{"id":2017,"date":"2017-11-29T12:08:56","date_gmt":"2017-11-29T11:08:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=2017"},"modified":"2017-11-29T12:08:56","modified_gmt":"2017-11-29T11:08:56","slug":"ein-noch-unentdeckter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/11\/29\/ein-noch-unentdeckter\/","title":{"rendered":"Ein noch Unentdeckter"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><strong>Martin Scherber (1907-1974): Erste Symphonie \u2013 Goethelieder \u2013 Kinderlieder \u2013 6 Lieder<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong><em>Bratislava Symphony Orchestra, Adriano (conductor); Thomas Heyer, Tenor; Lars J\u00f6nsson und Hedayet Djeddikar (Klavier) Laura Cromm (Violine)<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong><em>\u00a0<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Sterling,\u00a0 CDS 1113-2<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wer sich heute bzw. w\u00e4hrend seines Lebens auf Bruckner oder Goethe oder gar Rudolf Steiner beruft, muss schon ein komischer Vogel oder Zeitgenosse sein: altmodisch, unmodern und \u00e4hnliche Schimpfworte d\u00fcrften Martin Scherber (1907-74) zeitlebens begegnet sein. Allerdings war er ziemlich fr\u00fch auf seinen eigensten Weg gelangt, eben auch mit Unterst\u00fctzung der besagten drei Vorbilder und ihrer verschiedensten Anregungen. Als Komponist \u2013 \u00e4hnlich wie Jahrzehnte sp\u00e4ter der Schwede Anders Eliassohn \u2013 enthielt er sich der willentlichen Steuerung des Sch\u00f6pfungsprozess, empfand er sich nur als Medium f\u00fcr das, was durch ihn Musik werden wollte, ein sehr ungew\u00f6hnlicher Standpunkt in einer Zeit des \u201eMachens\u201c und all der gewaltt\u00e4tigen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts. Allein sein immer intensiverer R\u00fcckzug in sein eigentliches Innenleben \u2013 ohne sich dadurch sektiererisch abzukapseln &#8211; erm\u00f6glichte es ihm, sich ganz dem Werden der Musik zur Verf\u00fcgung zu stellen. Seine drei Symphonie bezeichnete er nicht als \u201evon\u201c, sondern als \u201edurch\u201c Martin Scherber entstanden! Tats\u00e4chlich sind diese drei jeweils eins\u00e4tzigen, gro\u00dfdimentionierten Symphonien sein Lebenswerk, neben den auch andere Kompositionen wie Klavierst\u00fccke und auch Lieder \u00fcberliefert sind, von denen eine gelungene Auswahl auf dieser CD zu h\u00f6ren und zu erleben ist \u2013 gesungen und gespielt vom Tenor Thomas Heyer und den Pianisten Lars J\u00f6nsson bzw. Hedayet Djeddikar sowie der Geigerin Laura Cromm. Und das sind keine Allerweltslieder, nein, musikalische Kostbarkeiten werden da h\u00f6rbar, bei denen das Staunen und die Nichtselbstverst\u00e4ndlichkeit in jedem Ton zu erleben sind. Das ist auch kein Wunder bei einem Komponisten, der die Eigenarten der deutschen Sprache in einigen musikalischen Werken in eine Form bringen wollte, die das Typische daran \u201ezum Klingen\u201c bringt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Seine Erste Symphonie ist \u2013 wie alle seine drei \u2013 eins\u00e4tzig. Die Idee, dass eine ganze Symphonie \u2013 alle Bewegtheiten vom ersten Allegro \u00fcber das Adagio und das Scherzo bis zum Finale \u2013 aus einer Grundidee, einem \u201eThema\u201c entstehen kann und soll, ist zwar schon \u00e4lter, aber dennoch ein, besser d e r \u00a0Ausgangspunkt f\u00fcr sogenannte \u201eMetamorphosen-Symphonik\u201c, die nat\u00fcrlich auch Bruckners Symphonien als Ausgangspunkt hat, aber \u2013 wie Christoph Schl\u00fcren im sehr ausf\u00fchrlichen Booklet ausf\u00fchrt \u2013 auch Verbindungen zu Sibelius oder auch zu Heinz Tiessen, einem ebenfalls vom heutigen Musikbetrieb v\u00f6llig vernachl\u00e4ssigten Komponisten, nahelegt. \u00dcberhaupt ist es Schl\u00fcrens Verdienst, Martin Scherber in schl\u00fcssig argumentierender Weise in Verbindung zu bringen mit seiner Zeit, seinen Zeitgenossen, der symphonischen Tradition und auch seinen Nachfahren. Das ist eben nur mit umfassender Kenntnis m\u00f6glich und auch ein Verdienst dieser CD-Produktion. Die nur noch \u00fcber den Freundeskreis von Scherbers Musik erh\u00e4ltliche Aufnahme der Zweiten Symphonie aus Russland ist mit Abstand am besten gelungen, w\u00e4hrend die Dritte unter Elmar Lampson (col legno) eine \u2013 ehrlich gesagt \u2013 nackte Katastrophe ist und dem Komponisten einen entsetzlichen B\u00e4rendienst erwiesen hat. Um so besser, dass nun diese Erste Symphonie-Einspielung aus Bratislava wieder etwas besser gelungen ist, man hat eben doch den Eindruck, dass da eine Musik ans Licht gelangt, deren Weite und Tiefe, deren Wirklichkeit erst noch zu entdecken und zu erleben ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u00a0\u00a0 Ganz anders seine Lieder, die mich sofort gefangen nehmen in ihrer Unmittelbarkeit und dem ureigenen Klang. Mich, der ich normalerweise dem klassischen Liedgesang sehr skeptisch gegen\u00fcberstehe \u2013 vor allem, wenn es um die Textunverst\u00e4ndlichkeit der meisten klassischen S\u00e4nger und S\u00e4ngerinnen geht. Allerdings ist im Fall von Thomas Heyer und seinen Begleitern da \u00fcberhaupt keine Befremdung aufgekommen. Auch wenn der Tenor\u00a0 \u00fcber alle Nuancen \u2013 auch des Dramatischen \u2013 verf\u00fcgt, h\u00f6re ich doch, wie sehr auch ihn diese Lieder dazu bringen, sich als \u201ehohles Bambusrohr\u201c zu sp\u00fcren, wie die f\u00fcr mich allerbeste Definition eines K\u00fcnstlers hei\u00dft, nach dem Motto: \u201eSei wie ein hohles Bambusrohr, durch das der Wind geht.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>[Ulrich Hermann, November 2017]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Martin Scherber (1907-1974): Erste Symphonie \u2013 Goethelieder \u2013 Kinderlieder \u2013 6 Lieder Bratislava Symphony Orchestra, Adriano (conductor); Thomas Heyer, Tenor; Lars J\u00f6nsson und Hedayet Djeddikar (Klavier) Laura Cromm (Violine) \u00a0 Sterling,\u00a0 CDS 1113-2 Wer sich heute bzw. w\u00e4hrend seines Lebens auf Bruckner oder Goethe oder gar Rudolf Steiner beruft, muss schon ein komischer Vogel oder &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/11\/29\/ein-noch-unentdeckter\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Ein noch Unentdeckter<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[2291,2286,2289,2288,2290,2292,2287],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2017"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2017"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2017\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2018,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2017\/revisions\/2018"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2017"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2017"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2017"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}