{"id":2029,"date":"2017-12-08T19:42:51","date_gmt":"2017-12-08T18:42:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=2029"},"modified":"2017-12-11T13:46:53","modified_gmt":"2017-12-11T12:46:53","slug":"stalin-sah-es-nicht-gerne-dass-es-in-der-ukraine-eine-eigene-kultur-gibt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/12\/08\/stalin-sah-es-nicht-gerne-dass-es-in-der-ukraine-eine-eigene-kultur-gibt\/","title":{"rendered":"Stalin sah es nicht gerne, dass es in der Ukraine eine eigene Kultur gibt"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Violina Petrychenko verweigert sich dem Repertoire-Mainstream und reanimiert die Klaviermusik ihres Landsmannes Vasyl Barvinsky.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Violina Petrychenko lebt heute in K\u00f6ln, hat aber noch einen starken Bezug zu ihrer ukrainischen Heimat. Vor allem liegt ihr die dortige Musikkultur am Herzen. Entsprechend tatkr\u00e4ftig engagiert sie sich f\u00fcr die Wiederentdeckung der Komponisten ihres Heimatlandes &#8211; und legt aktuell eine CD mit der lyrisch-intimen Klaviermusik von Vasyl Barvinsky vor. Tief ber\u00fchrt war sie vom Schicksal dieses Komponisten, der so ganz die stalinistische Willk\u00fcr zu sp\u00fcren bekam. So wurden s\u00e4mtliche Noten seiner Werke \u00f6ffentlich verbrannt. Schlie\u00dflich kam Barvinsky selbst ins Straflager. Sein einziges \u201eVerbrechen\u201c?\u00a0 Er hatte immer eine Lanze f\u00fcr die gewachsene ukrainische Musikkultur gebrochen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Pieper1.jpg\" rel=\"attachment wp-att-2036\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-2036 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Pieper1-193x300.jpg\" alt=\"Pieper1\" width=\"193\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Pieper1-193x300.jpg 193w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Pieper1-768x1194.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Pieper1-659x1024.jpg 659w\" sizes=\"(max-width: 193px) 100vw, 193px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Auf dem Booklet-Foto halten Sie ein Notenblatt ins Feuer. Was f\u00fcr Empfindungen hatten Sie, als dieses Foto entstand?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich werfe die Noten nicht ins Feuer, sondern hole sie aus diesem Feuer wieder heraus, um sie der Welt zug\u00e4nglich zu machen. Ich will auf das Schicksal dieses Komponisten hinweisen. Seine Noten wurden von den Stalinisten \u00f6ffentlich verbrannt, gl\u00fccklicherweise konnte ein Teil gerettet werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wie sind Sie auf Vasyl Barvinskys Musik gesto\u00dfen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich selbst komme aus der Ostukraine. Dort ist Barvinsky ganz unbekannt. Er wird auch in Konzerten bislang nicht gespielt und auch beim Studium in Kiew bin ich nicht auf ihn gesto\u00dfen. Vor drei Jahren habe ich meine zweite CD \u201eUkrainian Moods\u201c mit Werken ukrainischer Komponisten vorbereitet und daf\u00fcr recherchiert. Dabei bin ich eher zuf\u00e4llig \u00fcber den tragischen Lebenslauf von Barvinsky gesto\u00dfen und war schockiert. Ich beschloss, dass dieser Komponist eine eigene CD mit seiner Musik verdient. Vor einer Woche habe ich au\u00dferdem beschlossen, auch die restlichen seiner Klavierwerke aufzunehmen. Die Arbeiten an der n\u00e4chsten CD beginnen im Februar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ich habe die Musik als romantisch, aber auch etwas introvertiert und zart modern empfunden. Die Spurenelemente ukrainischer Musik sind eher versteckt. Wie sehen Sie das?