{"id":2051,"date":"2017-12-20T16:37:21","date_gmt":"2017-12-20T15:37:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=2051"},"modified":"2017-12-20T16:37:30","modified_gmt":"2017-12-20T15:37:30","slug":"erstklassiges-orchester-fuer-genzmer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/12\/20\/erstklassiges-orchester-fuer-genzmer\/","title":{"rendered":"Erstklassiges Orchester f\u00fcr Genzmer"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">Harald Genzmer: Konzert f\u00fcr Klavier und Orchester Nr. 1 (1942); Konzert f\u00fcr Violoncello und Orchester (1950); Konzert f\u00fcr Posaune und Orchester (1999)<\/p>\n<p>RSO Berlin, Leitung: Ariane Matiakh; Klavier: Oliver Triendl; Violoncello: Patrick Demenga; Posaune: J\u00f6rgen van Rijen<\/p>\n<p>Label: Capriccio, Katalog-Nr.: C5330; EAN: 845221053301<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Grete0032.jpg\" rel=\"attachment wp-att-2052\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-2052\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Grete0032-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"338\" height=\"293\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Grete0032-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Grete0032-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Grete0032.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 338px) 100vw, 338px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Anl\u00e4sslich des 10. Todestags des Komponisten Harald Genzmer gab es dieses Jahr viele Feierlichkeiten: Nicht nur gab es mehrere Neu-Aufnahmen seiner Werke, es wurden auch Konzert-Wochenenden, Wettbewerbe und Sonderveranstaltungen im Namen des Komponisten ausgerichtet, vor allem in M\u00fcnchen. In M\u00fcnchen lehrte Genzmer von 1957 bis 1974 Komposition an der Hochschule f\u00fcr Musik und blieb auch danach der Stadt verbunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Harald Genzmer ist der wohl bekannteste Sch\u00fcler Paul Hindemiths, und seine Tonsprache ist der des sp\u00e4ten Hindemith zum Teil so frappierend \u00e4hnlich, dass man sich wundern muss, warum Paul Hindemiths Musik von den Nazis als \u201eentartet\u201c verfemt wurde, w\u00e4hrend Harald Genzmer es sogar in die sogenannte Gottbegnadeten-Liste schaffte, in der Goebbels und Hitler noch 1944 pers\u00f6nlich die ihrer Meinung nach \u201ebegnadetsten\u201c Kunstschaffenden des zu der Zeit schon dem Untergang geweihten \u201edritten Reichs\u201c auflisteten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Unter den vielen Neuerscheinungen, die zu Genzmers 10. Todestag erschienen sind, ist die Einspielung dreier gro\u00dfer Instrumentalkonzerte des Komponisten durch das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin wohl eine der ganz bedeutenden. Im Konzert f\u00fcr Klavier und Orchester Nr. 1 zeigt sich Genzmer ganz und gar seinem ber\u00fchmten Mentor verpflichtet. Das ganze St\u00fcck wirkt wie eine Vorausschau auf Hindemiths eigenes sp\u00e4tes Klavierkonzert (1945). Dabei ist Genzmer st\u00e4rker als Hindemith einer ganz lyrischen Moderne verpflichtet, wirkt insgesamt \u201ezahmer\u201c als der Hindemith jener Jahre. Dabei darf man wohl nicht vergessen, dass Hindemith im US-Exil komponierte, w\u00e4hrend Genzmer im Kompositionsjahr des Klavierkonzerts zu den von der nationalsozialistischen Kulturpolitik tolerierten, gar gef\u00f6rderten Komponisten geh\u00f6rte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das Cellokonzert aus dem Nachkriegsjahr 1950 zeigt einen moderneren, expressiveren Komponisten. Genzmer scheint hier auch dem Fahrwasser Hindemiths zunehmend zu entkommen, wenngleich vereinzelte harmonische Wendungen noch immer direkt \u201eMathis der Maler\u201c oder dem \u201eSchwanendreher\u201c entsprungen sein k\u00f6nnten. Beeindruckend ist die Behandlung der tiefen Blechbl\u00e4ser in diesem Konzert, die immer wieder vollmundige Akzente im satt besetzten Orchester setzen. Der ganze Ensembleklang schwelgt in den mittleren und tiefen Registern und macht das St\u00fcck zu einem richtig fetten Sahnehappen.