{"id":1914,"date":"2017-10-05T20:42:55","date_gmt":"2017-10-05T18:42:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1914"},"modified":"2017-10-08T17:31:01","modified_gmt":"2017-10-08T15:31:01","slug":"das-monster-in-karlsruhe","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/10\/05\/das-monster-in-karlsruhe\/","title":{"rendered":"&#8222;Das Monster&#8220; in Karlsruhe"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><u><\/u><em>Zum nunmehr achten Mal wagt sich Jonathan Powell \u00f6ffentlich an eines der gewaltigsten Werke der Klavierliteratur, das Opus Clavicembalisticum des parsist\u00e4mmigen britischen Komponisten Kaikhosru Shapurji Sorabji. Am 1. Oktober 2017 spielt er das gesamte etwa viereinhalbst\u00fcndige Mammutwerk im Musentempel Karlsruhe.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Werk wirft Fragen auf, gibt keine Antwort: bezugsreiche Komplexit\u00e4t oder willk\u00fcrliches Tonsetzen, funktionierende Formverl\u00e4ufe oder \u00fcberstrapaziertes Material, Genie oder Wahnsinn? Das Opus Clavicembalisticum ist ein Werk der Polyvalenz, unm\u00f6glich zu erfassen und doch unfassbar anregend. Es vermittelt dem H\u00f6rer den Schein, einen guten Teil davon zu verstehen, und geht doch weit \u00fcber alle Grenzen menschlichen Fassungsverm\u00f6gens hinaus. So entsteht ein Sog, ein Verlangen, mehr verstehen zu wollen, als es gerade geschieht, selbst wenn dies unsere Kapazit\u00e4t \u00fcbersteigt &#8211; ein klangliches Transzendenzerlebnis ist die Folge.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn selbst der H\u00f6rer so \u00fcberw\u00e4ltigt ist von all den zeitgleich auftretenden Ph\u00e4nomenen, so muss zwangsl\u00e4ufig der ausf\u00fchrende Musiker noch involvierter sein in diese Welt der Extreme. 252 Partiturseiten durchmisst das Opus Clavicembalisticum, jede einzelne gespickt mit enormen Anforderungen f\u00fcr Finger und Geist. Zw\u00f6lf S\u00e4tze in drei Abschnitten umschlie\u00dft das Opus, f\u00fcnf sind von der Dauer recht \u00fcberschaubar, zwei sind gro\u00df dimensionierte Interludien (Primum: Thema cum XLIV variationibus; Alterum: Toccata, Adagio, Passacaglia cum LXXXI variationibus) mit L\u00e4ngen von circa 45 beziehungsweise 60 Minuten, und vier sind aufeinander aufbauende Fugen, wobei die letzte eine direkt anschlie\u00dfende Coda-Stretta aufweist, welche den finalen &#8222;Satz&#8220; darstellt. Die erste Fuge f\u00fchrt ein Thema durch, die zweite entsprechend zwei und so weiter. Gerade diese Fugen sind es, die den Kern des Opus Clavicembalisticum und den Gipfel seiner Komplexit\u00e4t bilden. Jede einzelne Stimme agiert f\u00fcr sich und sollte eben auch als solche zu erkennen sein, wobei der melodische Fluss oft \u00e4u\u00dferst kompetitiv ist und jede Stimme f\u00fcr sich bereits virtuose H\u00f6chstleistungen beansprucht. Und dies alles eingedenk dessen, dass alleine die letzte Fuge circa 50 Minuten dauert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur ein Jahr nach Daan Vandewalles Auff\u00fchrung des Werkes in Berlin [<a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/08\/03\/gebaendigter-titanismus-kaikhosru-sorabjis-opus-clavicembalisticum-in-berlin\/\">siehe hier die Rezension dazu<\/a>] ist das Opus Clavicembalisticum nun ein weiteres Mal in Deutschland zu h\u00f6ren gewesen, am 1. Oktober 2017 in Karlsruhe durch Jonathan Powell. Der Pianist setzte nicht nur auf mechanische Durchdringung des Giganten, sondern vor allem auf melodi\u00f6se und kontrapunktische Gestaltung. Powell erf\u00fcllt das Werk durch und durch mit Musikalit\u00e4t, wobei er weniger der Reiz des klingenden Moments als vielmehr das Entstehen von gr\u00f6\u00dferen Zusammenh\u00e4ngen im Vordergrund steht. Besonders luzide erklingen gerade die Fugen, deren Themeneins\u00e4tze deutlich und deren Gegenstimmigkeit eindeutig wird. Beeindruckend ist die Kontinuit\u00e4t der musikalischen Intensit\u00e4t, die Powell gelingt: Nur sehr selten hat der H\u00f6rer den Eindruck von \u00fcberm\u00e4\u00dfiger L\u00e4nge, und die viereinhalb Stunden vergehen wie im Flug.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, Oktober 2017]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum nunmehr achten Mal wagt sich Jonathan Powell \u00f6ffentlich an eines der gewaltigsten Werke der Klavierliteratur, das Opus Clavicembalisticum des parsist\u00e4mmigen britischen Komponisten Kaikhosru Shapurji Sorabji. Am 1. Oktober 2017 spielt er das gesamte etwa viereinhalbst\u00fcndige Mammutwerk im Musentempel Karlsruhe. 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