{"id":2023,"date":"2017-12-05T14:43:59","date_gmt":"2017-12-05T13:43:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=2023"},"modified":"2017-12-05T14:43:59","modified_gmt":"2017-12-05T13:43:59","slug":"geteilte-intimitaeten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/12\/05\/geteilte-intimitaeten\/","title":{"rendered":"Geteilte Intimit\u00e4ten"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der norwegische Pianist Leif Ove Andsnes tritt am 3. Dezember 2017 im M\u00fcnchner Prinzregententheater auf. Auf dem Programm seines Rezitals stehen Klavierwerke von Jean Sibelius (Op. 75\/4, Op. 97\/5; Op. 68\/2; Op. 58\/4; Op. 24\/9), &#8222;Idyll und Abgrund &#8211; Sechs Schubert-Reminiszenzen\u201c f\u00fcr Klavier von J\u00f6rg Widmann, die sp\u00e4ten Drei Klavierst\u00fccke D 946 von Franz Schubert, die &#8222;Sturm&#8220;-Sonate Nr. 17 d-Moll op. 31\/2 Ludwig van Beethovens sowie Nocturne H-Dur op. 62\/1 und Ballade Nr. 4 f-Moll op. 52 von Fr\u00e9d\u00e9ric Chopin. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Pianist bringt die Zeit zum Stillstehen: Schon bei den ersten T\u00f6nen von Leif Ove Andsnes kommt eine ganz eigene Atmosph\u00e4re auf, eine fokussierte Ruhe und vom Rezensenten ersehnte Freiheit. Es scheint, als w\u00fcrde der Norweger nur f\u00fcr sich alleine spielen, unbek\u00fcmmert und rein. Was Andsnes spielt, das meint er auch, er ist absolut ehrlich und aufrichtig in seinem Ausdruck. Er stellt sich selbst nicht in den Vordergrund, bleibt stets unpr\u00e4tenti\u00f6s. Die Musik alleine steht im Fokus. Andsnes teilt sein Innerstes mit dem H\u00f6rer, man wird hineingelassen in die phantastische Welt dieses Pianisten und m\u00f6chte auch nicht so schnell wieder heraus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein seltenes Merkmal Andsnes&#8216; ist, dass er nie aufh\u00f6rt, in der Musik zu suchen: Auch wenn er die meisten der heute erklingenden Werke sicherlich dutzende Male \u00f6ffentlich vortrug, scheinen sie vollkommen frisch zu sein trotz aller Gesetztheit. Dies manifestiert sich nicht alleine auf innermusikalischer Ebene, sondern ebenso in der Werkauswahl, die stets auch unbekannte oder neue Werke beinhaltet und ganz selbstverst\u00e4ndlich neben die Klassiker des Konzertprogramms stellt. Vor vielen Jahren h\u00f6rte ich Andsnes mit Klavierkonzerten von Kurt\u00e1g und Beethoven &#8211; und ich wei\u00df bis heute nicht, von welchem ich ergriffener war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Symphoniker Sibelius lernen wir heute als Miniaturisten kennen, sein umfangreiches Klaviermusik-\u0152uvre wird von der \u00d6ffentlichkeit nach wie vor nicht ad\u00e4quat wahrgenommen (nicht einmal die fr\u00fche gro\u00dfe Klaviersonate!), was ein echtes Vers\u00e4umnis ist. F\u00fcnf kurze St\u00fccke bietet Andsnes dar, kehrt die nordische Rauhheit, s\u00e4uselnde und flirrende Figuren und Pr\u00e4gnanz der K\u00fcrze hervor, die ihnen innewohnt. Jedes St\u00fcck f\u00fcr sich ist ein abgeschlossener Kosmos und Andsnes vermittelt diesen durch gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Beherrschung der Form, die keinen Ton mehr oder weniger zulassen w\u00fcrde. Selbst den recht belanglosen, wenngleich &#8211; nicht zu