{"id":1862,"date":"2017-08-30T20:25:40","date_gmt":"2017-08-30T18:25:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1862"},"modified":"2017-08-30T20:25:40","modified_gmt":"2017-08-30T18:25:40","slug":"die-verspielte-seite-des-bad-boy","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/08\/30\/die-verspielte-seite-des-bad-boy\/","title":{"rendered":"Die verspielte Seite des Bad Boy"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Capriccio, C5309; EAN: 8 45221 05309 7<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/0108.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1863\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone  wp-image-1863\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/0108-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"397\" height=\"344\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/0108-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/0108-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/0108.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 397px) 100vw, 397px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Musik von George Antheil ist auf vorliegender CD mit der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter Karl-Heinz Steffens zu h\u00f6ren. Neben der Erstfassung von A Jazz Symphony (1925) und dem Ersten Klavierkonzert, jeweils mit dem Solisten Frank Dupree, erklingt die Orchestersuite zu Capital of The World und Archipelago &#8222;Rhumba&#8220;.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">George Antheil wusste, wie man sich selbst darstellen kann: Mit schockierenden Klavierauftritten, bei welchen nicht selten ein Revolver auf dem Klavier lag, mit eigenwilligen Ensemblebesetzungen, die auch mal 16 selbstspielende Klaviere und Flugzeugsirenen vorsehen, und mit verbaler Propaganda, welche ihn sich selbst in seiner Autobiographie als &#8222;Bad Boy of Music&#8220; pr\u00e4sentieren lie\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neben einer Handvoll solch ohrenbet\u00e4ubender Werke wie dem ber\u00fchmten Ballet m\u00e9canique oder der Airplane Sonata schrieb Antheil allerdings auch eine \u00fcberraschend gro\u00dfe Menge Musik, die sein selbstgeschaffenes Image so \u00fcberhaupt nicht best\u00e4tigen will. Vor allem der Jazz, welcher damals mehr als heute als reine Popul\u00e4rmusik galt, reizte ihn, so dass er ihn immer wieder in seine Musik einband, subtil wie in sp\u00e4teren Jahren in seiner F\u00fcnften Symphonie (Joyous) oder offenkundig wie in der &#8222;A Jazz Symphony&#8220; oder in der auf gleichem Material beruhenden &#8222;Jazz Sonata&#8220;. Aber auch die Operette und der Wiener Walzer zogen Antheil an, in Wien wollte er neben Alban Berg unbedingt die Bekanntschaft von Franz Leh\u00e1r und Emmerich K\u00e1lm\u00e1n machen &#8211; was auch in seine Musik einging!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beide dieser unorthodoxen Einfl\u00fcsse der &#8211; im damaligen Denken &#8211; &#8222;leichten Muse&#8220; schlagen sich in der Erstfassung der Jazz Symphony von 1925 nieder. Das Paul Whiteman (Dirigent der Urauff\u00fchrung von Gershwins Rhapsody in Blue) gewidmete und im \u00dcbrigen ausdr\u00fccklich nicht in die Nummerierung der gro\u00dfen Symphonien aufgenommene eins\u00e4tzige Orchesterwerk kombiniert futuristische Techniken wie Clusters mit m\u00f6glichst originalgetreu nachzustellenden Jazzeffekten \u2013 \u00fcber dem Trompetensolo steht gar geschrieben: &#8222;Use all the tricks of the trade&#8220;, und im Vorwort zur Zweitfassung von 1955 hob der Komponist hervor, dass die Urauff\u00fchrung von einem &#8222;all-negro orchestra assembled by Handy&#8220; (William C. Handy, 1873-1958, Komponist, Trompeter und Bandleader, der oft als &#8222;Vater des Blues&#8220; bezeichnet wurde) gespielt wurde. Die Orchestration weist ebenfalls &#8222;native american&#8220;-Z\u00fcge auf, zwei Banjos und eine Steamboat Whistle werden zum Einsatz gebracht. Zugleich ist die Symphonie ein Rundumschlag gegen andere dem Jazz nahestehende Werke wie Milhauds La <em>cr\u00e9ation du