{"id":1975,"date":"2017-11-07T16:08:26","date_gmt":"2017-11-07T15:08:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1975"},"modified":"2018-02-13T10:38:45","modified_gmt":"2018-02-13T09:38:45","slug":"grandiose-klaviermusik-aus-dem-gulag","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/11\/07\/grandiose-klaviermusik-aus-dem-gulag\/","title":{"rendered":"Grandiose Klaviermusik aus dem Gulag"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">H\u00e4nssler Classic, 5CDs, LC 13287; EAN: 0881488170351<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Martin0014.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1976\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1976\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Martin0014-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"260\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Martin0014-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Martin0014-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Martin0014.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Nachdem letztes Jahr bereits die 24 Pr\u00e9ludes sowie die 24 Pr\u00e4ludien &amp; Fugen gewisserma\u00dfen als Auskopplungen bei H\u00e4nssler ver\u00f6ffentlicht wurden, erscheint jetzt endlich auf 5 CDs\u00a0eine gr\u00f6\u00dfere Auswahl\u00a0aus dem (erhaltenen) Klavierwerk des russischen Komponisten Vsevolod Zaderatsky (1891-1953), der einen Gro\u00dfteil seines Lebens unter politischer Verfolgung litt und sogar zwei Jahre im Gulag verbringen musste. Die Darbietung des als Spezialist f\u00fcr j\u00fcdische Musik gesch\u00e4tzten Jascha Nemtsov kann nur als ph\u00e4nomenal bezeichnet werden.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Diese Entdeckung ist eine echte musikalische Sensation! Nachdem die Fachwelt sich jahrzehntelang um eine erfolgreiche Rehabilitierung der im Dritten Reich verfolgten bzw. ermordeten Komponisten beispielsweise aus Theresienstadt (Kr\u00e1sa, Ullmann, Haas\u2026) bem\u00fcht hat, steckt eine entsprechende Aufarbeitung der unter den Sowjets bedr\u00e4ngten russischen Komponisten noch eher am Anfang.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Dem russischen Musikwissenschaftler und Pianisten Jascha Nemtsov ist es zu verdanken, dass im vergangenen Jahrzehnt das Klavierwerk des russischen Komponisten Vsevolod Zaderatsky, der zu Lebzeiten weder gedruckt noch aufgef\u00fchrt wurde, ans Licht kam. Zaderatsky \u2013 gleichaltrig mit Prokofieff \u2013 studierte ab 1910 in Moskau erfolgreich bei Tanejew und Ippolitov-Ivanov. 1920 entging er nur knapp der Exekution durch die russische Geheimpolizei Felix Dserschinskis. Als Offizier der Wei\u00dfen Armee\u00a0und ehemaliger Musiklehrer der Zarenfamilie hatte Zaderatsky dabei ganz schlechte Karten. Bis auf vier Moskauer Jahre (1930-34) und die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, in der er jedoch weiter vom Sowjetischen Komponistenverband diskreditiert wurde, lebte er in der Verbannung, von 1937-39 sogar im Gulag. Seine Werke bis 1926 wurden komplett vernichtet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die im sibirischen Gulag 1937-38 entstandenen <em>24 Pr\u00e4ludien &amp; Fugen<\/em> sind \u2013 ganz abgesehen von ihrer unglaublichen Entstehungsgeschichte \u2013 ein musikalisches Wunderwerk. Es f\u00e4llt zeitlich nicht nur vor Hindemiths <em>Ludus tonalis<\/em>, sondern insbesondere auch weit vor Schostakowitschs entsprechenden Zyklus (op. 87, 1951). Nat\u00fcrlich ist auch f\u00fcr Zaderatsky Johann Sebastian Bach das gro\u00dfe Vorbild, aber hier begegnet uns weit mehr als eine blo\u00dfe Hommage. Die stilistische wie auch emotionale Spannweite \u00fcbertrifft Schostakowitsch deutlich: Ein einzigartiger musikalischer Kosmos wird hier aufgespannt. Die Verbindung des Materials von den Pr\u00e4ludien zu den Fugen ist \u00fcberzeugend; meist wirkt das Paar wie aus einem Guss. Generell bleibt Zaderatsky zwar der Tonalit\u00e4t verpflichtet und die St\u00fccke des Zyklus folgen in ihrer Anordnung dem Quintenzirkel. Dennoch arbeitet der Komponist sehr charakteristisch mit vielen Dissonanzen, vor allem Mini-Clustern aus einer oder mehreren kleinen Sekunden, die ein v\u00f6llig anderes Klangbild ergeben als bei Schostakowitsch \u2013 in seiner Wirkung zudem noch konzertanter. Der Zyklus wurde erst 2015 von Jascha Nemtsov uraufgef\u00fchrt, die Entdeckung auch in Russland bejubelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">N\u00e4her an Schostakowitschs gleichnamigem Zyklus (op. 34, 1933) liegen Zaderatskys <em>24 Pr\u00e9ludes<\/em> (1934), die trotz einiger experimenteller Elemente andererseits mehr auf Chopin verweisen. Von den drei Klaviersonaten sind die ersten beiden (1928) die interessanteren. Nach der Vernichtung seiner Werke, zwei Jahren Haft und einem Selbstmordversuch orientieren sie sich an den gro\u00dfen, eins\u00e4tzigen Sonaten Skrjabins, Roslavez\u2018 und Feinbergs, sind aber depressiver und zerrissener. Die vielgliedrige, gewaltige zweite Sonate muss man mehrfach h\u00f6ren, bis sich ihre Teleologie erschlie\u00dft. Dagegen wirkt die dritte, tonale Sonate von 1939 deutlich konventioneller, ohne jedoch typische Eigenheiten Zaderatskys zu verleugnen: Kompromiss an die Machthaber nach der Freilassung aus dem Gulag?