{"id":1950,"date":"2017-10-25T19:10:18","date_gmt":"2017-10-25T17:10:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1950"},"modified":"2017-10-22T19:11:28","modified_gmt":"2017-10-22T17:11:28","slug":"ueber-den-tod-hinaus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/10\/25\/ueber-den-tod-hinaus\/","title":{"rendered":"\u00dcber den Tod hinaus"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Zwei Premi\u00e8ren gibt es in am 15. Oktober 2017 in der Wallfahrtskirche G\u00f6tzens bei Innsbruck mit der Akademie St. Blasius: Instrumentalensemble und Chor der Akademie spielen die Urauff\u00fchrung von Franz Baurs &#8222;Himmlisches Jerusalem&#8220; sowie die \u00f6sterreichische Erstauff\u00fchrung von Alfred Schnittkes Requiem. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach den CD-Aufnahmen der beiden Oratorien Franz Baurs \u2013 \u201aGenesis\u2019 und \u201aAmartema\u2019 \u2013 mit dem Symphonieorchester St. Blasius unter Karlheinz Siessl gibt es nun mehr geistliche Musik des \u00f6sterreichischen Komponisten. &#8222;Himmlisches Jerusalem&#8220; weist eine kleinere Besetzung auf als die Oratorien, neben den Stimmen sind lediglich E-Gitarre, E-Bass, Orgel und breit aufgestelltes Schlagzeug beteiligt, und misst nur etwa 20 Minuten Auff\u00fchrungsdauer. Doch diese werden musikalisch und philosophisch breit erf\u00fcllt. Es beginnt alleine damit, dass Baur den Schlussakkord an den Anfang setzt, was er durch gesprochene Worte Paul Sartres begr\u00fcndet, und das restliche Werk auf diesem Endpunkt aufbaut: Der Tod &#8211; &#8222;Schlussakkord&#8220; &#8211; ist nicht das Ende des Seins, die Existenz wirkt weiter fort. &#8222;Himmlisches Jerusalem&#8220; ist fl\u00e4chig gestaltet mit Schwerpunkt auf die menschliche Stimme. Trotz der kleinen Besetzung entsteht eine volumin\u00f6se Atmosph\u00e4re, was vor allem aus dem nuancierten Wechselspiel zwischen Chor und Schlagwerk resultiert. Die Solisten werden geschickt in den Chorapparat eingebunden, besonders die lupenreine Stimme des Soprans und auch die als Fernstimme von der Kanzel aus verwendete Tenorstimme begeistern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweiundvierzig Jahre nach der Entstehung des Requiems von Alfred Schnittke findet es seinen Weg auch nach \u00d6sterreich und l\u00e4sst mich nun doch fragen: Warum eigentlich nicht fr\u00fcher? Die vierzehn kurzen S\u00e4tze bestechen allesamt mit enormem musikalischen Gehalt, verinnerlichter Aussagekraft und subtilem Humor, sind gezeichnet von Inspiration und Unmittelbarkeit der Wirkung. Und keinen l\u00e4sst es kalt, wenn zum Ende hin der erste Satz wiederkehrt: All das Aufbegehren umsonst, es ist zu Ende, Requiem aeternam. Das Requiem, als Schauspielmusik zu Schillers &#8222;Don Carlos&#8220; geschrieben (nicht zuletzt, um auf diese Weise die Zensur zu umgehen!), ist ein Flickenteppich an Stilen, von Barock \u00fcber Romantik bis his zu zeitgen\u00f6ssischen Techniken ist alles darin vorhanden. Doch Schnitte gelingt es, die Polystilistik dramaturgisch zusammenzuhalten und in seinem ureigenen Ton zu vereinheitlichen. Unvergesslich bleibt die Passage, in der ein Drumset urpl\u00f6tzlich groovende Rhythmen einwirft, die jedoch immer wieder unterbrochen werden und genauso unvermittelt abbrechen, wie sie begannen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Souver\u00e4n und feinh\u00f6rig wirken Instrumentalensemble und Chor der Akademie St. Blasius zusammen. Nicht alle Instrumentalisten haben dankbare Stimmen und gehen doch mit Verve und Freude an der Musik an die beiden Werke. Der Chor meistert die H\u00fcrden der komplexen Polyphonie und der eigenwilligen Harmonik beeindruckend. Karlheinz Siessl f\u00fchrt die Musiker mit sicherer Hand durch die zerkl\u00fcfteten Gefilde dieser anspruchsvollen Musikwerke und formt sie klanglich zur Einheit. Auff\u00e4llig heute ist sein nach oben gerichtetes Dirigieren, womit er \u00fcber weite Strecken selbst den Taktschwerpunkt an der Spitze seiner Bewegungen positioniert. Dies korrigiert nicht nur die Tendenz der zu tiefen Intonation, sondern \u00f6ffnet den Weg &#8222;nach oben&#8220;, &#8222;gen Himmel&#8220;. So ebnet er den Weg ins &#8222;Himmlische Jerusalem&#8220;, durch den Tod &#8211; Requiem &#8211; hindurch in eine transzendente Wirklichkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, Oktober 2017]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei Premi\u00e8ren gibt es in am 15. Oktober 2017 in der Wallfahrtskirche G\u00f6tzens bei Innsbruck mit der Akademie St. Blasius: Instrumentalensemble und Chor der Akademie spielen die Urauff\u00fchrung von Franz Baurs &#8222;Himmlisches Jerusalem&#8220; sowie die \u00f6sterreichische Erstauff\u00fchrung von Alfred Schnittkes Requiem. 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