monde<\/em>, Gershwins <em>Rhapsody in Blue<\/em> oder Joplins <em>Entertainer<\/em>, die alle aufgegriffen &#8211; wenngleich nie w\u00f6rtlich zitiert &#8211; und pfiffig persifliert werden. Als Finale erklingt ein Walzer, der beinahe von Leh\u00e1r herr\u00fchren k\u00f6nnte, endete er und damit das ganze Werk nicht in einem \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Dreiklang, was den H\u00f6rer etwas verdutzt zur\u00fcckl\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Angedeutete Zitate, die offensichtlich scheinen und doch nicht w\u00f6rtlich erklingen, finden sich ebenfalls im Klavierkonzert von 1922, das anmutet, als w\u00fcrde es unter dem Einfluss Strawinskys stehen. Tats\u00e4chlich machte Antheil kurz zuvor Bekanntschaft mit dem Russen, und so erkl\u00e4ren sich Anlehnungen an <em>Le sacre du printemps<\/em> und noch mehr an <em>Petruschka<\/em>, was ja urspr\u00fcnglich ein Klavierkonzert h\u00e4tte werden sollen und den Orchesterpianisten vor horrende solistische Anforderungen stellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Russische Idole sind auch in der Suite aus dem Ballett Capital of the World erkennbar, die Klangwelt von Prokofieff ist nicht fern, und der letzte Satz, Knife Dance and Farruca, erinnert nicht nur durch den Titel an Chatschaturjans S\u00e4beltanz. Noch mehr als bei den vorherigen Werken sticht der Kontrast zwischen Bad Boy und Komponist leichter Musik ins Auge, Antheil komponierte tats\u00e4chlich neben dem Ballett auch ca. drei\u00dfig Filmmusiken. Etwas Exotisches schwingt in dieser Musik \u2013 gerade auch im abschlie\u00dfenden Archipelago &#8222;Rhumba&#8220; \u2013 mit: farbenfroh, beschwingt, parlierend. Antheil war eben nicht nur der Schock-Pianist und Komponist einer Hand voll wilder Ausnahmewerke, sondern auch begabter Sch\u00f6pfer unbeschwerter, exotischer und farbenpr\u00e4chtiger Musik f\u00fcr leichteren H\u00f6rgenuss.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sichtlich Spa\u00df haben die Musiker der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter Karl-Heinz Steffens. Das Orchester tr\u00e4gt nicht zu dick auf in all den \u00fcppigen Passagen, bleibt transparent und lumin\u00f6s, und l\u00e4sst sich dabei nicht die dankbaren Effekte entgehen, die Antheil in seinen Partituren offeriert. Zumal die Tiefen sind pr\u00e4sent und schmettern bei Bedarf volumin\u00f6s hervor. Unerwartete Umschw\u00fcnge kommen so unvermittelt zum Zug, dass der H\u00f6rer geradezu ins Stocken ger\u00e4t, und allgemein erh\u00e4lt die Musik ihre unverbrauchte Frische.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Feinf\u00fchlig im Anschlag und subtil in der Klangwahrnehmung ist der junge Pianist Frank Dupree als Solist in A Jazz Symphony (gut abgestimmt mit den anderen zwei Pianisten Adrian Brendel und Uram Kim) sowie im Klavierkonzert. Er kennt seine Funktion im Orchester und kann sich auch bei Bedarf zur\u00fcckhalten, selbst zur Begleitung werden oder gleichberechtigt in ein Wechselspiel einstimmen. Fl\u00e4chig Komponiertes l\u00e4dt er nicht expressiv auf, was der Musik allerdings auch entgegenkommt, und gestaltet daf\u00fcr umso individueller in den sanfteren Passagen. Er realisiert den klaren Kontrast zwischen den harten non-legato-Stellen und den unentschieden z\u00e4rtlichen Ruhepunkten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den rundum informativen und auf mir bislang nicht bewusste Aspekte hinweisenden Booklettext verfasste der Wiener Musikforscher Christian Heindl.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, August 2017]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Capriccio, C5309; EAN: 8 45221 05309 7 Musik von George Antheil ist auf vorliegender CD mit der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter Karl-Heinz Steffens zu h\u00f6ren. Neben der Erstfassung von A Jazz Symphony (1925) und dem Ersten Klavierkonzert, jeweils mit dem Solisten Frank Dupree, erklingt die Orchestersuite zu Capital of The World und Archipelago &#8222;Rhumba&#8220;. 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