{"id":186,"date":"2015-10-19T12:00:36","date_gmt":"2015-10-19T10:00:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=186"},"modified":"2015-10-18T22:40:43","modified_gmt":"2015-10-18T20:40:43","slug":"grenzgaenger","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/10\/19\/grenzgaenger\/","title":{"rendered":"Grenzg\u00e4nger"},"content":{"rendered":"<p>acoustic motion concepts AMC 301-2; GTIN: 4050215095656<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/0010.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-187\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/0010-300x272.jpg\" alt=\"0010\" width=\"300\" height=\"272\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/0010-300x272.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/0010-1024x929.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ein neu aufgestelltes Projektteam begeht den Versuch, Kammermusik von bekannten Komponisten der Moderne und des \u00dcbergangs zu dieser zu rekomponieren und mit zeitgen\u00f6ssischen Sampletechniken aus dem Aufnahmematerial eine neue Musik zu schaffen, die die Form einer Symphonie annehmen soll. Mitwirkende Musiker der Originalwerke sind dabei Lutz Bartberger, Felix Benkartek, Esther B\u00fcrger, Anna-Doris Capitelli, Toni Ming Geiger, Carolina Gro\u00dfe Darrelmann, Theresa Lier, Lara Sophie Schmitt und Lena Wignjosaputro. F\u00fcr die Rekomposition ist Luis Reichard zust\u00e4ndig, der mit Patrick Leuchter die Produktion leitet und vom Schlagzeuger Moritz Baranczyk unterst\u00fctzt wird, der f\u00fcr einen Track noch eine sp\u00e4ter als MIDI exportierte Schlagzeugstimme liefert. Der Titel des Projekts lautet Noch:Schon, ihre erste Ver\u00f6ffentlichung nennt sich &#8222;Musik an der Schwelle&#8220;.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit klassischer Musik zu experimentieren und sie in andere Formen und Dimensionen zu bringen, bringt oft sehr interessante und im positiven Sinne bemerkenswerte Versuche hervor, denn so erh\u00e4lt eine oft als &#8222;verstaubt&#8220; diffamierte Musik neues Publikum und vielleicht k\u00f6nnen auf diese Art gerade junge Leute aufmerksam gemacht werden nicht nur auf die moderne Bearbeitung, sondern auch auf die Originale dahinter, und f\u00fcr eine offene H\u00f6rhaltung gegen\u00fcber einer solchen Musik gewonnen werden. Noch:Schon bietet exakt diese M\u00f6glichkeit: Auf der ersten CD von &#8222;Musik an der Schwelle&#8220; befinden sich die Originalwerke, bestehend aus Gustav Mahlers eins\u00e4tzigem Klavierquartett, Alban Bergs sieben fr\u00fchen Liedern, Sergei Prokofjews Sonate f\u00fcr zwei Violinen, Samuel Barbers Nuvoletta und Bernd Alois Zimmermanns Sonate f\u00fcr Viola Solo; die zweite CD hingegen enth\u00e4lt Bearbeitungen dieser St\u00fccke, gegliedert in vier S\u00e4tze, die zusammen eine Symphonie bilden sollen mit einem Sonatenhauptsatz (Mahler) zu Beginn, einer Kantate (Berg) in vier Teilen als zweitem Satz, einem Scherzo (Barber) und einem Finale (Zimmermann). Bedauerlicherweise wird der grandiosen Prokofjew-Sonate kein eigener Titel zugesprochen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Musiker spielen allesamt auf einem hohen Niveau. Sehr stimmungsvoll ist das eins\u00e4tzige Klavierquartett von Gustav Mahler dargeboten, jenes einzige vollst\u00e4ndig uns erhaltene Kammermusikwerk des gro\u00dfen Symphonikers, das zwar in klassischer Sonatenhauptsatzstruktur komponiert ist, aber sich dennoch haupts\u00e4chlich monistisch aus dem Hauptgedanken a-f-e entwickelt, wodurch es im Spiel schnell zu ungew\u00fcnschten L\u00e4ngen kommen kann. Bei den hier mitwirkenden Musikern werden die L\u00e4ngen erstaunlich gut kaschiert, das Zusammenspiel wirkt im Gro\u00dfen und Ganzen gut abgestimmt, lediglich donnert es