{"id":2111,"date":"2018-01-13T15:42:19","date_gmt":"2018-01-13T14:42:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=2111"},"modified":"2018-01-13T15:42:19","modified_gmt":"2018-01-13T14:42:19","slug":"aus-dem-leben-eines-bettlers-masha-dimitrieva-ueber-gordon-sherwood","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2018\/01\/13\/aus-dem-leben-eines-bettlers-masha-dimitrieva-ueber-gordon-sherwood\/","title":{"rendered":"Aus dem Leben eines Bettlers &#8211; Masha Dimitrieva \u00fcber Gordon Sherwood"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Die russische Pianistin Masha Dimitrieva ist Pionierin der Erschlie\u00dfung der Werke von Gordon Sherwood, ihr ist auch sein Klavierkonzert gewidmet. Oliver Fraenzke traf sie zum Interview.<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gordon Sherwood ist nach wie vor ein vollkommen unbekannter Komponist, der nie nach Ruhm suchte und dessen Musik meist nur seinen Freunden bekannt war. Sie gelten als Entdeckerin seiner Musik, Frau Dimitrieva, und sind die Erste, die sie im gro\u00dfen Rahmen aufgef\u00fchrt und auf CD eingespielt hat. Aber wie wurden Sie auf ihn aufmerksam und lernten ihn kennen? In einem kurzen Videoausschnitt auf der Homepage <a href=\"http:\/\/www.gordonsherwood.de\">www.gordonsherwood.de<\/a> hei\u00dft es w\u00e4hrend der Arbeit an seinem Klavierkonzert, dass auch Sie zu dem Zeitpunkt des Kennenlernens erst seit kurzem in Deutschland waren. Wo standen Sie zu dieser Zeit, wie gelangten Sie nach Deutschland und wie weit waren Sie damals auf Ihrem Weg zur Musik?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach dem Abschluss am Moskauer Tschaikowsky-Konservatorium im Jahr 1991 kam ich Anfang 1992 nach Hannover f\u00fcr ein weiteres Studium an der Hochschule f\u00fcr Musik und Theater, wo ich bei Prof. David Wild die Meisterklasse besuchte. Als gro\u00dfartiger englischer Pianist und Komponist war er derjenige, der mich mit modernen, zeitgen\u00f6ssischen westlichen\u00a0 Werken wie etwa von Gy\u00f6rgy Ligeti, Hans Werner Henze oder Helmut Lachenmann vertraut machte und dadurch auch meinen musikalischen Horizont erweiterte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend meiner Studienzeit am Tschaikowsky-Konservatorium in der damaligen Sowjetunion waren in der Sparte der modernen Musik meistens nur russische Komponisten vertreten, so zum Beispiel: Georgi Swiridow, Mieczyslaw Weinberg, Galina Ustwolskaja oder auch Sofia Gubaidulina, um einige Namen zu nennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch am Konservatorium hatte ich das Gl\u00fcck, der gro\u00dfen Sofia Gubaidulina ihre \u201aChaconne\u2019 f\u00fcr Klavier vorzuspielen und daraufhin ihre Bemerkungen und Korrekturen zu bekommen. Dies machte mich neugierig auf weitere Begegnungen mit Komponisten und die M\u00f6glichkeit, gemeinsam an ihren Werken zu arbeiten. Ich habe mich mit Begeisterung auf das moderne und teilweise unbekannte musikalischen Terrain \u201egest\u00fcrzt\u201c, um mich dann sp\u00e4ter meinem k\u00fcnstlerischen Credo, \u201eUnbekanntes bekannt zu machen\u201c, zu widmen\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erst ungef\u00e4hr vier Jahre war ich in Deutschland, als ich zuf\u00e4llig auf Arte den Film \u201eBettler in Paris\u201c (von Heiner Sylvester und Erdmann Wingert) \u00fcber den amerikanischen Komponisten Gordon Sherwood gesehen habe. Die Geschichte und die Musik dieses ungew\u00f6hnlichen Mannes haben mich sehr