{"id":2042,"date":"2017-12-15T18:26:09","date_gmt":"2017-12-15T17:26:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=2042"},"modified":"2017-12-18T15:57:40","modified_gmt":"2017-12-18T14:57:40","slug":"authentische-melancholie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/12\/15\/authentische-melancholie\/","title":{"rendered":"[Rezensionen im Vergleich] Authentische Melancholie"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Roland Leistner-Mayer: Streichquartette Nr. 5 op. 147, Nr. 6 \u201aUntapfere Bagatellen\u2019 op. 148 &amp; Nr. 7 op. 151 &#8211; Sojka Quartet<br \/>\nTyxArt CD TXA 17090; EAN: 4250702800903<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/0129.jpg\" rel=\"attachment wp-att-2043\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-2043\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/0129-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"330\" height=\"286\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/0129-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/0129-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/0129.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 330px) 100vw, 330px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Roland Leistner-Mayer, geboren im Februar 1945 zweieinhalb Monate vor Kriegsende im heute tschechischen Grenzort Graslitz im Vogtland und aufgewachsen bei Ingolstadt, studierte ab 1968 in M\u00fcnchen Komposition bei den lokalen Antipoden Harald Genzmer und G\u00fcnter Bialas (Genzmer war der Statthalter der neusachlich-freitonalen Hindemith\u2019schen Handwerkstradition, der einstige Max Trapp-Sch\u00fcler Bialas hingegen bezog auch die freie Zw\u00f6lft\u00f6nigkeit in sein Schaffen ein und f\u00fcrchtete den vielbeschworenen \u201eBeifall von der falschen Seite\u201c \u2013 also von den Reaktion\u00e4ren \u2013 bis ans Ende seiner Tage). Zun\u00e4chst fasziniert von den sensationellen Klangwirkungen der Avantgarde, entdeckte er Mitte der siebziger Jahre seine Liebe zu Leos Jan\u00e1cek (sein erstes Streichquartett ist eine Hommage an den b\u00f6hmischen Meister) und wandte sich vom blinden Fortschrittsglauben, dem bis heute die meisten etablierten Tonsetzer seiner Generation anh\u00e4ngen, ab. Dies, seinem Gewissen wie seinem innersten Bed\u00fcrfnis geschuldet, ruinierte allerdings seine Karriere nachhaltig. Fast alle Kritiker und Programmmacher, und auch viele charakter- und urteilsschwache Musiker, die immer zuerst nach rechts und links schauen, ob eine Kunst\u00e4u\u00dferung auch den allgemeinen Beifall der autorisierten Meinungsbildner erheischt, schlie\u00dfen aus Angst vor dem potenziellen Vorwurf, sie seien altmodischen K\u00f6dern auf den Leim gegangen, sowohl Sympathie als auch jegliche objektivierend offene Haltung gegen\u00fcber Abtr\u00fcnnigen bis heute aus. Man k\u00f6nnte ja als \u201eReaktion\u00e4r\u201c gebrandmarkt werden, was zwar harmloser als etwa der unabh\u00e4ngigen Freidenkern allgegenw\u00e4rtig auflauernde Vorwurf des \u201eAntisemitismus\u201c ist, aber doch den unsicheren Konjunkturzeitgenossen die Knie zittern l\u00e4sst. Also gehen sie auf \u201aNummer sicher\u2019 und nehmen lieber ein s\u00fc\u00dfstoffhaltiges Schaumbad im ausrichtungslosen Allerlei der umherirrenden Postmoderne auf der unerf\u00fcllbaren Suche nach einer geilen Aufmerksamkeitsspritze \u2013 denn welcher seelisch korrupte T\u00f6neschmied tr\u00e4umte nicht klammheimlich davon, mal \u00e4hnlich skandal\u00f6s ins Rampenlicht zu geraten wie einst Strawinsky oder Var\u00e8se. Auch wenn das Neue heute so ganz woanders liegt als auf der Linie des einst die B\u00fcrger dissonanzgeladen Erschreckenden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Roland Leistner-Mayers Streichquartette Nr. 5-7 entstanden in den Jahren 2014-2016. Sie bestechen vor allem durch die eindringliche Fantasie und den seelischen Reichtum der Harmonien und harmonischen Bez\u00fcge. Melodisch liebt Leistner-Mayer narrativ m\u00e4andernde Energie, die lange zusammenh\u00e4ngende Stimmungsgebilde erm\u00f6glicht. In metrischer Hinsicht verf\u00e4hrt er so einfach wie unmissverst\u00e4ndlich und zieht fast immer den Taktwechsel der auch m\u00f6glichen Verschiebung der Betonung innerhalb des Metrums vor. Dies sorgt f\u00fcr ausgesprochene Pr\u00e4gnanz des Moments und verleiht der Musik eine holzschnittartige Wirkung, zumal auch sein \u2013 durchaus handwerklich geschliffener \u2013 Kontrapunkt auch eher gemeinsame als gegeneinander versetzte