{"id":1924,"date":"2017-10-08T17:30:28","date_gmt":"2017-10-08T15:30:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1924"},"modified":"2017-10-08T22:19:01","modified_gmt":"2017-10-08T20:19:01","slug":"joerg-widmann-als-multitalent","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/10\/08\/joerg-widmann-als-multitalent\/","title":{"rendered":"J\u00f6rg Widmann als Multitalent?"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Martin0013.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1925\"><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-1925 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Martin0013-300x200.jpg\" alt=\"Martin0013\" width=\"389\" height=\"259\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Martin0013-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Martin0013-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Martin0013-1024x682.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Martin0013.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 389px) 100vw, 389px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Gleich in dreifacher Funktion kam beim Orchesterkonzert des musica viva Wochenendes am 29.9.2017 der M\u00fcnchner J\u00f6rg Widmann zum Einsatz: als Klarinettist, Komponist und Dirigent. Die urspr\u00fcnglich als Hommage zum 90. Geburtstag Wilhelm Killmayers geplante Auff\u00fchrung von dessen 3. Symphonie geriet nach seinem Tod f\u00fcnf Wochen zuvor zur Gedenkveranstaltung.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nur einen Tag vor seinem 90. Geburtstag verstarb am 20.8.2017 der M\u00fcnchner Komponist Wilhelm Killmayer. Seine Musik ist das Zeugnis eines Individualisten, der schon fr\u00fch s\u00e4mtlichen dogmatischen Str\u00f6mungen der Nachkriegsmusik, insbesondere dem Serialismus der Darmst\u00e4dter Schule, den R\u00fccken gekehrt hatte \u2013 lange bevor die Vokabel <em>Postmoderne<\/em> die Runde machte. Trotzdem ist Killmayer alles andere als ein verkappter Sp\u00e4tromantiker gewesen. Seine eins\u00e4tzige 3. Symphonie <em>\u201eMenschen-Los\u201c<\/em> entstand bereits 1972\/73, die Revision von 1988 erklang damals erstmalig bei der <em>musica viva<\/em>. Trotz der relativen K\u00fcrze wartet das St\u00fcck mit geradezu Mahlerischer Orchestrierung auf. Widmanns Zeichengebung \u2013 ohne Taktstock \u2013 ist an sich nicht unklar; dennoch gibt es einige Wackler, etwa in den Trompeten, und ohne das gro\u00dfartige Engagement des bei <em>musica viva<\/em> immer noch unverzichtbaren Konzertmeisters <em>Florian Sonnleitner<\/em> w\u00e4re der Streicherklang sicher inhomogener gewesen. Vielmehr begreift Widmann die zum Teil recht unerwarteten Wendungen, die Killmayers Symphonie nimmt, \u2013 gerade bei weitgehend vorherrschender Tonalit\u00e4t m\u00f6gen diese selbst 1988 noch provozierend gewirkt haben \u2013 lediglich wie einen Gang durchs Panoptikum. Der gezielte, geradezu Schumannesque Humor bleibt leider unvermittelt, auch weil das Dirigat zu pauschal ist, der Klang zu dick und undifferenziert. Da w\u00e4re durchaus noch Luft nach oben gewesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Punkten kann J\u00f6rg Widmann dann als Solist auf seinem ureigenen Instrument, der Klarinette. In Gerhard E. Winklers (*1959) <em>Black Mirrors III<\/em> entsteht ein wunderbar erfrischender, interaktiver Dialog zwischen dem Solisten und der auch vom anwesenden Komponisten gesteuerten Live-Elektronik. Das ist nicht nur instrumental brillant, sondern \u00fcberzeugt durch \u00e4u\u00dferst intelligent \u201egesteuerte\u201c Unvorhersehbarkeit; die geforderte spontane Reaktionsf\u00e4higkeit korrespondiert erfreulich mit dem auf sechs Pulten verteilten, genauen Notentext. So entsteht bei jeder Auff\u00fchrung ein einmaliges St\u00fcck. Aber was hat das in einem Symphoniekonzert zu suchen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nach der Pause dann \u2013 leider \u2013 das schw\u00e4chste St\u00fcck des Abends: Widmanns eigene Orchesterkomposition <em>Drittes Labyrinth <\/em>von 2014. Widmann thematisiert mit seinen drei <em>Labyrinth<\/em>-St\u00fccken die Entscheidungsprozesse beim Komponieren, zahlreiche, oft minimale Perspektivwechsel \u2013 auch zeitliche \u2013 inbegriffen. Insofern ist sein Vergleich mit dem Film <em>Lola rennt <\/em>schon zutreffend. Das Problem hier ist allerdings, dass trotz gro\u00dfer Besetzung und hochdifferenzierter Vortragsangaben, die aber alle das Ger\u00e4uschhafte \u00fcber Geb\u00fchr betonen, vor allem das <em>klangliche <\/em>Ergebnis unbefriedigend bleibt. Man erkennt durchaus Stationen, die Bezugspunkte im Labyrinth bilden, Wiedererkennbarkeit liefern. Das St\u00fcck muss jedoch mit seiner \u00dcberl\u00e4nge von bald 60 Minuten, die angesichts der mageren musikalischen Substanz v\u00f6llig unangemessen erscheint, sehr schnell erm\u00fcden. Daran \u00e4ndern auch die sp\u00e4rlichen und recht banalen Einw\u00fcrfe der durch den ganzen Herkulessaal inklusive Rang irrenden Sopranistin (Sarah Wegener) nichts. Die \u00fcbrigens v\u00f6llig lineare Partitur hat Widmann mit dem Orchester offensichtlich gut erarbeitet \u2013 sein Dirigat wirkt aber angestrengt und vermag auch hier nicht, das Publikum in seinen Bann zu ziehen. Man hat von Widmann schon bessere Musik geh\u00f6rt. So mischen sich unter den nur lauen Applaus auch einige Buhs.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>[Martin Blaumeiser, Oktober 2017]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gleich in dreifacher Funktion kam beim Orchesterkonzert des musica viva Wochenendes am 29.9.2017 der M\u00fcnchner J\u00f6rg Widmann zum Einsatz: als Klarinettist, Komponist und Dirigent. Die urspr\u00fcnglich als Hommage zum 90. Geburtstag Wilhelm Killmayers geplante Auff\u00fchrung von dessen 3. Symphonie geriet nach seinem Tod f\u00fcnf Wochen zuvor zur Gedenkveranstaltung. Nur einen Tag vor seinem 90. 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