{"id":2104,"date":"2018-01-11T21:40:47","date_gmt":"2018-01-11T20:40:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=2104"},"modified":"2018-01-11T21:40:54","modified_gmt":"2018-01-11T20:40:54","slug":"zu-recht-legendaer-gieseking-spielt-debussy","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2018\/01\/11\/zu-recht-legendaer-gieseking-spielt-debussy\/","title":{"rendered":"Zu Recht legend\u00e4r? Gieseking spielt Debussy"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">Claude Debussy \u2013 The Piano Works; Walter Gieseking (Klavier)<br \/>\nLabel: Warner Classics<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Grete0035.jpg\" rel=\"attachment wp-att-2105\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-2105\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Grete0035-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"260\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Grete0035-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Grete0035-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Grete0035.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das, was die einstigen \u201eMajorlabels\u201c wie EMI\/Warner, RCA\/Sony oder Deutsche Grammophon\/Decca\/Universal heute noch k\u00f6nnen, ist das eifrige Polieren der Sch\u00e4tze von gestern, respektive vorgestern. W\u00e4hrend aktuelle Releases der zuvor genannten Labels immer belangloser und austauschbarer werden, verkaufen sich die Wiederver\u00f6ffentlichungen aus dem Archiv offenbar bestens und anscheinend auch stetig und nachhaltig. Sonst w\u00fcrden wohl kaum immer mehr und mehr alte historische Aufnahmen in preisg\u00fcnstigen bis direkt gesagt billigen Boxen von den \u201eMajors\u201c serviert.<br \/>\nWarner Classics (der heutige Rechte-Inhaber des riesigen Katalogs der verblichenen EMI) hat nun eine ganze Reihe von sehr uneinheitlichen Aufnahmezyklen in Boxen zum fast schon unangenehm billigen Preis auf den Markt geworfen. Und so kommt man schon f\u00fcr um die neun oder zehn Euro neuerdings auch in den Besitz von Debussys mehr oder weniger vollst\u00e4ndigem Klavierwerk in der legend\u00e4ren Gesamtaufnahme (bzw. was man damals daf\u00fcr hielt) von Walter Gieseking aus den fr\u00fchen bis mittleren 1950er-Jahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Auf 5 CDs ist der Pianist zu h\u00f6ren, dem man zu Lebzeiten (und auch heute noch) nachsagte, er habe wie kein Zweiter die Seele Debussys wiedergegeben, was so weit ging, dass Zeitgenossen Giesekings meinten, er sei ein so unvergleichlicher Debussy-Pianist, dass er einer pianistischen Reinkarnation des Komponisten gleichk\u00e4me. Dies ist insofern von Bedeutung, weil es zu Giesekings Lebzeiten durchaus noch H\u00f6rer gegeben haben mag, die imstande gewesen sein k\u00f6nnten, einen Vergleich mit dem eigenen Spiel des gut 30 Jahre \u00e4lteren Komponisten Debussy anzustellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wir Nachgeborenen k\u00f6nnen uns nur noch anhand von Tondokumenten orientieren: Dabei zeigen Debussys eigene \u201eAufnahmen\u201c f\u00fcr die Welte-Mignon-Selbstspiel-Klaviere in der Tat gewisse Parallelen zum Stil Giesekings: Eine gewisserma\u00dfen \u201etrockenere\u201c, weniger lyrische Herangehensweise an Debussys Kompositionen, als man das heute meistens gewohnt ist. Es ist au\u00dferdem sehr interessant zu h\u00f6ren, wie in diesen Interpretationen (sowohl in denen des Komponisten als auch in jenen Giesekings) doch h\u00e4ufig die deutsche Schule durchzuschimmern scheint, als deren eigentliche Antithese Debussy heute nicht selten gesehen wird (was man so schwarz-wei\u00df-malerisch aber eben auch nicht sehen kann).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Witzigerweise sind Debussys eigene Lochstreifen-Aufnahmen f\u00fcr Welte-Mignon aus den 1910er-Jahren bis heute in makelloser Qualit\u00e4t reproduzier- und aufnehmbar, w\u00e4hrend Giesekings Einspielungen merklich und h\u00f6rbar ihr Alter vermitteln (was vielleicht vermeidbar gewesen w\u00e4re, aber dazu kommen wir noch). Einst erschienen sie auf mehreren Labels zeitgleich: Angel Records in UK, Columbia in US und in vielen anderen L\u00e4ndern, sp\u00e4ter wechselten sie einheitlich zum EMI-Label, heute bekommen wir sie von Warner Classics. Der kongeniale Plattenproduzent Walter Legge hatte Walter Gieseking, dem sein Ruf als \u201eunvergleichlicher\u201c Debussy-Interpret vorauseilte, ab 1951 ins Studio gebeten, um mit ihm unverg\u00e4ngliche Referenzaufnahmen anzufertigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In gewisser Weise hat das auch geklappt: Jedenfalls sind die Gieseking-Einspielungen bis zum heutigen Tag in fast jeder \u201eReferenz\u201c-Liste zu