{"id":1839,"date":"2017-08-20T19:05:12","date_gmt":"2017-08-20T17:05:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1839"},"modified":"2017-08-22T20:48:31","modified_gmt":"2017-08-22T18:48:31","slug":"kuehne-harmonien-und-brachiale-wucht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/08\/20\/kuehne-harmonien-und-brachiale-wucht\/","title":{"rendered":"K\u00fchne Harmonien und brachiale Wucht"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Hyperion, CDA68205; EAN: 0 34571 29205 3<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/0105.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1846\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-1846\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/0105-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"348\" height=\"302\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/0105-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/0105-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/0105.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 348px) 100vw, 348px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Das Klavierkonzert (1932-1936) sowie die zweite Ballade f\u00fcr konzertantes Klavier und Orchester (1943) des bulgarischen Komponisten Dimitar Nenov sind &#8211; jeweils in Weltersteinspielung &#8211; auf der neuesten CD von Ivo Varbanov und dem Royal Scottish National Orchestra unter Emil Tabakov f\u00fcr Hyperion zu h\u00f6ren.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist bereits einige Jahre her, als ein guter Freund und Kollege mir ein Notenheft eines bulgarischen Komponisten brachte, welches mich sogleich durch seine Pr\u00e4gnanz, markersch\u00fctternde Gewalt und halsbrecherische Virtuosit\u00e4t in seinen Bann zog. Es war Klaviermusik von Dimitar Nenov, welche mich seit dem nicht mehr los und meine Umgebung zugleich scheinbar kalt lie\u00df. Dies k\u00f6nnte sich vielleicht nun \u00e4ndern, wo seine Musik in die kundigen H\u00e4nde von Emil Tabakov fiel, einem Landsmann Nenovs und selbst substanziellen Komponisten, der auch durch sein herausragendes Dirigat aus der Masse hervorsticht. Angesto\u00dfen wurde das Projekt durch den Pianisten Ivo Barbanov, der seit 2012 nach einer mehrj\u00e4hrigen krankheitsbedingten Pause wieder mit ungebrochenem Eifer t\u00e4tig ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dimitar Nenov war in seinen jungen Jahren gefeiert als Pianist und Komponist, doch war auch als Rundfunkproduzent und nicht zuletzt als Architekt t\u00e4tig, eine Reihe wichtiger Geb\u00e4ude und Bahnh\u00f6fe in Bulgarien gehen auf seine Planung zur\u00fcck. Mit der Etablierung des Kommunismus in Bulgarien ab 1944 geriet er als Freigeist unter Generalverdacht und wurde mehrfach \u00f6ffentlich diffamiert, seine Aufnahmen wurden vernichtet und einige Werke durch fremdes Zutun bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Auch wenn sich die Intensit\u00e4t dieser Anfeindungen bald abschw\u00e4chte, blieben die Spuren dieser Erfahrungen im Schaffen Nenovs unverkennbar bestehen. Nach seinem Tod 1953 war er dann schnell vergessen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">K\u00fchne Harmonien und brachiale Wucht zeichnen die Musik des Bulgaren aus, beinahe zwangsl\u00e4ufig schwingt ein gewisses Unbehagen mit. Selbst extravertiert ausgelassene Passagen weisen eine gewisse Doppelb\u00f6digkeit auf, eine unterschwellige Melancholie und Traurigkeit sind durchgehend bezeichnend f\u00fcr Nenovs Musik. F\u00fcllige Akkorde in gro\u00df besetztem Orchester geben den Werken Dichte und verleihen ihnen eine fast ausweglos scheinende, erdr\u00fcckende Kraft. Gesangvolle Linien schlagen pl\u00f6tzlich in blanke Gewalt um, Schimmer der Hoffnung werden schnell hinweg gefegt. Diese Musik hat etwas Be\u00e4ngstigendes, aber in gleichzeitig Faszinierendes und Unergr\u00fcndliches.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die formale Gestaltung des Klavierkonzerts umfasst riesige Dimensionen und \u00fcberschreitet das beim ersten H\u00f6ren Erfassbare. Das knapp 45 Minuten dauernde Werk umspannt zwar wie gewohnt drei S\u00e4tze, doch h\u00e4ngen diese thematisch zusammen und es entsteht die Wirkung eines einzigen, alles verbindenden Satzes. Martin Georgiev schreibt in seinem rundum informativen Booklettext, die Gesamtheit entspreche einer sehr umfassenden und weitausgreifenden Sonatenhauptsatzform, womit Nenov alles Dagewesene bis hin zu Bruckner und Mahler um L\u00e4ngen \u00fcberbieten w\u00fcrde. In dieser Weise zeigt sich das Konzert nat\u00fcrlich beim blo\u00dfen H\u00f6ren nicht erkennbar, das Konstrukt \u00fcbersteigt das vom Menschen Korrelierbare um einiges. Ebenfalls gro\u00df dimensioniert ist die Ballade Nr. 2 f\u00fcr konzertantes Klavier und Orchester angelegt, die allgemein etwas zur\u00fcckgehaltener erscheint als das bombastische Klavierkonzert und auch eine gr\u00f6\u00dfere Ruhe ausstrahlt. Das Klavier integriert sich mehr in das Orchestergeflecht und steigt eher aus ihm empor, als einen eigenen, nur bedingt von seiner Umgebung abh\u00e4ngigen Part zu bilden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den an die Grenzen des anatomisch Bew\u00e4ltigbaren gehenden virtuosen Herausforderungen ist der Pianist Ivo Varbanov souver\u00e4n gewachsen, auch ist ihm der trockene, n\u00fcchterne Ton zu eigen, der f\u00fcr solch eine Gewaltmusik notwendig ist. Nichts wird versch\u00f6nert, die Musik wird mit all ihren Kanten und Unebenheiten wiedergegeben, die sie so charakteristisch machen und ihr den diabolischen Charme verleihen. Und doch w\u00e4re in manchen, gerade in den ruhigeren Passagen w\u00fcnschenswert, in der Klangqualit\u00e4t des Klaviers doch auch \u00fcber die simple Tastenebene hinauszuwachsen, H\u00f6hepunkte trompetenartig hervorzuschmettern, tiefe Passagen Fagott-artig zu behandeln und allgemein die Melodik gesanglich aufbl\u00fchen zu lassen, den T\u00f6nen Leben zu verleihen, wo dies am Platze ist. Dies wird erst auff\u00e4llig durch den Unterschied zum Dirigat Emil Tabakovs, der jede Stimme f\u00fcr sich leben l\u00e4sst und selbst in den h\u00e4mmerndsten Klangkaskaden den Sinn f\u00fcr eine subtileree Phrasierung beh\u00e4lt. Tabakov holt alles an Musik heraus, was diese auf den ersten Blick oberfl\u00e4chlich-stumpf erscheinenden Klangorgien bieten &#8211; und definitiv mehr, als man erwarten d\u00fcrfte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, August 2017]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hyperion, CDA68205; EAN: 0 34571 29205 3 Das Klavierkonzert (1932-1936) sowie die zweite Ballade f\u00fcr konzertantes Klavier und Orchester (1943) des bulgarischen Komponisten Dimitar Nenov sind &#8211; jeweils in Weltersteinspielung &#8211; auf der neuesten CD von Ivo Varbanov und dem Royal Scottish National Orchestra unter Emil Tabakov f\u00fcr Hyperion zu h\u00f6ren. 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