{"id":1937,"date":"2017-10-12T18:04:00","date_gmt":"2017-10-12T16:04:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1937"},"modified":"2017-10-11T10:14:04","modified_gmt":"2017-10-11T08:14:04","slug":"beethovens-eroica-mit-180-instrumentisten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/10\/12\/beethovens-eroica-mit-180-instrumentisten\/","title":{"rendered":"Beethovens \u201aEroica\u2019 \u201emit 180 Instrumentisten\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Symphonierezeption in deutschsprachigen Periodika von 1798 bis 1850. Eine Quellensammlung in 3 B\u00e4nden, herausgegeben von Jin-Ah Kim und Bert Hagels<\/p>\n<p>Ries &amp; Erler, Berlin 2017; ISBN: 9783876760339<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Christoph0004.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1938\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-1938 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Christoph0004-300x282.jpg\" alt=\"Christoph0004\" width=\"300\" height=\"282\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Christoph0004-300x282.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Christoph0004-768x722.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Christoph0004-1024x962.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Christoph0004.jpg 1524w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies ist eine \u00e4u\u00dferst verdienstvolle Publikation in 3 B\u00e4nden mit fast 1.400 Seiten. Bis auf ein kurzes, sachlich erl\u00e4uterndes Vorwort enth\u00e4lt sie ausschlie\u00dflich zeitgen\u00f6ssische Quellen, die mit einem Minimum erg\u00e4nzender Kommentare versehen sind. Was in deutschen Periodika zwischen 1798 und 1850 erschienen ist und von den beiden herausgebern ausfindig gemacht werden konnte, ist hier an Kritiken symphonischer Musik enthalten \u2013 mit Ausnahme dessen, was bereits 1987 in Stefan Kuntzes \u201aLudwig van Beethoven. Die Werke im Spiegel seiner Zeit\u2019 und 2002 in \u201aHector Berlioz in Deutschland. Texte und Dokumente zur deutschen Berlioz-Rezeption\u2019 (herausgegeben von G\u00fcnter Braam und Arnold Jacobshagen) zug\u00e4nglich gemacht wurde. Trotzdem geh\u00f6ren nat\u00fcrlich auch in dieser dreib\u00e4ndigen neuen Kompilation Beethoven und Berlioz zu den meistrezensierten Komponisten (Beethoven mit 164 und Berlioz mit 45 Seiten), und es d\u00fcrfte die Kenner \u00fcberwiegend nicht \u00fcberraschen, wer sonst hier viel Platz einnimmt: F\u00e9licien C\u00e9sar David (vor allem dank seiner symphonischen Ode \u201aLe D\u00e9sert\u2019), Niel Wilhelm Gade, Joseph Haydn, Johann Wenzel Kalliwoda, Franz Lachner, Felix Mendelssohn Bartholdy, Wolfgang Amadeus Mozart, Ferdinand Ries, Franz Schubert, Robert Schumann und Louis Spohr (Letzterer auf 107 Seiten!) \u2013 wobei zu vermuten ist, dass Spohr, Kalliwoda und Ries auch aufgrund der editorischen Arbeit von Herausgeber Hagels besonders ins Blickfeld genommen wurden. Zwei heute als Symphoniker kaum bekannte Namen sind frappierend umfangreich dokumentiert: der als Organist ber\u00fchmte Breslauer Meister Adolf Friedrich Hesse (1809-63, Sch\u00fcler Spohrs und Lehrer Widors, Guilmants und Lemmens\u2019, auf 21 Seiten) und der B\u00f6hme Johann Friedrich Kittl (1806-68, Sch\u00fcler Tomascheks, auf 24 Seiten). Doch kann man Kittels Zweite, seine Jagd-Symphonie, auf Youtube nachh\u00f6ren, und sie beweist sein K\u00f6nnen und hat Elan und Eleganz. Hesses Symphonien im gelehrten fugierten Stil hingegen, deren scholastische Ausrichtung immer wieder beanstandet wurde, wie auch die offenkundige Anlehnung an seinen Lehrer Spohr (vergleiche hierzu die beiden Kritiken Robert Schumanns, der durchaus zunehmende Eigenst\u00e4ndigkeit erkennt), sind f\u00fcr uns ein R\u00e4tsel, bei dessen L\u00f6sung das Studium seiner Orgelmusik nur bedingt helfen d\u00fcrfte. Wenn wir nur w\u00fcssten, was wirklich der genaueren Erforschung wert ist! Hierunter d\u00fcrfte auf jeden Fall