{"id":1996,"date":"2017-11-17T09:16:24","date_gmt":"2017-11-17T08:16:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=1996"},"modified":"2017-11-21T19:27:03","modified_gmt":"2017-11-21T18:27:03","slug":"musikgeschichte-der-1920er-jahre-aus-erster-hand","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/11\/17\/musikgeschichte-der-1920er-jahre-aus-erster-hand\/","title":{"rendered":"Musikgeschichte der 1920er Jahre aus erster Hand"},"content":{"rendered":"<div style=\"text-align: justify;\">UE \u2013 Die ersten 37 \u00bd Jahre &#8211; Eine Chronik des Verlags von Hans W. Heinsheimer (1975)<br \/>\nerstmals herausgegeben von Eric Marinitsch<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Christoph0005.jpg\" rel=\"attachment wp-att-1989\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-1989\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Christoph0005-300x223.jpg\" alt=\"Christoph0005\" width=\"350\" height=\"260\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Christoph0005-300x223.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Christoph0005-768x572.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Christoph0005-1024x762.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Christoph0005.jpg 1924w\" sizes=\"(max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/><\/a><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">Universal Edition, Wien 2017 (UE 26333)<br \/>\nISBN: 9783-7024-75130<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">Die Universal Edition, der legend\u00e4rste Verlag neuer Musik im 20. Jahrhundert und bis zur nationalsozialistischen Gleichschaltung und \u201aS\u00e4uberung\u2019 \u00d6sterreichs das Mekka der fortschrittlichen und der substanziellen konservativen Komponisten gleicherma\u00dfen, wurde im Jahr 1900 in Wien als Aktiengesellschaft gegr\u00fcndet. Nach eher gew\u00f6hnlichem Beginnen setzte sich ein Mann durch, der als Musikverleger das 20. Jahrhundert pr\u00e4gen sollte wie kein anderer: der in Budapest geb\u00fcrtige Emil Hertzka (1869-1932), der eine unvergleichliche F\u00e4higkeit besa\u00df, Originalit\u00e4t und Qualit\u00e4t von Derivativem und Oberfl\u00e4chlichem zu unterscheiden \u2013 und dies, obwohl er gar keine solide musikalische Ausbildung genossen hatte. Bis zu seinem Tode 1932 leitete Hertzka die Geschicke des illustren Hauses und musste die Verh\u00f6hnung und Verhinderung weiterer Pionierarbeit durch Hitlers eifrige Schergen nicht mehr erleben. 1923 trat Hans Walter Heinsheimer (1900-93) in den Verlag ein und wirkte bis 1938 als Leiter der B\u00fchnenabteilung. Daher sollte er sp\u00e4ter der wichtigste Zeitzeuge der st\u00fcrmisch kreativen Jahre sein und wurde 1975 \u2013 l\u00e4ngst nach New York ausgewandert und seit 1972 Vizepr\u00e4sident des dortigen Musikverlags Schirmer \u2013 von der UE (so das allgemein verwendete K\u00fcrzel f\u00fcr Universal Edition) gebeten, eine Chronik zu schreiben. Diese wurde aus nicht bekannten Gr\u00fcnden nie fertig, wodurch es auch zu keiner Ver\u00f6ffentlichung kam. Doch immerhin: bis zum Tode Hertzkas erz\u00e4hlt Heinsheimer seine Geschichte, mit vielen Vorausblicken auf weitere Ereignisse der drei\u00dfiger Jahre, und mit dem R\u00fcckblick auf die fr\u00fchen Jahre, wo mit der Inverlagnahme von Symphonien Gustav Mahlers und &#8211; postum &#8211; s\u00e4mtlicher Bruckner-Symphonien das Qualit\u00e4tsma\u00df gesetzt und der Grundstein zum Welterfolg gelegt wurde.