{"id":2060,"date":"2017-12-25T22:21:18","date_gmt":"2017-12-25T21:21:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=2060"},"modified":"2017-12-25T22:22:01","modified_gmt":"2017-12-25T21:22:01","slug":"im-leidenschaftlichen-wettstreit-mit-sich-selbst","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/12\/25\/im-leidenschaftlichen-wettstreit-mit-sich-selbst\/","title":{"rendered":"Im leidenschaftlichen Wettstreit mit sich selbst"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><strong>Stefan Tarara misst sich an den Solosonaten von <\/strong><strong>Eug\u00e8ne Ysa\u00ffe:<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Der erste Preis beim George Enescu Violinwettbewerb markierte f\u00fcr den Geiger Stefan Tarara auch in pers\u00f6nlicher Hinsicht einen Meilenstein: Tarara, der im Jahr 2015 sein Studium in Z\u00fcrich bei Zakhar Bron abschloss, f\u00fchlt sich durch seine rum\u00e4nischen Eltern dem Namensgeber dieses international bedeutsamen Wettbewerbs seelenverwandt. Wenn er es auf seiner aktuellen CD mit den Sonaten des Belgiers Eug\u00e8ne Ysa\u00ffe solistisch aufnimmt, tritt Tarara in einen leidenschaftlichen Wettstreit mit sich selbst. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Ich habe gerade in einem Video Ihre irrwitzigen Arpeggienspr\u00fcnge bei Paganini bewundert. Stimmen Sie damit \u00fcberein, dass Paganinis Capricen eigentlich sehr angenehm zu spielen sind, weil sie so \u201egeiger-gerecht\u201c gesetzt sind?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Es stimmt, aber es muss immer noch gr\u00fcndlich ge\u00fcbt werden und schwer bleibt es dennoch. Aber Sie haben recht, es gibt viel Musik, die noch deutlich gemeiner geschrieben ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Hat er die ganzen Sachen f\u00fcr sich selber geschrieben, damit er sich beim Spielen wohl f\u00fchlt?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Vieles hat Paganini gar nicht selber geschrieben. Die Capricen und andere gro\u00dfen Werke sind von ihm pers\u00f6nlich, aber vieles haben seine Sch\u00fcler f\u00fcr ihn gemacht. Einiges ergab sich direkt aus seinem Spiel. Und er hatte immer eine panische Angst, dass es ihm jemand gleich tut und dass da jemand ist, der noch etwas virtuoser und fetziger spielt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Geht es auch Ihnen heute darum, besser als andere zu sein? <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Im Wettstreit liegt der Reiz, sein bestes zu geben und Anerkennung zu bekommen. Aber den st\u00e4rksten Wettbewerb tr\u00e4gt man mit sich selber aus. Da geht es gegen sich selbst und nicht gegen andere. Der Erfolg h\u00e4ngt immer von der Tagesform ab. Alles kann sich im n\u00e4chsten Moment schon wieder \u00e4ndern. Es gibt so viele Variablen. Am wichtigsten ist es, sich selbst treu zu bleiben. Aber Musik ist ja nicht nur Wettstreit. Es geht in erster Linie darum, Menschen zu verbinden. Wer Kammermusik macht, profitiert immer von anderen Menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Welche Erfahrungen haben Sie bei den Wettbewerben gemacht? <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Sie haben in den letzten Jahren sehr viel Spa\u00df gemacht. Man muss eine ganz bestimmtes Mindset mitbringen. Bei den gro\u00dfen Wettbewerben sind viele Medien involviert und vieles wird heute per Livestream \u00fcbertragen, so dass man hier wahrgenommen wird. Ich will hier nat\u00fcrlich das beste geben\u00a0 &#8211; und im Kopf bleibt der Wunsch, den ersten Preis zu bekommen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Was unterscheidet ein Wettbewerbsvorspiel von einem Publikumskonzert? <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der Unterschied wird mir erst jetzt so richtig bewusst, wo ich auch viel als P\u00e4dagoge t\u00e4tig bin und auch selber in der Jury sitze: Dort sitzen Leute, die vor allem die Fehler z\u00e4hlen. Die meisten Zuschauer wollen aber die sch\u00f6nen Momente erleben. Das sind unterschiedliche Ausgangssituationen. Also richte ich beim Wettbewerbsspiel ein besonderes Augenmerk auf Intonation, Rhythmus und Stabilit\u00e4t. Das geh\u00f6rt nat\u00fcrlich auch im Konzert unmittelbar dazu, aber hier steht noch mehr der Ausdruck und die musikalische Linie im Vordergrund.