{"id":1890,"date":"2017-09-14T18:24:23","date_gmt":"2017-09-14T16:24:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1890"},"modified":"2017-09-14T18:24:23","modified_gmt":"2017-09-14T16:24:23","slug":"leicht-bis-unerfassbar","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/09\/14\/leicht-bis-unerfassbar\/","title":{"rendered":"Leicht bis unerfassbar"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Dacapo 6.220656; EAN: 7 47313 16566 7<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/0112.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1891\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone  wp-image-1891\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/0112-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"355\" height=\"308\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/0112-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/0112-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/0112.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 355px) 100vw, 355px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Zwei diametral entgegengesetzte Orgelkompositionen des D\u00e4nen Per N\u00f8rg\u00e5rd sind auf der neuesten CD von Jens E. Christensen f\u00fcr Dacapo zu h\u00f6ren. Zun\u00e4chst spielt er Orgelbogen (Das Orgelbuch), eine Sammlung von 17 kurzen Pr\u00e4ludien und Choralfantasien aus den Jahren 1955 bis 2014, und daraufhin den hochkomplexen Canon von 1970\/71, eines der gewichtigsten Orgelwerke N\u00f8rg\u00e5rds.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sich selbst immer wieder neu zu erfinden, von jeder exklusiven Kompositionsschule abzusetzen und neue Klangwelten zu erschaffen, die abseits der Mainstream-Avantgarde verlaufen: das ist die Vorstellung hinter der Musik von Per N\u00f8rg\u00e5rd. Mit diesem Idealismus gewann der 1932 geborene D\u00e4ne letztes Jahr den renommierten Ernst von Siemens Musikpreis als einer der ersten Komponisten, die nicht dem Darmstadt-Kreis angeh\u00f6rten, und als erster Preistr\u00e4ger \u00fcberhaupt aus den nordischen L\u00e4ndern (was ein Skandal ist!). Seine (bislang) acht Symphonien ergeben ein heterogenes Bild der st\u00e4ndigen Erneuerung; wie beispielsweise auch bei Sibelius grenzt jede Symphonie eine Schaffensphase ab, bringt wieder und wieder Unerh\u00f6rtes zu Tage. Aber auch abseits der gro\u00dfen Form wei\u00df Per N\u00f8rg\u00e5rd, nicht auf Erwartungen einzugehen, sondern seinem eigenen Weg zu folgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwei Orgelwerke offeriert die vorliegende Aufnahme von Jens E. Christensen, wie sie dem hier \u00fcber die Symphonien Geschriebenen nicht besser entsprechen k\u00f6nnten. 2015 fasste N\u00f8rg\u00e5rd 17 kurze St\u00fccke zu <em>Orgelbogen<\/em> (Das Orgelbuch) zusammen, wovon die Nummern 2-6 auch sein Opus 12 darstellen, w\u00e4hrend die anderen lose St\u00fccke sind (7-12 f\u00fcgt N\u00f8rg\u00e5rd als &#8222;Pr\u00e4ludien und Choralpr\u00e4ludien f\u00fcr den Hymnus <em>\u00c5ret<\/em>&#8220; [Das Jahr] zusammen, wobei sich die Entstehungszeit von 1976-1987 erstreckt, das Titelst\u00fcck wurde 2014 \u00fcberarbeitet). Gr\u00f6\u00dftenteils handelt es sich um schlichte und unkomplizierte S\u00e4tze, die auch als a-cappella-Chors\u00e4tze denkbar w\u00e4ren. Selbst in dieser Simplizit\u00e4t gelingt es dem Komponisten, eine eigene Note beizugeben und das Ganze in verzaubernder Frische erbl\u00fchen zu lassen. Keinerlei Eint\u00f6nigkeit stellt sich ein, nicht eine &#8222;standardisierte&#8220; musikalische Wendung enttarnt sich in diesen f\u00fcr den Gottesdienst gedachten Einzelst\u00fccken. Abgesehen von der launischen <em>Toccata &#8211; &#8222;Libra&#8220;<\/em> herrscht rhythmisch wenig vernehmbare Aktivit\u00e4t, harmonisch allerdings wagt N\u00f8rg\u00e5rd auch in diesen Miniaturen so einiges.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beinahe wie ein Gegenst\u00fcck dazu erscheint der <em>Canon<\/em> f\u00fcr Orgel (1970\/71), dessen sieben Teile attacca ineinander \u00fcbergehen. Die Stimmenvielfalt des Instruments wird hier ebenso ausgelotet wie die Kontraste der Register und Klangtexturen. N\u00f8rg\u00e5rd arbeitet mit geradezu orchestralen Vorstellungen, die er auf einen einzigen Solisten projiziert. Der Booklettext zeigt ein Notenbeispiel aus dem sechsten Teil in der F\u00fclle seiner metrischen Schichtungen und f\u00fcr das Geh\u00f6r kaum erfassbaren Dichte zusammengesetzter Rhythmen. <em>Canon<\/em> geht \u00fcber das hinaus, was der Mensch wahrnehmen und verarbeiten kann, und doch &#8211; was die grenzenlose Magie ausmacht &#8211; bleibt das Werk verfolg- und beziehbar. Auch wenn es aufgrund seiner Komplexit\u00e4t rein physikalisch nicht zu entschl\u00fcsseln ist, glaubt man zu erkennen: Dies l\u00f6st einen Schwebezustand zwischen Schein und innerlich ersp\u00fcrter Wahrheit aus, welcher das rein Klangliche transzendiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine intensive Zusammenarbeit schwei\u00dft Jens E. Christensen und Per N\u00f8rg\u00e5rd zusammen &#8211; eine Vertrautheit, die h\u00f6rbar ist. Christensen ist bestens mit der Orgel und ihren Registern vertraut, wei\u00df, diese bewusst und sinnvoll einzusetzen, um ein bestm\u00f6gliches Resultat zu erzielen. Die Stimmen flie\u00dfen, jede f\u00fcr sich deutlich und belebt, in angemessenem Klangkontrast und luzide im Zusammenwirken. Die Tempi sind wohl reflektiert und gestatten Einsicht auch in die feinsten rhythmischen und melodischen Schattierungen, ohne den Spannungsbogen zu verlieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, September 2017]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dacapo 6.220656; EAN: 7 47313 16566 7 Zwei diametral entgegengesetzte Orgelkompositionen des D\u00e4nen Per N\u00f8rg\u00e5rd sind auf der neuesten CD von Jens E. Christensen f\u00fcr Dacapo zu h\u00f6ren. 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