<br \/>\nDas abschlie\u00dfende Posaunenkonzert ist ein Sp\u00e4twerk Genzmers, der im Kompositionsjahr 1999 seinen 90. Geburtstag feiern konnte. Wie vieles aus Genzmers sp\u00e4tem Schaffen wirkt einiges an diesem St\u00fcck (\u2026mit seinem ausgesprochen \u201eHonneger\u2019schen\u201c Finale\u2026) wesentlich weniger organisch und auch weniger \u00fcberzeugend als die Werke aus der Zeit von den 1930er-Jahren bis Ende der 1950er. Ich habe den Eindruck, dass in den sp\u00e4ten Werken Genzmers zuweilen die kompositorische Technik \u00fcber die musikalische Erfindung obsiegt. Oder anders ausgedr\u00fcckt: Komponieren ist in diesen Werken bisweilen zum Handwerk geworden, das technisch zwar einwandfreie St\u00fccke hervorbringt, die \u201eauf dem Papier\u201c als geradezu musterg\u00fcltig durchgehen, w\u00e4hrend sie an Geschmack verlieren und bisweilen mehr \u201egewollt\u201c als \u201eempfunden\u201c klingen, wenn man sie h\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Insgesamt wird Genzmer auch in der historischen R\u00fcckschau wohl nie zu den \u201eA-Liga\u201c-Komponisten geh\u00f6ren. Dazu ist sein \u0152uvre zu wenig eigenst\u00e4ndig und auch qualitativ zu wenig ausgewogen. Aber Genzmer ist doch in vielerlei Hinsicht auch eine sehr interessante Stimme des 20. Jh., die immer wieder h\u00f6renswerte Musik geschrieben hat, die vor allem bei den Fans von Hindemith, Strawinsky, Martin\u016f oder Honegger auf offene Ohren sto\u00dfen m\u00fcsste. Es ist sch\u00f6n, dass das Genzmer-Jubil\u00e4umsjahr 2017 zu einigen klingenden W\u00fcrdigungen seines Schaffens gef\u00fchrt hat, wenngleich beim Label Thorofon fast das gesamte Werk des Komponisten in durchaus empfehlenswerten Einspielungen bereits seit langem vorlag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Diese Aufnahmen des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin unter der Leitung der ausgesprochen interessanten Dirigentin Ariane Matiakh kann man indes loben: Sie haben in Oliver Triendl, Patrick Demenga und J\u00f6rgen van Rijen nicht nur bemerkenswerte Solisten zu bieten, die sich in diesen gro\u00dfen Instrumentalkonzerten allesamt von ihrer besten Seite zeigen, sondern es gehen hier auch viele Pluspunkte auf das Konto des Orchesters. Zwar hat Genzmer eigentlich immer sehr orchesterdienlich geschrieben (wohl auch, um die Auff\u00fchrung seiner St\u00fccke f\u00fcr m\u00f6glichst viele Ensembles (auch die weniger professionellen) zu erm\u00f6glichen), aber es ist ein Unterschied, ob solche Werke einfach \u201egespielt\u201c werden oder wirklich interpretiert. Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin schafft eine echte Interpretation der Musik, und dabei eine sehr geschmackvolle.<br \/>\nDie Ausgewogenheit der Stimmen, die feinen Klangfarben, der insgesamt (auch von der hervorragenden Klangtechnik der Deutschlandfunk-Tonmeister im 1 A-Sound eingefangene) Orchesterklang mit seinen seidigen Streichern und wunderbaren Bl\u00e4sern ist sehr zu loben. Das ist sicher, neben dem absolut erstklassigen Orchester, auch Dirigentin Ariane Matiakh zu verdanken, die man beim Label Capriccio schon \u00f6fters positiv wahrnehmen konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wenn es einen Kritikpunkt gibt, den man dieser Aufnahme anlasten k\u00f6nnte (und der auf eine zu kurze, der Aufnahme vorangegangene Probenzeit hindeutet), so ist es das h\u00e4ufige Missachten der \u201egro\u00dfen Linien\u201c, die Genzmer in seine Partituren hineingeschrieben hat.<br \/>\nWie kaum ein anderer Komponist seiner Zeit denkt Genzmer in gro\u00dfen Zusammenh\u00e4ngen, die \u00fcber das blo\u00dfe Phrasieren zum Teil weit hinausgehen. Bei Genzmer kann eine \u201ePhrase\u201c minutenlang dauern. Dass dies in der vorliegenden Aufnahme oft nicht erkannt wurde (w\u00e4hrend es beim H\u00f6ren ebenso oft auff\u00e4llt), ist der in meinen Augen einzige wirkliche Minuspunkt, der zwar sehr schade aber (zumal mangels Alternativen) verschmerzbar ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>[Grete Catus, Dezember 2017]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Harald Genzmer: Konzert f\u00fcr Klavier und Orchester Nr. 1 (1942); Konzert f\u00fcr Violoncello und Orchester (1950); Konzert f\u00fcr Posaune und Orchester (1999) RSO Berlin, Leitung: Ariane Matiakh; Klavier: Oliver Triendl; Violoncello: Patrick Demenga; Posaune: J\u00f6rgen van Rijen Label: Capriccio, Katalog-Nr.: C5330; EAN: 845221053301 Anl\u00e4sslich des 10. 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