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Und daf\u00fcr muss man auch mal einen Fehler zulassen d\u00fcrfen. Ein Chirurg kann sofort einen Menschen umbringen, wenn er einen Fehler macht. Diese Gefahr besteht bei uns Musikern zum Gl\u00fcck nicht. Aber wir k\u00f6nnen Menschen zu Tode langweilen. Im Wettbewerb braucht es objektive Richtwerte, Intonation, Interpretation, Textgenauigkeit und Rhythmus. Trotzdem sollte niemand einen Wettbewerb gewinnen, der einfach nur richtige T\u00f6ne spielt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Was leisten Wettbewerbe \u00fcberhaupt f\u00fcr die eigene Karriere? <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich bekomme kostenlose Werbung. Das ist das, was f\u00fcr mich am wichtigsten als Interpret ist. Es haben mich mehrere Leute geh\u00f6rt. Vielleicht gibt es welche, denen es gefallen hat. Die Chance, woanders eingeladen zu werden, steigt immens. Das ist am wichtigsten. Es geht mir darum, die Leute zuhause hinter den Screens zu \u00fcberzeugen &#8211; ebenso die 1000 bis 1500 Leute, die im Saal sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Es geht immer um Erfahrung. Wenn man gut vorbereitet ist und einen guten Tag hat, er\u00f6ffnet dies die\u00a0 Chance, sich einem riesigen Publikum zu pr\u00e4sentieren. Das Preisgeld ist sowas von egal.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Vor allem der erste Preis im Enescu Wettbewerb hat mich extrem nach oben katapultiert. Das hat auch etwas mit meiner pers\u00f6nlichen Pr\u00e4gung zu tun. Meine Eltern kommen aus Rum\u00e4nien und ich bin zweisprachig aufwachsen. Ich bin mit der Musik Enescus wirklich gro\u00df geworden. Es war ein Traum f\u00fcr mich, Enescu in Rum\u00e4nien zu spielen \u2013 eben dort, wo er herkommt. Ein anderer Wettbewerb, in dem ich \u201enur\u201c einen dritten Preis bekommen habe, hat fast ebenso viel f\u00fcr die Karriere geleistet, n\u00e4mlich der Wieniawski-Wettbewerb in Polen. Die Polen lieben diesen Wettbewerb und unterst\u00fctzen ihre K\u00fcnstler ohnegleichen. Vor allem diese beiden Wettbewerbe haben sehr viel bewirkt. Auf einmal haben mich viele Labels angeschrieben. Vorher war ich es, der die Labels anschrieb, was nicht so viel gebracht hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Warum haben Sie sich f\u00fcr diese Solo-CD f\u00fcr Eugene Isayes Solosonaten entschieden? <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich habe Ysayes Sonaten durchg\u00e4ngig seit meiner Jugend angeh\u00f6rt. Vor allem die Einspielung von Frank Peter Zimmermann hat mich von klein auf stark inspiriert. Zimmermann war f\u00fcr mich ein Riesen-Idol. Es war ein st\u00e4ndiger Traum, sie mal selbst zu spielen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Was fordert Sie in dieser Musik besonders heraus? <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Es wird durchaus s\u00e4mtliche Paganini-artige Virtuosentechnik abverlangt. Aber Isayes Virtuosit\u00e4t kommt viel \u201emusikalischer\u201c daher.