beeindruckt. Ich wollte und <strong>musste<\/strong> ihn unbedingt kennenlernen. Also habe ich bei der Fernsehstation angerufen und nach Sherwoods Adresse gefragt. Sherwood hatte keine Adresse hinterlassen, daf\u00fcr aber viele Telefonnummern von seinen Freunden, die \u00fcber die ganze Welt verteilt waren. So konnte man ihn ausfindig machen. \u00dcber einen Freund, der Musiker in Paris war, habe ich Gordon Sherwood gefunden, der sich zur dieser Zeit in Frankreich befand. Telefonisch habe ich mich Sherwood vorgestellt und ihn zu mir nach Bremen eingeladen. Nach einiger Zeit kam er mich tats\u00e4chlich besuchen \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unsere Begegnung war von Anfang an sehr intensiv. Als er zu mir nach Hause kam, bat er mich gleich nach der kurzen Begr\u00fc\u00dfung, ihm etwas vorzuspielen; es war etwa 10:30 Uhr morgens. Nach dem ersten St\u00fcck wollte er immer weitere St\u00fccke aus meinem Repertoire h\u00f6ren, angefangen mit Sonaten von Domenico Scarlatti bis hin zu den sp\u00e4teren Werken von Alexander Scriabin. Wenn Gordon ein Werk nicht kannte, verlangte er nach den Noten, um das Werk zu studieren und um die kompositorischen Einf\u00e4lle des Komponisten zu verinnerlichen. Nach diesem \u201aVorspielen\u2019 kam es zu Diskussionen \u00fcber die Entwicklung der Musik und seine Zielsetzung, in allen Stilen und Formen komponieren zu wollen. Um etwa 21:00 Uhr beendeten wir diesen au\u00dfergew\u00f6hnlichen \u201aMusikmarathon\u2019. Damals schon 67 Jahre alt, kannte dieser Mann scheinbar keine M\u00fcdigkeit und Zeit, wenn es um Musik ging.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDas Leben ist viel zu kurz und man kann und sollte in dieser Zeit so viel lernen wie m\u00f6glich\u201c, ist Gordon Sherwoods Motto gewesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und noch etwas anderes war ihm wichtig \u2013 es war Gordons besondere Art, den Musiker und den Menschen, der dahinter steckt, kennen zu lernen. Er war immer neugierig: auf die Musik, auf die Menschen, die L\u00e4nder und verschiedenen musikalischen Traditionen; er war offen f\u00fcr Neues, immer bereit, zu lernen, um schlie\u00dflich all diese Eindr\u00fccke in sein Werk zu integrieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Als ein Mensch der Extrema wird Sherwood ja gerne bezeichnet, der feste Anstellungen trotz guter Bezahlung ausschlug, der sich zeitweise gar als Bettler verdingte und nachts komponierte, der als Buddhist und Veganer (noch bevor es wie heute zum regelrechten Trend wurde) die Welt bereiste und bei all dem an seiner Kunst feilte. So etwas pr\u00e4gt einen Menschen ja grunds\u00e4tzlich in seinen menschlichen Intentionen und Ansichten, es erh\u00f6ht den Fokus auf bestimmte Aspekte. Wie war Sherwood als Mensch? Was waren seine Ziele, musikalisch wie au\u00dfermusikalisch? Was war ihm wichtig und was zeichnete ihn aus?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gordon Sherwood war ein umtriebiger, umhertreibender Freigeist, der die Neugierde f\u00fcrs Leben bis in seine letzten Jahre nicht verlor. Sein fast unstillbarer Wissens- und Erkenntnisdurst haben ihn als Wanderer \u00fcber ganzen den Globus und durch unterschiedlichste Kulturen gef\u00fchrt. Diese Erfahrung diente einer stetigen musikalischen Weiterentwicklung, was sich sp\u00fcrbar in seiner stilistisch so unterschiedlichen Musik erkennen l\u00e4sst. Man kann sagen, dass Sherwood musikalisch die Welt \u201eumarmte\u201c,\u00a0 