{"id":1990,"date":"2017-11-14T12:48:20","date_gmt":"2017-11-14T11:48:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1990"},"modified":"2017-11-11T12:49:40","modified_gmt":"2017-11-11T11:49:40","slug":"was-eben-erwartet-wird","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/11\/14\/was-eben-erwartet-wird\/","title":{"rendered":"Was eben erwartet wird"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">TYX Art, TXA17096; EAN: 4 250702 800965<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/0123.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1988\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1988\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/0123-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"260\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/0123-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/0123-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/0123.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der 1995 geborene Pianist Alexander Maria Wagner spielt f\u00fcr TYX Art das Erste Klavierkonzert b-Moll Op. 23 von Peter Ilyich Tschaikowsky ein, sekundiert vom RTV Symphony Orchestra Moscow unter Alexei Kornienko. Im Anschluss spielt das Orchester noch die Zweite Symphonie Alexander Maria Wagners, die nach einem Gedicht von Johanna Kapelari konzipiert wurde, welches inmitten der Symphonie auch von Bettina Sch\u00f6nenberg rezitiert wird.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist ein Bild, das unsere heutigen Vorstellungen und Anspr\u00fcche an die &#8222;klassische Musik&#8220; genauestens widerspiegelt. Ein Virtuose, Wunderkind, rauscht durch eines der gewaltigen und halsbrecherisch schwierigen Konzerte der romantischen Epoche, fingerfertig und brillant, ohne nur eine der H\u00fcrden schwierig oder widerhakig erscheinen zu lassen. Hiernach pr\u00e4sentiert sich der Pianist auch noch als Komponist und legt der \u00d6ffentlichkeit mit zweiundzwanzig Jahren bereits seine zweite Symphonie vor, auch ein Gigant wie Schostakowitsch war nicht fr\u00fcher dran mit der Komposition seines zweiten symphonischen Werks. Und am Ende bleibt das Publikum begeistert zur\u00fcck angesichts solch eines jungen Talents.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Aufnahme pr\u00e4sentiert uns alles, was heute von einem Genie erwartet wird, eine gl\u00e4nzende Fassade. Und tats\u00e4chlich zeigt Alexander Maria Wagner brillante Fingermechanik, aufregende Emotionen und virtuose F\u00e4higkeiten, die vielleicht erstaunen m\u00f6gen. Doch leider bleibt es zum Gro\u00dfteil bei eben dieser Fassade, dahinter verbirgt sich sehr wenig, das auf musikalische Substanz hinweisen w\u00fcrde. Der Anschlag ist hart und rau, birgt weder Feinsinn noch Hintergr\u00fcndigkeit, ist auf blo\u00dfes Brillieren aus; die Lyrik wird nicht ersp\u00fcrt, sondern einfach konventionell ausgef\u00fchrt; und die herrlichen Harmonien bleiben ziellos aneinandergereihte Akkordgebilde, die eben mehrere Finger zeitgleich erfordern. Dies ist bedauerlich gerade angesichts dessen, dass doch unverkennbar sp\u00fcrbar wird, dass ein Talent in dem jungen Pianisten steckt. Dieses sollte auf musikalischer Ebene gef\u00f6rdert werden und nicht noch weiter auf die Schiene eines rein oberfl\u00e4chlich agierenden &#8222;Notenfressers&#8220; gebracht werden, der h\u00f6chst komplexe Werke spielen, aber nicht verstehen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Symphonie steht ganz im Zeichen der heute in Fachkreisen als alleing\u00fcltig reklamierten Avantgarde, wilde Ger\u00e4usche und durcheinandergeworfene T\u00f6ne dominieren das Bild. Harsche Br\u00fcche und Kontraste legen manchen interessanten Moment frei, schneiden sich zugleich stets vom vorherigen ab. Doch der Avantgarde-gewohnte H\u00f6rer wird nicht mehr geschockt von derartigen Kl\u00e4ngen, die seit nunmehr beinahe hundert Jahren in \u00e4hnlich br\u00fcsker und oft viel schrofferer Form existieren. Eine erneute Suche nach Struktur und Zusammenhang, nach musikalischem Sinn, w\u00e4re in jeder Hinsicht viel wertvoller. Und gerade dies ist in Wagners Zweiter Symphonie nicht einmal ansatzweise aufzusp\u00fcren, die einzelnen Ebenen \u00fcberlagern und unterbrechen sich willk\u00fcrlich, jeder eventuelle Aufbau einer vielversprechenden Entwicklung wird sogleich unterbrochen. Es gibt auch wenig Eigenes in dieser Musik, sie folgt vorhandenen Trends und sucht Halt in vertrauten Topoi unserer Zeit. Doch macht nicht gerade das &#8222;Eigene&#8220; eine Symphonie aus? Man denke nur an Sibelius, an Schostakowitsch, Eliasson, S\u00e6verud, N\u00f8rg\u00e5rd, Nordgren, Enescu, Lyatoshinsky oder auch den Tiroler Zeitgenossen Michael Franz Peter Huber, sie alle (und viele andere auch) haben sich in jeder Symphonie neu erfunden, haben Origin\u00e4res geschaffen, sich von Str\u00f6mungen nicht vereinnahmen lassen und nicht zuletzt die gesamte Form als bezwingenden Zusammenhang zu artikulieren verstanden. Das ger\u00e4uschhafte, avantgardistische, findet bei den meisten der genannten Komponisten seinen festen Platz und wird doch schl\u00fcssig in den gro\u00dfen Kontext integriert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei meinen Ausf\u00fchrungen geht es keineswegs darum, ein junges Talent an seinem Weg zu hindern, ihm einen Stein in den Weg zu legen oder es plump zu attackieren. Mein Anliegen ist vielmehr, Bewusstsein zu schaffen daf\u00fcr, eigenst\u00e4ndig in der Musik zu forschen und das Wissen um prinzipielle Zusammenh\u00e4nge zu vertiefen &#8211; als Ausf\u00fchrender wie als schaffender Musiker. Wir haben reichlich hochbegabte Virtuosen, aber wir haben nicht gen\u00fcgend wirkliche &#8222;Musiker&#8220;, denen die Musik mehr bedeutet als der \u00e4u\u00dfere Erfolg. Musik ist etwas so Unergr\u00fcndliches, jeder Zusammenhang ist einmalig, jede Konstellation unwiederholbar &#8211; wir sollten sie nicht als gegeben hinnehmen, sondern von Grund auf stetig neu zu erfahren suchen. Ich bin \u00fcberzeugt, Alexander Maria Wagner h\u00e4tte die F\u00e4higkeit dazu, ein &#8222;Musiker&#8220; zu werden, sofern er denn einen eigenen Weg gehen will und sich nicht leichtfertig der Oberfl\u00e4chlichkeit des Business und seiner Erwartungen unterwirft. So hoffe ich bei diesem Text vielleicht noch mehr als bei anderen, dass er von den richtigen Stellen gelesen und beachtet, nicht in kurzsichtigem Karrierewahn einfach nur als &#8222;negative Kritik&#8220; beiseite gelegt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, November 2017]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TYX Art, TXA17096; EAN: 4 250702 800965 Der 1995 geborene Pianist Alexander Maria Wagner spielt f\u00fcr TYX Art das Erste Klavierkonzert b-Moll Op. 23 von Peter Ilyich Tschaikowsky ein, sekundiert vom RTV Symphony Orchestra Moscow unter Alexei Kornienko. 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