der genialische Schubert-Freund und Salieri-Sch\u00fcler Anselm H\u00fcttenbrenner zu s\u00e4hlen sein, dessen ungedruckt gebliebene E-Dur-Symphonie 1819 in einer Grazer Besprechung gew\u00fcrdigt wird. Die wissenschaftliche und editorische Erschlie\u00dfung seiner Orchesterwerke steht noch aus, und ich habe keinen Zweifel, dass dies ein lohnendes Kapitel ist, das uns auch zeigen wird, in welcher Umgebung wir Schuberts Schaffen betrachten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Gro\u00dfen und Ganzen ist, nun wirklich nicht \u00fcberraschend, festzustellen, dass der Beruf des Musikkritikers damals mit mehr Ernst und Bildung betrieben wurde, und zugleich herrschte auch schon vor 1850 ein erhebliches Gef\u00e4lle, was uns immer wieder besonders froh sein l\u00e4sst, wenn sich eine echte Autorit\u00e4t wie Robert Schumann zu Wort meldet. Auch f\u00e4llt auf, dass man gr\u00f6\u00dferes Interesse hatte, die Kritiken der Kollegen zur Kenntnis zu nehmen, was sich andererseits bei weniger selbst\u00e4ndigen Kommentatoren in der \u00dcbernahme von Vorurteilen niederschlug \u2013 aber auch das kennen wir von heute, wenngleich die meisten Kritiker unserer Zeit gar nicht mehr wissen, von wem sie welche Ansichten \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die vorliegende Anthologie ist besonders hilfreich sowohl f\u00fcr all jene, die mehr \u00fcber die Rezeptionsgeschichte bestimmter Komponisten und Orchesterwerke wissen wollen, als auch f\u00fcr die Neugierigen, die sich Inspiration f\u00fcr die Entdeckung heute v\u00f6llig unbekannter Meister und Symphonien holen wollen. Nat\u00fcrlich spielte bei der kritischen Betrachtung die scholastische Ausbildung eine dominierende Rolle, und vieles, was wir heute als genial oder eigent\u00fcmlich wahrnehmen, erschien den damaligen Beurteilern als verworren und befremdlich, wie auch vieles, was einst als hochbedeutend empfunden wurde, heute Leere und Pr\u00e4tention offenbart. Die seri\u00f6sen Kritiker haben stets die nat\u00fcrliche und einzig ernstzunehmende und faire Reihenfolge von 1) Beobachten, 2) Beschreiben und 3) (gegebenenfalls) Beurteilen einzuhalten gewusst, und doch ist diese aufrichtige und verantwortungsbewusste Haltung, in der sich Selbstbewusstheit mit Bescheidenheit vereint, zu keiner Zeit allgemein verbreitet gewesen \u2013 denn dann kann der Kritiker nicht mehr eine Kompetenz vorgaukeln, die nicht in der Bem\u00fchung um Objektivit\u00e4t und dem Respektieren der eigenen Grenzen des Urteilsverm\u00f6gens verankert ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich gew\u00e4hrt diese Sammlung auch viele Einsichten in h\u00f6chst Kurioses, und wir erfahren beispielsweise, dass der Hamburger Opernkapellmeister Carl August Krebs 1841 Beethovens \u201aEroica\u2019 \u201emit 180 Instrumentisten in zwei Gesammtproben\u2019 einstudierte und auff\u00fchrte. Auch das ist \u201ehistorische Auff\u00fchrungspraxis\u201c, wenngleich im 24. Jahr nach dem Tod des Komponisten!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es liegt hier mit \u00dcberraschungen gespicktes, in seinem Umfang respektgebietendes Kompendium vor, das selbstverst\u00e4ndlich weiter komplettiert werden kann, uns jedoch erstaunliche Einsichten in die Musikkultur der Zeit gew\u00e4hrt. Und wir m\u00f6chten w\u00fcnschen, dass es eine Fortsetzung gibt, die wohl die Jahre 1851-1900 umfassen k\u00f6nnte. Wer sich f\u00fcr die Auff\u00fchrung und Komposition von Orchestermusik der ersten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum und ihre Rezeption interessiert, findet hier jedenfalls einen reichhaltigen Fundus vor, der alle Erwartungen an ein solches Unternehmen \u00fcbertrifft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Christoph Schl\u00fcren, Oktober 2017]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Symphonierezeption in deutschsprachigen Periodika von 1798 bis 1850. 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