die Welt mit ihrem gesamten Reichtum an Kl\u00e4ngen und Eindr\u00fccken. Sein Herz und Geist, seine kompositorischen Gef\u00fchle und Gedanken waren immer auf der Suche nach neuen Impulsen, um diese dann mit den klassischen Formen zu vereinen. \u201eDie neuen Gedanken und Einf\u00e4lle muss ich sofort notieren. Deshalb sind viele meiner St\u00fccke noch unvollendet. Das macht mich ganz nerv\u00f6s. Wenn ich 200 Jahre leben k\u00f6nnte, dann k\u00f6nnte ich vielleicht alle meine Ideen verwirklichen\u201c, sagte Gordon Sherwood oft. Tats\u00e4chlich liegen manchmal einige Jahre zwischen der ersten Idee und der Ausf\u00fchrung einer Komposition. Viele seine Gedanken ruhten Jahre, bis sie irgendwann wieder von ihm aufgenommen wurden. So war es auch mit dem Klavierkonzert op. 107, welches Gordon Sherwood mir gewidmet hat. Die Entw\u00fcrfe f\u00fcr das Klavierkonzert entstanden in den sp\u00e4ten 1950er Jahren. Erst in den 1990ern &#8211; kurz nach unserer ersten Begegnung &#8211; vollendete er das Konzert. Die klassische Form in drei S\u00e4tzen ist voll von harmonischem Reichtum und technischen Schwierigkeiten, f\u00fcr den Solisten wie auch f\u00fcr das Orchester. Gordon pflegte \u00fcber das Konzert zu sagen, es sei eine \u201eSchlacht\u201c zwischen Solist und Orchester. Die Arbeit an dem Klavierkonzert mit dem Komponisten und Menschen Sherwood war f\u00fcr mich extrem interessant und lehrreich. Gordon begann jeden Morgen um 7 Uhr zu komponieren, sp\u00e4ter ging er mit mir durch das Komponierte. Die Musik und die S\u00e4tze hatte er schon vollst\u00e4ndig im Kopf, worauf er sie mit seiner kalligrafischen Handschrift rein niederschrieb. Nach dem Vorspielen hat er die n\u00f6tigen Korrekturen in die Partitur eingetragen. Das Klavierkonzert ist reich an gro\u00dfen dramatischen Spannungen, H\u00f6hepunkten und d\u00fcsteren Momenten, die dann schlie\u00dflich durch eine Steigerung aufgel\u00f6st werden. H\u00f6chste Priorit\u00e4t hatte f\u00fcr Gordon beim Komponieren dieses St\u00fcckes die Sch\u00f6nheit der Musik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er hatte viele Freunde und F\u00f6rderer, verteilt \u00fcber die ganze Welt, die nicht nur seine Musik, sondern auch den Menschen Gordon Sherwood sehr gesch\u00e4tzt haben. Selber habe ich ihn als sehr umg\u00e4nglichen, h\u00f6flichen, aber auch zielstrebigen Mann erlebt, der an den langen Abenden bei mir zu Hause bei veganem Essen und einem Gl\u00e4schen gutem Wein von seinen hochinteressanten Reisen erz\u00e4hlte oder \u00fcber die Musik diskutierte. Sein Leben war voll von Abenteuern, die manchmal auch sehr brutal waren. Jedoch hat er den Optimismus bis zu seinem Tod nicht verloren, die Liebe zur Musik hat ihm immer die n\u00f6tige Kraft gegeben. \u201eMusik war f\u00fcr mich seit jeher ein Elixier f\u00fcr meinen Geist. Ich kann daran am besten meine Sehnsucht nach Sch\u00f6nheit und meine Abscheu vor Krankheit und Krieg ausdr\u00fccken. Aber Musik ist das eine, das andere ist Sprache, und es gibt eigentlich keine Worte, um die Wirkung, die Musik auf mich hat, zu beschreiben\u201c\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es existiert eine Biografie, die Sherwood selber verfasst hat und die ca. 1000 Seiten z\u00e4hlt, wo er sein &#8211; nicht immer leichtes &#8211; Leben an den verschiedensten Orten dieser Erde beschreibt. Die Kriterien seines Lebens und Werkes standen stets in einem Gegensatz zur \u201anormalen\u2019 b\u00fcrgerlichen Welt. Unabh\u00e4ngigkeit und Freiheit, Flucht aus allen sozialen Bindungen und Verpflichtungen waren neben der Musik die wichtigsten Merkmale seines Handelns.