{"id":198,"date":"2015-10-29T22:24:11","date_gmt":"2015-10-29T21:24:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=198"},"modified":"2015-12-14T00:33:39","modified_gmt":"2015-12-13T23:33:39","slug":"bekannte-und-unbekannte-musikergroessen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/10\/29\/bekannte-und-unbekannte-musikergroessen\/","title":{"rendered":"Bekannte und Unbekannte Musikergr\u00f6\u00dfen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Auf dem Programm des gro\u00dfen Festkonzertes zum zehnj\u00e4hrigen Bestehen der Blutenburg Kammerphilharmonie M\u00fcnchen stehen Haydns finale Symphonie Nr. 104 in D-Dur mit dem Beinamen &#8222;London&#8220; sowie die erste Symphonie in C op. 62 von Egon Wellesz. Der Abend des 25. Oktobers 2015 fand in M\u00fcnchen im Festsaal an der Maria-Ward-Stra\u00dfe 5 N\u00e4he Schloss Nymphenburg statt, als Dirigent f\u00fcr das Jubil\u00e4um konnte der Leiter der Gr\u00fcndungszeit gewonnen werden, J\u00f6rg Birhance.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr das gro\u00dfe Gr\u00fcndungsjubil\u00e4um hat sich die Blutenburg Kammerphilharmonie M\u00fcnchen ein mehr als gewagtes Programm ausgesucht und dies gleich auf mehrere Ebenen. Wird dem Publikum die unbekannte Symphonie gefallen, die an diesem Abend erst zum dritten Male aufgef\u00fchrt wird? Und wird das Orchester \u00fcberhaupt diesem musikalischen Schlachtschiff gerecht, dass von einem Laienorchester fordert, woran manche ausschlie\u00dflich aus Berufsmusikern bestehende Klangk\u00f6rper lange feilen m\u00fcssten? Die Symphonie Op. 62, deren Rands\u00e4tze in c-Moll notiert sind, aber jeweils in C-Dur enden, und deren Mittelsatz in g-Moll vorgezeichnet ist, ist zweifelsohne eine gro\u00dfe Herausforderung an die Musiker und den Dirigenten: Der bei oberfl\u00e4chlicher Herangehensweise pomp\u00f6s erscheinende erste Satz mit seinem eing\u00e4ngigen Thema f\u00e4hrt ungeahnt dichte und polyphon eng gef\u00fchrte Unterstimmen auf, die zu verstehen und dann auch noch auszuf\u00fchren eine Sisyphusarbeit darstellt; der zweite Satz wartet mit durchgehenden Quintolen auf und verlangt gr\u00f6\u00dfte Virtuosit\u00e4t und Gewandtheit aller Beteiligten; das Finale schlie\u00dflich, ein scheinbarer Abgesang auf allen Trubel zuvor, in dem aber doch gro\u00dfe Kulminationen stattfinden, er\u00f6ffnet ganz neue Klangsph\u00e4ren &#8211; offenkundig an den sp\u00e4ten Mahler mag es erinnern oder auch etwas an Bruckners Neunte, jedoch ist er formal viel geschlossener und durch seine K\u00fcrze pr\u00e4gnanter als Mahler. Hier schlie\u00dflich ist einmal das volle Blech gefordert, das mit vier H\u00f6rnern, je drei Trompeten und Posaunen sowie Tuba die B\u00fchne gut ausf\u00fcllen kann. Warum dieses herausragende Erstlingswerk in Wellesz\u2019 Symphonik sowie der Komponist selber so unbekannt blieben, ist ein wahres R\u00e4tsel. Wellesz, der sowohl im Bereich der Musikwissenschaft mit Guido Adler als auch in der Komposition mit Arnold Sch\u00f6nberg ausgezeichnete Lehrer vorzuweisen hat, schuf trotz seines sp\u00e4ten Beginns innerhalb des Genres (mit knapp sechzig Jahren) neun Symphonien (wie sollte es anders sein!), konnte aber auch vorher bereits eine gro\u00dfe Anzahl an Orchesterwerken und Opern sowie eine F\u00fclle an Kammermusik hervorbringen. Der Stil des Wellesz, der auch auf dem Gebiet der byzantinischen Musik als Experte zu bezeichnen war, ist trotz der Studien bei Sch\u00f6nberg keineswegs der Dodekaphonie verpflichtet, sondern konzentriert sich auf eine h\u00f6chst interessante und dennoch \u00e4u\u00dferst ansprechende freie Tonalit\u00e4t, die durch seine au\u00dfergew\u00f6hnliche Gabe im Gebiet der Orchestration in vielfarbigem Licht erstrahlt. Zwei Jahre nach der Komposition wurde die erste Symphonie 1947 von Sergiu Celibidache und den Berliner Philharmonikern aufgef\u00fchrt, ein Jahr sp\u00e4ter folgten die Wiener Symphoniker unter Joseph Krips &#8211; danach endete die Rezeptionsgeschichte abgesehen von einer sehr schwachen CD-Einspielung, der nicht einmal eine Auff\u00fchrung und auch keine angemessene Einstudierung vorangingen &#8211; bis heute!