<br \/>\nHeinsheimer war ein vorz\u00fcglicher Erz\u00e4hler, mit Intellekt, Beobachtungsgabe und der H\u00e4me, ohne die sich viele von uns einen re\u00fcssierenden Wiener (Heimsheimer war Karlsruher!) gar nicht vorstellen k\u00f6nnen. Heinsheimers St\u00e4rke war auf jeden Fall auch seine fachliche Beschlagenheit und seine ausgepr\u00e4gte Gesch\u00e4ftst\u00fcchtigkeit. Seine Schw\u00e4che war ein nicht weniger ausgepr\u00e4gter Zynismus, der sich darin niederschlug, dass er nicht die gleiche, erfolgsunabh\u00e4ngige Liebe zur Sache hatte wie sein legend\u00e4rer Chef Hertzka \u2013 an welchem Heinsheimer den Riecher f\u00fcr das Richtige bewunderte, den er \u2013 aufgrund dessen nicht vorhandener Musikausbildung \u2013 als \u201einstinktiv\u201c bezeichnete. Das w\u00fcrde ich dann doch eher als intuitiv und eben auch als Niederschlag eines hellwachen Bewusstseins beschreiben wollen! Nat\u00fcrlich konnte ein Heinsheimer Hertzkas zutiefste Sch\u00e4tzung f\u00fcr Heinrich Kaminski nicht verstehen, und entsprechend konnte er sich auch nicht aus \u00dcberzeugung daf\u00fcr einsetzen. Ein Name wie Ottorino Respighi (immerhin ist das wundersch\u00f6ne Concerto gregoriano bei der UE erschienen) kommt\u00a0gar nicht vor, und auch der als Komponist gleicherma\u00dfen geniale Eduard Erdmann wird nur als Pianist Krenek\u2019scher Werke erw\u00e4hnt. \u00dcberhaupt schien Heinsheimer \u00fcberall da die \u00dcberzeugung zu fehlen, wo es nicht wie am Schn\u00fcrchen lief \u2013 aber das ist ja auch typisch f\u00fcr den Leiter einer B\u00fchnen- (und eben nicht Konzert-) Abteilung.<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">Diese Chronik, von Herausgeber Eric Marinitsch liebevoll und sorgf\u00e4ltig mit vielen weiteren Zusatzdokumenten versehen, ist interessant und aufschlussreich f\u00fcr jeden, der sich mit der Musikgeschichte zwischen den beiden Weltkriegen befasst, und auch f\u00fcr alle, die mehr \u00fcber die Menschen hinter den Komponisten wissen wollen \u2013 man erf\u00e4hrt vieles \u00fcber Sch\u00f6nberg, Alban Berg, Schreker, Schillings, Bart\u00f3k, Jan\u00e1cek, Krenek, Eisler, Szymanowski, Webern, aber auch heute so unbekannte Figuren\u00a0wie Julius Bittner oder Erwin Stein, der eine Schl\u00fcsselfigur im Verlag war und hinter der Zeitschrift \u201aPult &amp; Taktstock\u2019 stand, werden hier pittoresk und eingehend beschrieben. Herausgekommen ist ein erstrangiges Zeitdokument, das ich jedem empfehlen m\u00f6chte, der gerne hinter die Kulissen des Musiklebens in der st\u00fcrmischsten und kreativsten Zeit des Umbruchs im vergangenen Jahrhundert schauen m\u00f6chte. Nat\u00fcrlich feiert sich damit der Verlag auch selbst, aber dazu besteht unstrittig\u00a0nach wie vor Anlass, denn welches vergleichbare Haus h\u00e4tte schon solch k\u00fcnstlerisch goldene Jahre in einer solchen Vielfalt vorzuweisen wie die Universal Edition. Nein, das ist keine Eigenwerbung, das ist ein substanzieller Beitrag zur Musikgeschichtsschreibung vor allem jener wilden, unsicheren, revolution\u00e4r aufr\u00fcttelnden Jahre, die in Deutschland als \u201aWeimarer Republik\u2019 in die Geschichtsb\u00fccher eingegangen sind. Und es ist Musikgeschichte aus erster Hand, von einem, der sich, ohne sich selbst als Komponist, Auff\u00fchrender oder Kritiker in der \u00d6ffentlichkeit behaupten zu m\u00fcssen, mittendrin in dem Treiben befand und ma\u00dfgeblichen Einfluss &#8211; insbesondere auch als Ratgeber in Libretto-Fragen &#8211; auf die Tonschaffenden aus\u00fcbte. Zugleich ist es dadurch ein faszinierender, oftmals kaltschn\u00e4uziger, bei entsprechender Sympathie auch wieder liebevoll schildernder Blick hinter die Kulissen der mond\u00e4n schillernden Musikwelt einer legend\u00e4ren Epoche.<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><strong>[Christoph Schl\u00fcren, November 2017]<\/strong><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>UE \u2013 Die ersten 37 \u00bd Jahre &#8211; Eine Chronik des Verlags von Hans W. 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