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die ukrainische Suite ist voll von Elementen aus der Volksmusik, die anderen Zyklen auf der CD weniger. Es gibt auch eine deutliche Pr\u00e4gung durch tschechische Musiker, etwas V\u00edtezslav Nov\u00e1k oder Anton\u00edn Dvor\u00e1k. Die Zyklen sind sehr unterschiedlich von den Stimmungen. Der Liebeszyklus ist betont traurig, manchmal fast schon depressiv. Die Pr\u00e4ludien sind eher leichtg\u00e4ngig. Jedes zeigt einer andere Stimmung und kompositorische Herausforderungen f\u00fcr den jungen Barvinsky.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ist die Musikkultur der Ukraine generell nah an der tscheschischen Kultur?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es herrschte damals ein lebendiger Austausch zwischen der Ukraine und B\u00f6hmen. Viele Musiker, die in Lemberg arbeiteten, haben in Prag studiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das kulturelle Leben in Ihrem gemeinsamen Heimatland war zu seinen Lebzeiten ja wohl \u00e4u\u00dferst lebendig, rate ich.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, vor allem in Lemberg. Anfang des 20.Jahrhundert war es eine sehr interessante und spannende Stadt. Die ganzen schlimmen Zeiten, der Holocaust und der Krieg waren noch sehr weit weg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Barvinskys Musik hat eigentlich kaum etwas aufr\u00fchrerisches oder neut\u00f6nerisches. Warum ist er \u00fcberhaupt so extrem vom sowjetischen Regime drangsaliert worden?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stalin sah es nicht gerne, dass es in der Ukraine eine eigene Kultur gibt. Viele Menschen, die zur Intelligenz geh\u00f6rten, durften nicht weitermachen. Vielen von Barvinskys St\u00fccken h\u00f6rt man an, dass er aus der Ukraine kommt. Ein solcher Patriotismus hat Stalin nicht gepasst, vor allem nicht, wenn er von einem Rektor am Konservatorium kam. Also hat er es sich einfach gemacht und wollte ihn wegschieben. Deswegen mussten Barvinsky und seine Frau f\u00fcr zehn Jahre in den Gulag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gab es einen konkreten Anlass f\u00fcr seine Verhaftung?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihm wurde vorgeworfen, Spion im Dienste Englands oder der Gestapo zu sein, was v\u00f6llig absurd war, denn das hatte wirklich nichts mit seinem Leben zu tun. All dies wurde ihm angedichtet. Auch war er kein Mitglied der Union ukrainischer Sozialisten. Trotzdem musste er nach einer erfolgreichen Karriere als alter Mann ins Gef\u00e4ngnis gehen. Das war eine sehr b\u00f6se \u00dcberraschung nach den Kriegsjahren, als er dachte, es beginne nun eine ruhigere Zeit &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wie weit ist die Musik von Vasyl Barvinsky heute in der Ukraine selbst bekannt?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einer gro\u00dfen, kulturell lebendigen Stadt wie Lemberg kennt man diesen Komponisten. Aber auch hier wird seine Musik allenfalls mal in kleinen Hochschulzirkeln, aber nicht in gro\u00dfen Konzerts\u00e4len aufgef\u00fchrt, was ich sehr schade finde. Wenn wir weiter Richtung Osten gehen, ist er v\u00f6llig unbekannt. Andere Komponisten sind etwas popul\u00e4rer. Insgesamt verh\u00e4lt es sich so wie in Deutschland. \u00dcberall wird das bekannte Repertoire rauf und runter gespielt, aber niemand traut sich, mal was neues zu pr\u00e4sentieren. Dabei gibt es doch so viel unentdeckte Musik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wie ist die Stimmung heute in der Ukraine angesichts der aktuellen Drangsalierung durch\u00a0 Russland. N\u00e4hrt dies einen Patriotismus in der Kultur?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Situation ist etwas schwierig. Ich spiele viel in der Westukraine und da herrscht ein positives Klima. Wenn ich in der Ostukraine spiele, agiere ich vorsichtiger. Da ziehe ich im Konzert dann einen Vergleich etwa zwischen Rachmaninoff und Barvinsky und will zeigen, dass wir in der Ukraine einen \u00e4hnlich bedeutenden Komponisten hatten. Vor allem auf Barvinskys Ukrainische Suite wurde sehr positiv reagiert &#8211; sie findet Zugang zu jedem Herzen. Aber Barvinskys Tonsprache ist eigentlich sehr international, ebenso verhielt es sich mit seinem Ruf zu Lebzeiten. Seine Noten wurden damals auch in Japan und England ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wie hat sich Ihr Wechsel nach Deutschland vollzogen und was war der Anlass?