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als junger Mann gewann er den Gershwin-Wettbewerb, den renommiertesten Komponistenwettbewerb in den USA. Am Anfang einer gro\u00dfen Karriere stehend, kehrte er pl\u00f6tzlich dem verhassten Kulturbetrieb den R\u00fccken und entschied sich f\u00fcr ein Nomadenleben. Er lebte im Libanon, in \u00c4gypten, Israel, Griechenland, Kenia, Costa Rica, China &#8211; um einige seine Stationen zu nennen. Wenn das Geld ausging, ging er nach Paris, um ein paar Jahre als Bettler Geld f\u00fcr die Reisen zu sammeln. Das nannte er \u201eSelf-Sponsoring\u201c. Und dann verreiste er wieder\u2026 \u00dcberall auf der Welt fand er die Freunde und F\u00f6rderer, die ihm eine Unterkunft und Unterst\u00fctzung boten, damit er seine musikalischen Ideen auf das Papier bringen konnte\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zentrales Thema f\u00fcr Sherwood war die Zeit. Seine Zeit war zu beschr\u00e4nkt, um die Neugier auf das Leben zu stillen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch hatte nie die Zeit, anderen Menschen nachzulaufen, Dirigenten zu suchen, um meine Werke auff\u00fchren zu lassen. Ich hatte nie die Zeit daf\u00fcr, weil ich immer mit neuen Ideen besch\u00e4ftigt war\u201c, so Sherwood.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Seine Ausbildung genoss Gordon Sherwood bei zutiefst unterschiedlichen gro\u00dfen Lehrern: Aaron Copland, einer der V\u00e4ter der modernen amerikanischen Musik; Philipp Jarnach &#8211; zwischen den beiden Weltkriegen einer der f\u00fchrenden Komponisten Deutschlands und als Mitglied der Novembergruppe mit einigen Gr\u00f6\u00dfen der Zeit wie Kurt Weill, George Antheil, Max Butting, Hanns Eisler, Stefan Wolpe oder Heinz Tiessen (dem heute vergessenen Lehrer Celibidaches, der Tiessen nach eigenen Aussagen alles zu verdanken hatte) assoziiert; sowie Goffredo Petrassi, der nach Auseinandersetzungen mit dem Neoklassizismus und dem Serialismus einen vollkommen eigenen Stil schuf. Wie schlugen sich diese musikalischen Kontraste seiner Lehrjahre in seinem Werk nieder? Konnte er sie vereinen, und wenn ja, wie? Als weitere Einfl\u00fcsse nannte Sherwood auch Schostakovitsch, Bart\u00f3k sowie auch den Jazz und Blues &#8211; findet auch dies alles seinen Platz in Sherwoods Personalstil, und gilt gleiches f\u00fcr die Musik all der L\u00e4nder, die Sherwood bereiste und erforschte?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Nach Nennung solch eines Stilpluralismus sei noch allgemein gefragt: Wie ist die Musik von Sherwood eigentlich, wie l\u00e4sst sie sich beschreiben, was macht sie aus?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das \u0152uvre Gordon Sherwoods ist sehr umfangreich. Sein Werkverzeichnis z\u00e4hlt ca. 143 Eintr\u00e4ge. Sie umfassen Orchesterwerke, Opern, Kantaten, Chorwerke, sehr umfangreiche Kammermusik (Klaviermusik, Werke f\u00fcr verschiedene Streich- und \u00a0Blasinstrumente), Ballettmusik, religi\u00f6se Werke, Vokalmusik (\u00fcber acht Zyklen mit eigenen Texten), Filmmusik und anderes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stilistisch sind die Kompositionen von seinen amerikanischen Vorbildern &#8211; Gershwin, Copland, aber auch Strawinsky, Bart\u00f3k, Hindemith &#8211; beeinflusst. Einen charakteristischen