{"id":1929,"date":"2017-10-10T09:55:28","date_gmt":"2017-10-10T07:55:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1929"},"modified":"2017-10-11T09:55:36","modified_gmt":"2017-10-11T07:55:36","slug":"endlich-endlich","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/10\/10\/endlich-endlich\/","title":{"rendered":"Endlich! Endlich!"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">Anton Batagov: BACH<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Melodiya, 10 02500; EAN: 4 600317\u00a0 125005<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>\u00a0<a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Ulrich0068.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1930\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-1930\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Ulrich0068-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"333\" height=\"289\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Ulrich0068-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Ulrich0068-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Ulrich0068.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 333px) 100vw, 333px\" \/><\/a><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Johann Sebastian Bachs Partita Nr 4 in D-Dur BWV 828, dazu \u201eJesus bleibet meine Freude\u201c aus der Kantate BWV 147 \u201aHerz und Mund und Hand und Leben\u2019 und auf der zweiten CD die Partita Nr. 6 in E-Moll BWV 830 \u2013 das soll alles sein auf dieser Doppel-CD?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ja, doch, das ist alles, und wie! Wo andere Pianisten die gesamten 6 Partiten auf zwei Silberscheiben bannen, begn\u00fcgt sich der russische Musiker Anton Batagov (Jahrgang 1965) mit diesen beiden, zuz\u00fcglich noch einer traumhaften Version eines sanften \u201eSchlachtrosses\u201c, des Choralvorspiels \u201eJesus bleibet meine Freude\u201c, von dem es doch nun wirklich schon einige wunderbare Aufnahmen gibt, seien es die historischen von Dinu Lipatti, Mary Hess und Wilhelm Kempff oder die von Juan Jos\u00e9 Chuquisengo auf seiner fabelhaften \u201eTranscendent Journey\u201c von 2003. Aber hier ist alles anders.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">13 Minuten und 6 Sekunden braucht Batagov f\u00fcr seine Version, das ist ungef\u00e4hr vier mal so lang wie \u00fcblich. Nun gut, \u00fcblich ist bei diesem Album sowieso nichts. Auch bei den \u00fcbrigen St\u00fccken\u00a0 n i m m t\u00a0 sich der Pianist und Komponist Anton Batagov diese Zeit, um damit einen v\u00f6llig neuen Zugang zur Bach\u2019schen Musik zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Endlich, endlich! m\u00f6chte ich ausrufen, endlich kommt die Dame MUSICA wieder zu ihrem Recht. Schon als Kind erschien mir fast alles, was ich an Musik zu h\u00f6ren bekam, viel zu schnell und viel zu oberfl\u00e4chlich, gut und schnell technisch ausgef\u00fchrt, aber sehr oft ohne den eigentlichen Grund dieser Kunst zu erreichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Was dann mit Musikern wie Sergiu Celibidache und anderen sich \u00e4nderte. Da wurde auf einmal wieder Musik h\u00f6r- und erlebbar, nicht nur Tempo und Technik. Wie Victor Wooten in seinem wunderbar erhellenden Buch \u201eA Music Lesson\u201c schreibt, beklagt sich Frau Musica n\u00e4mlich schon seit langem \u00fcber seelenloses und inhaltsleeres Musizieren. Aber das k\u00f6nnte sich \u2013 auch durch Batagovs neuen Ansatz &#8211; in der n\u00e4chsten Zeit \u00e4ndern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Jedenfalls erf\u00e4hrt man die Bach-Partiten in einem v\u00f6llig neuen Licht, entdeckt Zusammenh\u00e4nge und Verbindungen, sowohl melodischer als auch harmonischer Art, die so bisher nicht zutage traten. Dass er auch anders kann, zeigen oftmals die Wiederholungen der einzelnen Teile, in denen Batagov nebenbei