Knotenpunkte des energetischen Verlaufs aufweist. Am sch\u00f6nsten ist seine Musik in jenen langsamen S\u00e4tzen, wo er eine maximale Einfachheit zul\u00e4sst, also auch mit dem Kontrapunktieren sehr sparsam verf\u00e4hrt, wie vor allem im herrlichen \u201aRicordanza\u2019-Larghetto des siebens\u00e4tzig programmatischen 6. Quartetts. Hier vermag er in der gesanglichen Direktheit der Empfindungs\u00fcbertragung, fern jeglichen Anflugs von Pr\u00e4tention, den H\u00f6rer ganz unmittelbar zu ber\u00fchren und zu r\u00fchren, und erz\u00e4hlt ihm eine so pers\u00f6nlich authentische wie melancholisch hinrei\u00dfende Geschichte. Leistner-Mayer ist zutiefst Melancholiker, seine Musik spricht eine \u00fcberwiegend introvertierte, wehm\u00fctige Sprache, auch wenn der Gegenpol des l\u00e4ndlich Bukolischen, durchaus auch hemds\u00e4rmelig Zupackenden, immer wieder zum Zuge kommt und einen urspr\u00fcnglichen Humor offenbart. Das ist keine Musik f\u00fcr gebildete Lackaffen, sondern f\u00fcr alle, insofern sie es zulassen k\u00f6nnen, sich auch intensiv schwerm\u00fctig anr\u00fchren zu lassen. Und Leistner-Mayers Musik ist sehr dramatisch und arbeitet mit klar konturierten Kontrasten, hat ihr charakteristisches Pathos. Hier spricht einer von dem, was er erlebt, und niemals von etwas, das er sich und anderen vorgaukeln w\u00fcrde. Mangel an Ehrlichkeit wird man hier so wenig finden wie die kosmopolitisch glatte Eleganz mancher ganz im Trend liegenden j\u00fcngeren Kollegen, und so sehr seine Musik aus der Tradition gewachsen und unverbr\u00fcchlich in ihr verankert ist, so wenig l\u00e4sst er sich auf selbstverliebte Recyclingspielchen mit der Musikgeschichte ein, weder im post-adornitisch gebrochenen noch im neopopul\u00e4r naivistischen Sinne. Leistner-Mayer schreibt nur das, was ihm wesentlich erscheint, und das sp\u00fcrt man. Wer das mag und sich darauf einl\u00e4sst, kann eine wohltuende Einfachheit hinter allem expressiven Dr\u00e4ngen sp\u00fcren, und eben \u2013 bei aller Abwendung vom modeschmucktr\u00e4chtigen Glamour \u2013 eine Ausgerichtetheit, die ihr Ma\u00df aus dem ganz eigenen Bezug zu den Erscheinungen bezieht. Sehr sch\u00f6n sind insbesondere auch die lang gedehnten Entwicklungsz\u00fcge der beiden anspruchsvollen langsamen S\u00e4tze des 7. Quartetts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Sojka Quartet l\u00e4sst sich \u201amit Leib, Seele und Verstand\u2019 auf diese Musik ein und bezaubert mit angemessener Echtheit des Ausdrucks, agiert auch in sehr heiklen Passagen mit kerniger Kraft und Selbstbewusstsein. Bez\u00fcglich der Tempi, zumal der Tempowechsel und vieler agogischer Details bin ich zwar oftmals nicht so gl\u00fccklich, doch das ist auch ein sehr diffiziles Feld. Auch wird immer wieder der Pianissimo-Bereich hin zu einem bequemeren \u201aMezzo\u2019 nivelliert, was die gesangliche Phrasierung zwar f\u00fcr den Moment vereinfacht, jedoch die formbildenden Gegens\u00e4tzlichkeiten abschw\u00e4cht. Aufnahmeklang und der makellos wesentliche Booklettext sind durchaus zufriedenstellend, wenngleich die Graphik nicht gerade Bestnoten f\u00fcr die Leserlichkeit verdient.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Christoph Schl\u00fcren, Dezember 2017]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roland Leistner-Mayer: Streichquartette Nr. 5 op. 147, Nr. 6 \u201aUntapfere Bagatellen\u2019 op. 148 &amp; Nr. 7 op. 151 &#8211; Sojka Quartet TyxArt CD TXA 17090; EAN: 4250702800903 Roland Leistner-Mayer, geboren im Februar 1945 zweieinhalb Monate vor Kriegsende im heute tschechischen Grenzort Graslitz im Vogtland und aufgewachsen bei Ingolstadt, studierte ab 1968 in M\u00fcnchen Komposition bei &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/12\/15\/authentische-melancholie\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">[Rezensionen im Vergleich] Authentische Melancholie<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[221,2305,2306,2189],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2042"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2042"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2042\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2049,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2042\/revisions\/2049"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2042"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2042"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2042"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}