finden, die sich mit Debussy auseinandersetzt. Und es hat auch wieder nicht geklappt, denn erstens setzte sich schon wenige Jahre nach den Aufnahmesessions mit Gieseking die Stereo-Technik durch, und die Mono-Einspielungen Giesekings wurden damit (in den Augen vieler Technikbegeisterter) f\u00fcr lange Zeit obsolet. Zweitens ist in dem beeindruckenden Debussy-Konvolut Giesekings eben auch einfach nicht alles \u201eReferenz\u201c, mal ganz abgesehen davon, ob man sich mit Giesekings vergleichsweise n\u00fcchternem Stil \u00fcberhaupt anfreunden mag: Das fordert manchem heutzutage vielleicht etwas Eingew\u00f6hnung ab, wo wir es doch allzu oft gewohnt sind, Debussy anders, schwelgerischer, grenzg\u00e4ngerischer, avantgardistischer und ja, vielleicht auch kitschiger serviert zu bekommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Geht man objektiv an die Sache heran, f\u00e4llt zun\u00e4chst auf, dass Gieseking zwar ein fabelhafter Pianist mit wunderbaren Klangfarben und einem grandiosen Anschlag gewesen sein muss (die Tontechnik l\u00e4sst allerdings nicht immer einwandfreie Schl\u00fcsse zu), dass es aber auch zu seiner Zeit schon bessere Techniker gegeben hat. Besonders f\u00e4llt dies nat\u00fcrlich bei Debussys \u00c9tudes auf, die man definitiv anderswo nicht nur sauberer, sondern auch gehaltvoller gespielt bekommt als von Gieseking. Und so zeigt sich eigentlich der gesamte Zyklus der Aufnahmen Giesekings von uneinheitlicher Gr\u00f6\u00dfe: Bei den Images, Estampes, Pr\u00e9ludes und Children\u2019s Corner in Giesekings Interpretation w\u00fcrde auch ich bei der Einstufung \u201eReferenz\u201c nicht lange z\u00f6gern, unter der Voraussetzung, dass es eine Referenz unter mehreren m\u00f6glichen ist. Die Suite bergamasque, einige der einzelnen Solost\u00fccke, Pour le Piano und vor allem die 12 \u00c9tudes muss man meiner Meinung aber nicht unbedingt von Gieseking haben. Da gibt es gen\u00fcgend modernere Alternativen, die mindestens gleichwertig, wenn nicht \u00fcberlegen sind. Ich finde vor allem Giesekings Pedalarbeit manchmal geradezu schludrig, was dann doch \u00fcberrascht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Kommen wir abschlie\u00dfend zum \u00c4rgerlichsten an dieser Box: Dem Klang. Dieser mag bereits ab Original limitiert gewesen sein, aber die vielgelobten Restaurateure der Abbey Road-Studios haben sich hier auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Die hier angewandte \u201eMethode Holzhammer\u201c, bei der einfach die H\u00f6hen rausgedreht werden, um wahlweise Bandrauschen oder Plattenknacksen zu eliminieren, war auch 2011, als dieses \u201eRemastering\u201c entstand, eigentlich ein \u201eNo Go\u201c. Wie fantastisch selbst deutlich fr\u00fchere Mono-Aufnahmen bis in die 1930er-Jahre hinein klingen k\u00f6nnen, wenn man sich mit einem gewissen \u201eGrundrauschen\u201c zufrieden gibt (was meistens wesentlich besser ist, als zu versuchen, jegliche Nebenger\u00e4usche, vor allem statische Nebenger\u00e4usche wie Bandrauschen oder Plattenknacksen, ganz auszuschalten), zeigen Archivver\u00f6ffentlichungen anderer Labels oder auf die Restaurierung historischer Aufnahmen spezialisierter Firmen. Hier h\u00e4tte definitiv mehr herausgeholt werden k\u00f6nnen und m\u00fcssen: Der flache, dumpfe Klang dieser Box ist meiner Vermutung zufolge wohl eher eine Verschlechterung gegen\u00fcber den originalen LPs, was einen auch zum Preis von neun Euro einfach \u00e4rgert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Fazit: Zweifellos interessante Aufnahmen von hohem Wert, die aber qualitativ durchaus Untiefen aufweisen, kommen hier zum Billigstpreis und in einem eher drittklassigen Remastering ins Haus. Ob man das braucht oder doch lieber zu moderneren Alternativen greift (selbst, wenn auf diesen dann nicht der Name Gieseking prangt), ist auf jeden Fall eine kritische \u00dcberlegung wert.<\/p>\n<p><strong>[Grete Catus, Januar 2018]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Claude Debussy \u2013 The Piano Works; Walter Gieseking (Klavier) Label: Warner Classics Das, was die einstigen \u201eMajorlabels\u201c wie EMI\/Warner, RCA\/Sony oder Deutsche Grammophon\/Decca\/Universal heute noch k\u00f6nnen, ist das eifrige Polieren der Sch\u00e4tze von gestern, respektive vorgestern. W\u00e4hrend aktuelle Releases der zuvor genannten Labels immer belangloser und austauschbarer werden, verkaufen sich die Wiederver\u00f6ffentlichungen aus dem Archiv &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2018\/01\/11\/zu-recht-legendaer-gieseking-spielt-debussy\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Zu Recht legend\u00e4r? 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