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist extrem schwierig in der Ukraine als Musikerin zu leben, man verdient fast nichts. Man muss immer noch etwas nebenbei machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weil es wenig Auftrittsm\u00f6glichkeiten gibt?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Konzerte sind zwar voll, aber es gibt nur die gro\u00dfen Philharmonien in einigen Gro\u00dfst\u00e4dten, aber \u00fcberhaupt nicht die ganze Vielfalt an kleineren Spielst\u00e4tten. Ich wohne in K\u00f6ln und allein in dieser Stadt kann ich in vielen kleinen S\u00e4len spielen. In Lemberg gibt es nur die Philharmonie und vielleicht noch die Oper und das war es. Man kann vielleicht zwei bis dreimal im Jahr ein Konzert geben, mehr nicht. Der Staat will heute \u00fcberhaupt keine Musiker mehr unterst\u00fctzen. Der durchschnittliche Lohn f\u00fcr einen klassischen Musiker ist vielleicht 100 Euro.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Was gab den Ausschlag, bislang nur CDs mit ukrainischen Komponisten zu produzieren? Da geh\u00f6rt doch viel mehr Selbstbewusstsein zu, als neue Einspielungen bekannter Komponisten auf den Markt zu werfen.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich spiele nat\u00fcrlich auch gerne Chopin oder Schubert. Wenn ich mir Aufnahmen solcher Komponisten anh\u00f6re, greife ich aber meist zu Aufnahmen alter Meister. Jeder Pianist sollte sich fragen, ob er zu Chopin oder Schubert wirklich noch Neues sagen kann. Bei der ersten CD war ich noch vorsichtig und habe den unbekannten ukrainischen Komponisten Viktor Kosenko mit Werken von Alexander Skriabin kombiniert. Die gute Resonanz auf diesen Tontr\u00e4ger hat mich best\u00e4rkt, noch mehr ukrainische Musik heraus zu bringen, so entstand dann die bereits erw\u00e4hnte CD \u00bbUkrainian Moods\u00ab mit Werken von Revutsky, Kosenko, Kolessa und Schamo. Da bin ich schlie\u00dflich auf Barvinsky gesto\u00dfen und ich muss sagen: Dieser Mensch inspiriert mich. Er muss so eine helle, ehrliche Natur gewesen sein, die nur f\u00fcr die Musik gelebt hat. Und dann hat er so ein tragisches Schicksal erlitten. Das n\u00e4hrte meinen Wunsch, wenigstens heute etwas f\u00fcr ihn zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ihr Mut zu einem eigenst\u00e4ndigen k\u00fcnstlerischen Weg, verdient h\u00f6chste Anerkennung!<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Danke! Und es macht Spa\u00df, Vasyl Barvinskys Musik zu spielen. Ich freue mich auf die bevorstehende n\u00e4chste CD-Aufnahme seines Klavierkonzertes mit Orchester. Dieses Werk galt sehr lange als verschollen. Das Konzert wurde 1937 geschrieben und war bis 1993 verloren. Das Manuskript kam schlie\u00dflich in Buenos Aires wieder zum Vorschein. Barvinsky selbst muss am Ende seines Lebens geglaubt haben, dass alle seine Werke verbrannt wurden. Aber im Ausland wussten viele, dass es noch einiges von ihm geben musste. Es ist schon eine erstaunliche Geschichte mit diesem Repertoire \u2013 umso mehr freue ich mich, es jetzt aufnehmen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Interview gef\u00fchrt von Stefan Pieper, 30. November 2017]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Violina Petrychenko verweigert sich dem Repertoire-Mainstream und reanimiert die Klaviermusik ihres Landsmannes Vasyl Barvinsky. Violina Petrychenko lebt heute in K\u00f6ln, hat aber noch einen starken Bezug zu ihrer ukrainischen Heimat. Vor allem liegt ihr die dortige Musikkultur am Herzen. 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