{"id":1981,"date":"2017-11-09T17:21:52","date_gmt":"2017-11-09T16:21:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1981"},"modified":"2017-11-08T17:22:25","modified_gmt":"2017-11-08T16:22:25","slug":"todessehnsucht-und-hoffnungsschimmer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/11\/09\/todessehnsucht-und-hoffnungsschimmer\/","title":{"rendered":"Todessehnsucht und Hoffnungsschimmer"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Bach und Schubert stehen auf dem Programm des Bruckner Akademie Orchesters unter Leitung von Jordi Mora im KUBIZ Unterhaching am Abend des 5. November 2017. Der Contrapunctus I aus der &#8222;Kunst der Fuge&#8220; BWV 1080 Johann Sebastian Bachs ist in einer Fassung f\u00fcr Orchester des Dirigenten zu h\u00f6ren, danach die Kantate Nr. 82 &#8222;Ich habe genug&#8220; f\u00fcr Bass, Oboe, Streicher und Continuo BWV 82 mit dem Solisten Josep-Ramon Oliv\u00e9. Nach der Pause gibt es als Hauptwerk Franz Schuberts Sinfonie C-Dur D 944 mit dem Beinamen &#8222;Die Gro\u00dfe&#8220;.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wieder l\u00e4sst Jordi Mora mit seinem Bruckner Akademie Orchester die Zeit stillstehen im KUBIZ Unterhaching nahe M\u00fcnchen. Das Programm ist gespalten wie Licht und Schatten, zwei d\u00fcstere Werke Bachs und ein (auf den ersten Blick) strahlendes von Schubert. Doch die Seiten wechseln, als Bach seine Hoffnungsschimmer aufkeimen l\u00e4sst und Schubert weit von seiner Ausgangstonart fortmoduliert und die H\u00f6rer sicher durch ohrenbet\u00e4ubende Katastrophen lotst. Die Welt steht Kopf und das Publikum geht mit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Beginn der <em>Kunst der Fuge<\/em> er\u00f6ffnet das Programm des heutigen Abends, instrumentiert von Jordi Mora mit geschicktem Einbezug sorgf\u00e4ltig ausgew\u00e4hlter Bl\u00e4serstimmen. In feiner Legatoqualit\u00e4t umspielen sich die vier Stimmen der Fuge, lassen sich gegenseitig zu Wort kommen. Die Musiker sind von Anfang an pr\u00e4sent und h\u00f6ren einander zu, eine immer seltener erfahrbare Eigenschaft im heutigen Konzertleben. Doch das Programm ist gr\u00fcndlich einstudiert und nicht nur auf technisch-mechanischer Seite ausgefeilt, was der Darbietung einen ganz besonderen Schliff verleiht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bach f\u00fchrt uns in die tiefsten Abgr\u00fcnde mit seiner Kantate &#8222;Ich habe genug&#8220; BWV 82, Weltflucht und Todessehnsucht durchziehen die drei Arien und zwei Rezitative, der Vanitas-Gedanke in reinster Form. Nur wenige Musiker sind hierf\u00fcr auf der B\u00fchne, die Atmosph\u00e4re gewinnt die Intimit\u00e4t von Kammermusik und beh\u00e4lt doch das Volumen des Orchesterklanges. In sich gekehrt und jedem \u00e4u\u00dferen Glanz abschw\u00f6rend besticht die Stimme von Josep-Ramon Oliv\u00e9 auf ganz eigene Art. Fein sind seine Dynamiken abgestuft und sanft ist seine Couleur. Schade, dass die Halle einiges an Tragf\u00e4higkeit schluckt und er in den Arien teils nur undeutlich bis in den Rang zu h\u00f6ren ist. Au\u00dfergew\u00f6hnlich feinf\u00fchlig und \u00fcberzeugend ist die Solooboe, die so menschlich und nat\u00fcrlich klingt, dass man meinen m\u00fcsste, bald hebe sie wirklich zu singen an. Auch die Rezitativ-Begleitung gelingt \u00fcberw\u00e4ltigend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schubert durchkreuzt das intime Warten auf den Tod durch eine triumphierende C-Dur-Symphonie in gigantischem Ausma\u00df. Dass der Komponist sie selbst nie zu h\u00f6ren bekam, da sie erst 1839 postum unter Mendelssohn zur Auff\u00fchrung kam, bringt einen Querverweis auf das Sujet von Bachs Kantate. Eine knappe Stunde dauert dieses Werk, &#8222;himmlische L\u00e4nge&#8220;, und keine Minute zu lang erscheint sie uns heute &#8211; was in anderen Darbietungen beileibe nicht immer der Fall ist. Jordi Mora spannt einen einzigen Bogen um die Symphonie, ist sich immer bewusst des aktuellen Geschehens in der Musik. Das weit ausgreifende Modulieren wird erlebbar gemacht und ist gut mitzuverfolgen. Trotz der bis zum Rand gef\u00fcllten B\u00fchne k\u00f6nnen die Musiker ihre Vertrautheit beweisen und sich gegenseitig zuh\u00f6ren. Selbst die gro\u00dfen H\u00f6hepunkte stehen zueinander in Beziehung und poltern nie ungez\u00fcgelt drauf los. Besonders hinrei\u00dfend gelingt der zweite Satz, welch ein feinsinniger Tanz in aller Doppelb\u00f6digkeit, so dass nie klar wird, ob man nun lachen oder weinen soll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht zum ersten Mal \u00fcberzeugt und begeistert Jordi Mora mit seinem Orchester im KUBIZ Unterhaching. Die Spannung ist sp\u00fcrbar und treibt den H\u00f6rer auf die Stuhlkante, um immer noch intensiver zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, November 2017]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bach und Schubert stehen auf dem Programm des Bruckner Akademie Orchesters unter Leitung von Jordi Mora im KUBIZ Unterhaching am Abend des 5. November 2017. 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