ernst genommen &#8211; \u00e4u\u00dferst unterhaltsamen, <em>Schubert-Reminiszenzen<\/em> des gehypten Komponisten, Dirigenten und Klarinettisten J\u00f6rg Widmann verleiht der Norweger einen ansprechenden Flair und b\u00fcndelt die fragmentarischen Formteile zu einem Ausdrucksbogen. Am meisten &#8222;beweisen&#8220; (was niemals seine Intention sein d\u00fcrfte, so ungezwungen wie er musiziert) als wahrer Musiker kann Andsnes sich in Schuberts <em>Drei Klavierst\u00fccken<\/em> D 946, die neben technischen Raffinessen vor allem harmonisches Verst\u00e4ndnis fordern. Wie urpl\u00f6tzlich kann Andsnes die Stimmung kippen lassen, durch Bewusstheit und subtile Umsetzung der harmonischen Kontraste den Boden wegrei\u00dfen oder den H\u00f6rer in \u00fcberirdische H\u00f6hen katapultieren. Er wei\u00df um nat\u00fcrliche Spannung und Entspannung, um wohl gesetzte Unterstreichungen und um Deutlichmachen mancher unorthodoxen Passage. Rund und voll klingen die Akkorde, jeder Ton findet darin seine Funktion und seinen Platz. Dabei weist Leif Ove Andsnes\u2019 Spiel ein enormes Spektrum an Dynamikstufen auf, zwischen denen er organisch changieren kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach der Pause bricht der Sturm los, Beethovens ber\u00fchmte <em>Klaviersonate d-Moll<\/em> op. 31\/2. Doch ist es kein \u00e4u\u00dferlicher Sturm, kein oberfl\u00e4chlich polterndes Aufbegehren, sondern innerliches Rumoren und Bangen. Leif Ove Andsnes bringt Beethovens Spiel mit Erwartungen so unverbraucht zum Ausdruck und \u00fcbertr\u00e4gt dieses Gef\u00fchl auch auf den H\u00f6rer, dass selbst das tausendmal geh\u00f6rte wiederkehrende Innehalten im Kopfsatz noch \u00fcberraschend erscheint. Mit Chopins <em>H-Dur Nocturne<\/em> op. 62\/1 kehrt wieder Ruhe ein, selbst in der unerh\u00f6rt kantabel vorgetragenen Trillerpassage, und dies wird zu Beginn der <em>f-Moll-Ballade<\/em> op. 52 fortgesetzt. So leicht beginnt sie, langsam erst bahnt sich der Sturz an, bis die Katastrophe \u00fcber die K\u00f6pfe der H\u00f6rer hereinbricht und unglaubliche Beherrschung und Emotionskraft vom Pianisten fordert &#8211; was mit gr\u00f6\u00dfter Brillanz und Musikalit\u00e4t auch eingel\u00f6st wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Zugabe gibt es die urspr\u00fcnglich im Programm vorgesehene <em>g-Moll-Ballade<\/em> Chopins, die Andsnes recht rasch, aber nicht weniger bewusst gestaltet. \u00dcberw\u00e4ltigt war ich vor allem vom pi\u00f9 mosso-Mittelteil, der unter seinen Fingern noch losgel\u00f6ster und scherzandohafter wirkt als \u00fcblich. Eine zweite Zugabe f\u00fchrt zur\u00fcck zum Beginn des Programms, eine weitere Miniatur Sibelius&#8216;, ein <em>Impromptu<\/em>. Und siehe da, es eint sich fantastisch mit der Musik Chopins, eine mir bislang nicht bekannte Verbindung wird deutlich &#8211; wenngleich nat\u00fcrlich die nordische Rauhheit mehr herausschl\u00e4gt als bei seinem franz\u00f6sischen Vorg\u00e4nger.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, Dezember 2017]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der norwegische Pianist Leif Ove Andsnes tritt am 3. Dezember 2017 im M\u00fcnchner Prinzregententheater auf. 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