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die beiden Klavierzyklen <em>Die Front <\/em>(1944) und <em>Die Heimat <\/em>(1946) weisen schon von ihren Satztiteln her auf den sozialistischen Realismus: ein Trugschluss! Nur oberfl\u00e4chlich geben sie sich konziliant. <em>Die Front <\/em>bedient sich nicht einmal als Maske propagandistischer Kriegsrhetorik, ganz im Gegensatz zu manchen musikalischen \u00c4u\u00dferungen einiger Avantgardisten (vgl. Mossolows E-Dur-Sinfonie), die sich in den Kriegsjahren aus Angst vor Stalin zu Konformit\u00e4t gezwungen sahen. Vielmehr zeigt der Zyklus ungeschminkt die Schrecken des Krieges, ganz ohne Agitation, vergleichbar vielleicht nur mit Leo Ornsteins anklagendem Klavierzyklus <em>Poems of 1917<\/em>. Ziemlich ironisch gibt sich dann auch <em>Die Heimat<\/em>. Pianistisch ist dies alles h\u00f6chst virtuos; Zaderatsky beherrscht die Klangpalette des Instruments souver\u00e4n. Ganz erstaunlich etwa <em>Die Fabrik<\/em>: Die mechanistische Lautmalerei erinnert einerseits an Mossolows <em>Eisengie\u00dferei<\/em>, greift aber bereits auf St\u00fccke wie Frederic Rzewskis <em>Winnsboro Cotton Mill Blues<\/em> vor. Die k\u00fcrzeren Zyklen aus gef\u00e4lligeren Miniaturen, meist um 1930 entstanden, erreichen zumindest das Niveau bekannterer zeitgen\u00f6ssischer Russen wie Kabalewski oder Alexander Tscherepnin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Jascha Nemtsovs Interpretationen sind nicht nur pianistisch makellos. Er erfasst sowohl die teilweise \u2013 f\u00fcr einen Tanejew-Sch\u00fcler wenig \u00fcberraschend \u2013 komplizierte Polyphonie der <em>Pr\u00e4ludien &amp; Fugen<\/em> als auch die Ironie der nur scheinbar dem sozialistischen Realismus verpflichteten Klavierzyklen und die tiefe Depression der beiden ersten Klaviersonaten. Die\u00a0Stimmf\u00fchrung bleibt immer transparent, die gew\u00e4hlten Tempi sind goldrichtig und die musikalischen Charaktere werden mit einer staunenswerten Plastizit\u00e4t getroffen. Von lyrischem Sch\u00f6nklang bis zu ausgefransten Dissonanzen wird der Klavierklang orchestral ausgelotet. Und bei den <em>24 Pr\u00e9ludes<\/em> erkennt der H\u00f6rer sofort die musikhistorischen Bez\u00fcge. Kurz: Mit dieser Darbietung, die zudem auch aufnahmetechnisch \u00fcberzeugt, darf man wunschlos gl\u00fccklich sein. Nemtsov verfasste \u00fcberdies den hochinformativen Booklettext. Den Namen Zaderatsky sollte man jetzt in einem Atemzug mit l\u00e4ngst bekannten russischen Klaviermeistern nennen d\u00fcrfen, zumal die Werke nun wohl endlich im Druck erscheinen werden. Wunderbar, dass diese CD-Box dazu als h\u00f6chst gelungener Vorreiter dienen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>[Martin Blaumeiser, Oktober 2017, korrigiert Februar 2018]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>H\u00e4nssler Classic, 5CDs, LC 13287; EAN: 0881488170351 Nachdem letztes Jahr bereits die 24 Pr\u00e9ludes sowie die 24 Pr\u00e4ludien &amp; Fugen gewisserma\u00dfen als Auskopplungen bei H\u00e4nssler ver\u00f6ffentlicht wurden, erscheint jetzt endlich auf 5 CDs\u00a0eine gr\u00f6\u00dfere Auswahl\u00a0aus dem (erhaltenen) Klavierwerk des russischen Komponisten Vsevolod Zaderatsky (1891-1953), der einen Gro\u00dfteil seines Lebens unter politischer Verfolgung litt und sogar &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/11\/07\/grandiose-klaviermusik-aus-dem-gulag\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Grandiose Klaviermusik aus dem Gulag<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[652,2251,2250],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1975"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1975"}],"version-history":[{"count":6,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1975\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2181,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1975\/revisions\/2181"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1975"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1975"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1975"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}