manchmal ein wenig zu grob &#8211; wobei dies auch an der Tontechnik liegen kann. Carolina Gro\u00dfe Darrelmann verleiht den sieben fr\u00fchen Liedern Alban Bergs einen recht matten und innigen Klang mit einem leicht reibenden Timbre &#8211; leider ist der Text dabei manchmal nur schwerlich zu verstehen, was gerade bei so textlich ausdrucksstarken Liedern w\u00fcnschenswert w\u00e4re. Sehr opernhaft erscheint Ester B\u00fcrger in Barbers Nuvoletta mit ausschweifenden und brillanten Koloraturen und einer strahlend hellen Stimme, die einen deutlichen Gegenpol zu der kammermusikalisch erscheinenden S\u00e4ngerin der Berg-Lieder bildet, wenn auch mit der unfreiwilligen Gemeinsamkeit der oft unzureichenden Textdeklamation. Felix Benkartek accompagniert in beiden divergierenden Stilen in trefflichem Gestus am Klavier, ohne dabei sonderlich stark an der Oberfl\u00e4che neben den S\u00e4ngerinnen hervorzutreten. Entsprechend ist seine &#8222;Stimme&#8220; teils nicht sonderlich sanglich ausgestaltet und wirkt zwar als solider und stimmiger Untergrund, allerdings nicht als vollwertiger Widerpart zu den Partnerinnen, vor allem bei Barber. Dabei k\u00f6nnte er durchaus weiter aus dem Schatten hervortreten, sein Spiel ist angenehm feingliedrig und perlig. Vermutlich ist aber auch hier wieder eher die Abmischung Ursache f\u00fcr die ungleiche Abstimmung als das Spiel des Pianisten, denn das Klavier wirkt im Vergleich zu der Kraft hinter manchen T\u00f6nen doch recht ged\u00e4mpft und als reine Hintergrundsfarbe degradiert. Die \u00fcberzeugendste Darbietung der ersten CD ist meines Erachtens die von Lara Sophie Schmitt in der Sonate f\u00fcr Viola solo von Bernd Alois Zimmermann, von dessen breitem \u0152vre die meisten nur die Oper &#8222;Die Soldaten&#8220; kennen, die letztes Jahr in der Bayerischen Staatsoper unter Kirill Petrenko einen f\u00fcr ein avantgardistisches Werk unvorstellbaren Erfolg erzielen konnte. Die Violasonate erfordert unz\u00e4hlige minimale Farbnuancen, die ganz exakt dosiert werden m\u00fcssen &#8211; was Schmitt auch zustande bringen und so die d\u00fcster-depressive und f\u00fcr Zimmermann so typische Stimmung ohne jede aufgesetzte Verstellung vermitteln kann. Zudem findet sich noch die Sonate f\u00fcr zwei Violinen Op. 56 von Sergei Prokofjew auf der ersten CD, welche \u00fcbrigens den Titel &#8222;Noch&#8220; tr\u00e4gt, w\u00e4hrend die Bearbeitungen als &#8222;Schon&#8220; \u00fcberschrieben werden. Die Sonate, wie wohl fast alle Werke von Prokofjew, verlangt alles an Mechanik von den Musikern ab, was physikalisch irgendwie erreichbar ist. Umso schwieriger gestaltet es sich, auch die Lyrik in diesen vertrackten S\u00e4tzen herauszuarbeiten und in all den Dissonanzen und teils derben Kl\u00e4ngen zu &#8222;singen&#8220;. In den langsamen Passagen mag das noch zu einem guten Teil gelingen, aber in den virtuosen und rhythmisch markanten Verl\u00e4ufen sind Lutz Bartberger und Theresa Lier zu sehr mit der rein technischen Bew\u00e4ltigung der komplexen Organisation besch\u00e4ftigt, um f\u00fcr ein ausgewogenes und abgestimmtes Spiel sorgen zu k\u00f6nnen. So geht h\u00e4ufig auch die erforderlich akzentuierte Scharfkantigkeit verloren, besonders im zweiten Satz, dem ph\u00e4nomenalen dynamischen H\u00f6hepunkt, wo statt dessen entweder die entsprechenden Momente zu &#8222;harmlos&#8220; wirken oder aber allzu kratzig r\u00fcberkommen. Nichts desto Trotz ist alleine schon die technisch so saubere Bew\u00e4ltigung eine hohe Aufgabe, die es zu w\u00fcrdigen gilt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Insgesamt ist allerdings zu sagen, dass die Aufnahmetechnik der St\u00fccke nicht gerade ideal getroffen ist, die Werke wirken ein wenig verloren im Raum und b\u00fc\u00dfen somit