\u00a0 Die Sonaten sind nat\u00fcrlich auch stark von Bach beeinflusst. Eine N\u00e4he zu George Enescu ist ebenfalls stets pr\u00e4sent. Ysayes Sonaten sind verschiedenen Personen gewidmet. Er wollte gewisserma\u00dfen auf moderne Art eine \u201eBachsonate\u201c schreiben. Jede Sonate hat einen eigenen Charakter. Da lebt beispielsweise Fritz Kreislers S\u00fc\u00dflichkeit in einer der Sonaten. Wir haben in der sechsten Sonate einen ausgepr\u00e4gt spanischen Charakter, sogar mit einer Habanera. Aber bei allen vielf\u00e4ltigen Einfl\u00fcssen kann man Isayes Stempel in jeder Note finden. Er hat seinen eigenen Stil, Polyphonie zu schreiben, den niemand sonst geschafft hat. Das hier ist eine andere, moderne, virtuose Polyphonie. Und ich muss ganz ehrlich sagen: Isaye kann einen Tick besser mit\u00a0 geigerischen Aspekten umgehen als Bach. Ysaye hat doch etwas besser gewusst, wo die St\u00e4rken der Geige liegen. Wenn ich mir Bachs wohltemperiertes Klavier anh\u00f6re, ist da eine vollendete Perfektion. Aber es bleibt eine Bachfuge f\u00fcr Geige, bei der zu vieles vom Klavier her gedacht ist mit allen sich daraus ergebenden Limitierungen. Ysaye ist doch vielmehr von den technischen Gegebenheiten der Geige ausgegangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Der ber\u00fchmte \u201eDies Irae\u201c &#8211; Choral hat es Ysaye ja auch sehr angetan!<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Er hat dieses Thema in der zweiten Sonate im Sinne von Bach paraphrasiert. Das wirkt hier oft richtig improvisatorisch. Die zweite Sonate ist die eing\u00e4ngigste von allen sechs. Wer bislang noch gar nicht mit Ysaye in Ber\u00fchrung kam, sollte als erstes die zweite Sonate h\u00f6ren!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Wie waren Ihre Konzerterfahrungen mit diesen Sonaten? <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich habe schon \u00f6fter einzelne Sonaten in ein Programm eingabaut. Alle sechs in einem Programm zu spielen ist sehr schwer f\u00fcr ein Publikum. Das kann schnell erm\u00fcden. Da kommen mehrere unterschiedliche Farben viel besser beim Publikum an. Man muss an seine Zuh\u00f6rer denken. Und klassische Musik h\u00f6ren ist immer viel Konzentrationsarbeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Sie erw\u00e4hnten vorhin den Wettstreit mit sich selbst? Stehen diese Sonaten idealtypisch f\u00fcr dieses Prinzip? <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Durchaus. Es geht darum, als eine Person Gef\u00fchle heraus zu bringen, die sonst ein ganzes Orchester freisetzt. Man ist als Solist viel freier, kann sich viel erlauben. Andererseits darf man sich auch nicht zu frei f\u00fchlen, das bekommt dann sehr schnell einen sagen wir mal zigeunerischen Charakter. Man will sich ja auch in einer klaren, pr\u00e4zisen Struktur pr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Hilft daf\u00fcr auch die Kompetenz des Wettbewerbsspiels?\u00a0 <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Auf jeden Fall. Hier flie\u00dfen zwanzig Jahre Hausaufgaben ein, die ich gemacht habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>[Interview gef\u00fchrt von: Stefan Pieper, Dezember 2017]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stefan Tarara misst sich an den Solosonaten von Eug\u00e8ne Ysa\u00ffe: Der erste Preis beim George Enescu Violinwettbewerb markierte f\u00fcr den Geiger Stefan Tarara auch in pers\u00f6nlicher Hinsicht einen Meilenstein: Tarara, der im Jahr 2015 sein Studium in Z\u00fcrich bei Zakhar Bron abschloss, f\u00fchlt sich durch seine rum\u00e4nischen Eltern dem Namensgeber dieses international bedeutsamen Wettbewerbs seelenverwandt. &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2017\/12\/25\/im-leidenschaftlichen-wettstreit-mit-sich-selbst\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Im leidenschaftlichen Wettstreit mit sich selbst<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[361],"tags":[394,800,801],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2060"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2060"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2060\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2062,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2060\/revisions\/2062"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2060"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2060"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2060"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}