\u00e4t, im Konzertsaal praktisch nie zu h\u00f6ren: Das fr\u00fche Trio (1860) von Alexander Borodin, trotz zehnj\u00e4hriger Entstehungszeit unvollendet geblieben (ein Finale fehlt), dessen sich das Delta Piano Trio liebevoll annimmt. Nat\u00fcrlich ist dies ein eher unreifes Werk, das neben Tanejew v\u00f6llig belanglos wirken muss. Immerhin k\u00f6nnen alle drei Spieler hier ihre Instrumente zum Singen bringen, gerade in der <em>Romanze.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Trotz der vorgebrachten Einw\u00e4nde ist dies eine durchaus beachtenswerte Visitenkarte eines vielversprechenden Klaviertrios, das mutig relativ unerschlossenes Repertoire in Angriff nimmt, im Zusammenspiel bereits perfekt harmoniert, sich jedoch an musikalischer Ausdruckskraft sicher noch steigern kann, wenn es sich denn klanglich etwas mehr aus der Defensive traut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>[Martin Blaumeiser, August 2017]<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Naxos, LC 05537; EAN: 0747313356171 Das junge, niederl\u00e4ndische Delta Piano Trio legt auf seinem CD-Deb\u00fct eine stilvolle und klangsch\u00f6ne Darbietung des etwas sperrigen Tanejew-Klaviertrios vor, erg\u00e4nzt durch das fr\u00fche, unvollendete Trio Alexander Borodins. 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