an Tiefe und Pr\u00e4senz ein, so dass manch einer der hier genannten Rezensionsaspekte nur nach mehrfachem H\u00f6ren \u00fcberhaupt eruierbar war. Zwar erklingen die St\u00fccke besonders stimmungsvoll in dem leicht vernebelten Hall, doch ist dies den Preis nicht wert, zentrale musikalische Aspekte einzub\u00fc\u00dfen. Das ebenso wie das gesamte Album sehr innovativ gestaltete Booklet (das besondere Anh\u00e4nger der Musik sogar als Plakat ausgebreitet in ihre Lokalit\u00e4ten h\u00e4ngen k\u00f6nnen) gibt zwar weder sonderlich nennenswerte Informationen \u00fcber die Originale, noch die Texte der Berg-Lieder, bietet aber ein paar interessante Gedanken vor allem \u00fcber die Bearbeitungen, wobei ich mir auch hier ein wenig ausf\u00fchrlichere Fakten \u00fcber den Entstehungsprozess und die Gedanken dahinter (die sich beim blo\u00dfen H\u00f6ren schwerlich erschlie\u00dfen m\u00f6gen) w\u00fcnschen w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Schon&#8220; folgen die Rekompositionen der St\u00fccke auf der zweiten CD, die laut beigelegtem Text komplett aus dem Aufnahmematerial gebildet wurden (abgesehen vom Schlagzeug auf Track 3). Diese Neuzusammensetzung erfolgte mit Hilfe von etlichen elektronischen Effekten, die die Originalstimmen teilweise in unkenntlich verzerrter Weise wiedergeben, so dass sie teilweise wie rein elektronisch generiert wirken. Auf diese Weise k\u00f6nnte das resultierende Material direkt Teil einer futuristisch anmutenden Ausstellung oder Musik f\u00fcr experimentelle Lokalit\u00e4ten und Clubs darstellen. Das Ergebnis l\u00e4sst noch immer das Original in sich erkennen, bildet aber doch etwas vollkommen Neues, und nur kurzzeitig schimmern Passagen vollkommen unverstellt durch die Elektronik durch. Alles in allem sind die Rekompositionen \u00e4u\u00dferst stimmungsvolle und kurzweilige St\u00fccke, die eine eigene Atmosph\u00e4re verstr\u00f6men und immer wieder f\u00fcr \u00dcberraschungen sorgen. Kontinuierlich stellt sich die Frage, was als n\u00e4chstes folgt und welche Klangkombinationen und vor allem -variationen erscheinen werden. Besonders spannend sind die reinen Instrumentalst\u00fccke, so wird beispielsweise die Zimmermann-Sonate von ihrer spr\u00f6den und fragmenthaften Originalgestalt aus immer weiter verdichtet, bis scheinbar ein ganzes Streichorchester spielt, was schlie\u00dflich in eine melancholische Klangfl\u00e4che mit sanfter Kantilene \u00fcberkippt. Bei Mahler wurde versucht, auch eine Sonatenhauptsatzform zu erschaffen, allerdings mit Atmosph\u00e4ren statt mit Motiven &#8211; was allerdings mehr intellektuell zu verstehen als tats\u00e4chlich beim spontanen H\u00f6ren offenkundig ist. So gelungen das Ergebnis auch sein mag, stellt sich nun dennoch die Frage nach dem innermusikalischen Sinn dahinter, denn keine dieser Kompositionen hat das Bed\u00fcrfnis, auf irgendeine Art rekonstruiert zu werden. So handelt es sich mehr um sch\u00f6n zu h\u00f6rende experimentelle Spiele denn um einen wahren Dienst im Sinne der Komponisten oder ihrer Werke. Ungeachtet dessen bleibt die Hoffnung, durch so eing\u00e4ngige und kosmische Umformungen kammermusikalischer Werke einmal mehr Besucher auch in den klassischen Konzertsaal zu locken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, Oktober 2015]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>acoustic motion concepts AMC 301-2; GTIN: 4050215095656 \u00a0 Ein neu aufgestelltes Projektteam begeht den Versuch, Kammermusik von bekannten Komponisten der Moderne und des \u00dcbergangs zu dieser zu rekomponieren und mit zeitgen\u00f6ssischen Sampletechniken aus dem Aufnahmematerial eine neue Musik zu schaffen, die die Form einer Symphonie annehmen soll. 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