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Blutenburg Kammerphilharmonie M\u00fcnchen spielt im Gro\u00dfen und Ganzen frappierend souver\u00e4n. Nat\u00fcrlich ist manch eine Unsauberkeit oder Asynchronit\u00e4t zu h\u00f6ren oder hin und wieder einmal ein Kieksen, doch f\u00fcr die Verh\u00e4ltnisse eines Laienorchesters liegt eine \u00fcberragende Leistung vor. Der gro\u00dfe Mann des Abends allerdings ist J\u00f6rg Birhance, der das Orchester 2005 auch gegr\u00fcndet hat und bis 2011 leitete. In jedem Takt ist die Arbeit unverkennbar, die er mit dem Orchester verrichtet hat, so dass die nicht erreichbare technische Perfektion der Instrumentalisten durch die kammermusikalische Bewusstheit wettgemacht wird. Was dieser Dirigent aus dem Klangk\u00f6rper herausholen kann, ist wahrlich mehr als erstaunlich! Beim gro\u00dfz\u00fcgig besetzten Haydn l\u00e4sst er einen sehr klaren Gestus vorherrschen, so dass die Form ganz genau ersichtlich wird und auch die satztechnischen Feinheiten der letzten Symphonie des Meisters der Wiener Klassik blo\u00dfliegen. Bei Wellesz legt er gro\u00dfen Wert auf die vielen Unterstimmen, von denen ein beachtlicher Anteil ans Licht treten kann, und auch hier ist die Form kristallklar: Die Fuge in der Mitte des Kopfsatzes beginnt so sprichw\u00f6rtlich, dass sofort klar ist, dass nun nichts anderes h\u00e4tte kommen k\u00f6nnen. Besonders bei diesem Kopfsatz wird die enorme Anstrengung bei den Proben ersichtlich und bringt reiche Ernte ein, denn das Spiel wirkt auch trotz aller Schwierigkeiten noch sauberer als beim einfacher erscheinenden Haydn. Besonders mitrei\u00dfend und abwechslungsreich gelingt der Mittelsatz, der immer wieder f\u00fcr \u00dcberraschungen sorgt. Wenn nicht schon l\u00e4ngst vorher, so w\u00e4re sp\u00e4testens hier vor den Musikern der Hut zu ziehen, die Quintolenfiguren verlaufen bestechend sauber und die verqueren, freitonal erscheinenden Stimmen sind auf hohem Niveau mit befreitem Ausdruck ausgestaltet. Nicht zuletzt vor dem Dirigenten sollte man sich nach diesem modernsten und wohl auch eigent\u00fcmlichsten Satz der Symphonie verneigen, all die rhythmisch fast wahnwitzigen Stimmpolyphonien und Wechsel der Hauptstimme teils taktweise zwischen vier Instrumenten kommen bravour\u00f6s heraus. Auch die \u00fcberraschenden Wendungen erscheinen spontan und frisch, unerwartet machen sich neue Klangsph\u00e4ren auf, die genauso pl\u00f6tzlich verschwinden, wie sie begannen. Leider spielt im dritten Satz das Publikum teilweise nicht mehr recht mit und immer wieder sind St\u00f6rger\u00e4usche zu vernehmen, doch bleiben Dirigent und Kammerphilharmonie konzentriert und bereiten dem gro\u00dfen Werk einen w\u00fcrdevollen Schluss.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auffallend ist das starke Charisma, mit dem J\u00f6rg Birhance vor das Orchester tritt und das ihn von Anfang an zum Konzentrations-Mittelpunkt werden l\u00e4sst. Nachdem er sich einmal hineingefunden hat in das Geschehen, bleibt er auch ganz eins mit dem Erklingenden und lenkt seine Musikern in suggestiver Weise. Birhance hat eine ausgereifte Dirigiertechnik mit gerader Haltung und ausgefeiltem Schlag, der vor allem aus dem Ellbogengelenk kommt, aber auch den ganzen Arm inklusive Schulter in Anspruch nehmen kann, womit er unweigerlich die Instrumentalisten mitnimmt und sie zur Gemeinschaft f\u00fchrt. Er agiert voll und ganz im Dienste der Musik und seine innige Zuwendung zu den Werken ist in jedem Moment sp\u00fcrbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So bleiben am Ende des Abends lediglich zwei Fragen offen: Warum ist Egon Wellesz noch immer so unbekannt angesichts von solch beeindruckendem Schaffen, das trotz freier Tonalit\u00e4t ins Ohr geht und sicherlich viele Menschen unmittelbar anspricht? Und warum ergeht es J\u00f6rg Birhance auch nicht anders als dem von ihm so liebevoll favorisierten Meister? Auch Birhance ist nach so vielen Jahren vortrefflicher Arbeit nach wie vor nur Kennern ein Begriff. Er dirigiert kleine Orchester und Laien anstelle von renommierten Orchestern, deren Programmauswahl und Ausdruckspalette er zweifelsohne mehr als nur bereichern w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, Oktober 2015]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dem Programm des gro\u00dfen Festkonzertes zum zehnj\u00e4hrigen Bestehen der Blutenburg Kammerphilharmonie M\u00fcnchen stehen Haydns finale Symphonie Nr. 104 in D-Dur mit dem Beinamen &#8222;London&#8220; sowie die erste Symphonie in C op. 62 von Egon Wellesz. Der Abend des 25. 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