vernehmen l\u00e4sst, was f\u00fcr ein \u00fcberragender Pianist er ist, auch dann, wenn es um Technik und Tempo geht, aber eben erst bei der \u201eWieder-Holung\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ein Musiker, dessen Bandbreite von William Byrd und Henry Purcell bis zu Olivier Messiaen und Philip Glass reicht, der sogar aus den St\u00fccken der \u201eMinimal Music\u201c Musik entstehen lassen kann, der zudem selbst ein hervorragender Komponist ist: wenn dieser Mann sich und seinen H\u00f6rern einen v\u00f6llig neuen Zugang zur Musik des Altmeisters J. S. Bach erschlie\u00dft, dann darf man gespannt sein, welche Wirkungen davon ausgehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Mein Klavierspiel jedenfalls hat sich nach dem Anh\u00f6ren dieser CD schon gewaltig ge\u00e4ndert, ebenso gewaltig, wie nach der Lekt\u00fcre des Buches von Heinrich Jacoby \u201eJenseits von Begabt und Unbegabt\u201c \u00a0(4. \u00dcberarbeitete Auflage 1991<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">ISBN 3 &#8211; 7672-0711-7), wo ich den Satz fand:\u00a0 \u201eDer Name \u201aTasten\u2019 sagt im Grunde alles aus, was zu geschehen h\u00e4tte, wenn jemand mit dem Klavierspielen anfangen will!\u201c ( S. 329)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Schon damals begann ein v\u00f6llig neues Kapitel meines Klavierspiels. Und jetzt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u201eWenn man langsam spielt, kann man alles spielen!\u201c hei\u00dft es, aber was hei\u00dft denn bitte<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">l a n g s a m? Wer erz\u00e4hlt einem denn, was f\u00fcr einen Menschen die Wiederentdeckung der Langsamkeit bedeutet, wo sie ansetzt, was sie einschlie\u00dft, was sie bewirkt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wenn eine neue CD diese Fragen ausl\u00f6sen und intensivieren kann, wenn dadurch im Musizieren \u2013 und auch sonst im Leben \u2013 sich bedeutsame \u00c4nderungen ergeben k\u00f6nnen, dann ist das etwas, das diesem Medium eine v\u00f6llig neue Pr\u00e4senz und Zielrichtung verleiht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Besonders deutlich wird der neue (?) Ansatz von Anton Batagov im direkten Vergleich der 4. Partita zwischen der Aufnahme von Murray Perahia und der seinen. Nun ist ja Herr Perahia ein Weltklasse-Pianist, dessen Einspielungen oft Referenz-Charakter haben. In diesem Fall allerdings ist der Unterschied wirklich weltbewegend: Wo in Perahias Aufnahme jede Note in \u201eerschr\u00f6cklichem\u201c Tempo vorbeirauscht \u2013 nat\u00fcrlich klar phrasiert und strukturiert \u2013, l\u00e4sst\u00a0 Batagov die <u>inneren<\/u> Strukturen der Bach\u2019schen Musik aufleuchten, l\u00e4sst den H\u00f6rer mitatmen und mit\u201cswingen\u201c in einer v\u00f6llig anderen \u2013 ich m\u00f6chte fast sagen: nat\u00fcrlicheren \u2013 Weise. Bei der folgenden\u00a0 W i e d e r -holung spielt er den Teil zwar schneller, aber nicht weniger bezwingend. Damit bekommen die scheinbar so bekannten Strukturen eine v\u00f6llig neue und erlebnisreichere Dimension. Vorher nie geh\u00f6rte Zusammenh\u00e4nge und Zusammenkl\u00e4nge werden fassbar und bewirken ein v\u00f6llig neues H\u00f6r- und Daseins-Gef\u00fchl.<\/p>\n<p><strong>[Ulrich Hermann, September 2017]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anton Batagov: BACH Melodiya, 10 02500; EAN: 4 600317\u00a0 125005 \u00a0 Johann Sebastian Bachs Partita Nr 4 in D-Dur BWV 828, dazu \u201eJesus bleibet meine Freude\u201c aus der Kantate BWV 147 \u201aHerz und Mund und Hand und Leben\u2019 und auf der zweiten CD die Partita Nr. 6 in E-Moll BWV 830 \u2013 das soll alles &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/10\/10\/endlich-endlich\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Endlich! 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