Stil seiner Musik erwirkt die Verschmelzung des Klassischen mit indischen und arabischen Elementen, aber auch mit Elementen des Jazz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies ergibt den \u00e4u\u00dferst charakteristischen Musikstil von Sherwood. Trotz komplexen Strukturen und dichter Stimmf\u00fchrungen, wie z. B. in seinen Orchesterwerken, hat seine Musik eine pers\u00f6nliche, unverkennbare Sprache, was auch dem ungeschulten Zuh\u00f6rer den Zugang erleichtert. Seine Musik ist kraftvoll, sehr rhythmisch, polyphon, \u00f6fter aber gesanglich und melancholisch. Tiefsinn, Klang- und Ausdrucksvielfalt, Gef\u00fchlsst\u00e4rke, Ideenreichtum und originelle Einf\u00e4lle sind charakteristische Merkmale seiner Musik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Sie sprachen von langen musikerf\u00fcllten Tagen voll spannender Konversationen \u00fcber sein Schaffen, \u00fcber den Einfluss von Musik anderer Komponisten sowie \u00fcber seine Reisen &#8211; ebenso \u00fcber die intensive Zusammenarbeit an seinem Klavierkonzert. Wie hat Sie Gordon Sherwood beeinflusst und inspiriert? Hat der Kontakt zu ihm Sie ver\u00e4ndert, als Mensch wie als Musikerin?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sicherlich hat mir die Freundschaft mit Gordon, sowohl im musikalischen als auch im menschlichen Sinne, viel gegeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es mag vielleicht pathetisch klingen, aber seine gro\u00dfe, fanatische und sehr ehrliche Liebe zur Musik hat mich in h\u00f6chstem Ma\u00dfe beeindruckt und inspiriert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er war f\u00fcr mich wie ein brennendes, unglaublich ehrliches Energieb\u00fcndel, das niemals m\u00fcde wurde, wenn es um Musik ging. Er konnte die Leute, die ihm nahe standen, mit diesem Feuer regelrecht infizieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir Musiker lieben Musik, \u00fcben unseren Beruf mit Hingabe aus, aber wir machen auch Pausen, besch\u00e4ftigen uns mit anderen, allt\u00e4glicheren und manchmal\u00a0vergleichsweise regelrecht profanen Dingen. Gordon kannte das nicht. Er war sozusagen ein\u00a0\u201eabsoluter Musikpriester\u201c; sein Gott war die Musik, der er leidenschaftlich jede Minute seines ganzen Lebens widmete. Diese unendliche, brennende und mitrei\u00dfende Kraft seiner Kreativit\u00e4t, ungeachtet all den Gegebenheiten, in denen er lebte, diese unstillbare Neugier auf das Neue, Unbekannte erloschen erst mit seinem Tod.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ebenso hat mich sein Blick auf die Welt und auf die Menschen beeindruckt. Gordon mochte keine Kompromisse. Er war sehr sensibel und tiefgr\u00fcndig, was die verschiedenen menschlichen Charaktere anging. Er w\u00e4re niemals, auch nicht f\u00fcr ein besseres Engagement oder einen Vorteil f\u00fcr sich, auf einen Kompromiss mit jemandem eingegangen, den er nicht mochte oder respektierte. Die Menschen, die ihm begegneten, liebte oder hasste er; und die Freunde, die er hatte, waren ehrliche, ihn liebende Menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Sherwood war wie bereits erw\u00e4hnt Buddhist, aber dennoch schrieb er unz\u00e4hlige Werke mit dezidiert christlichem Bezug wie die Three Sacred Pieces Op. 35 oder die Bettlerkantate. Wie ist es zu erkl\u00e4ren, dass Gordon Sherwood geistliche Musik f\u00fcr eine bestimmte Religion schreibt und doch einer anderen zugeh\u00f6rt? Gibt es auch Werke f\u00fcr andere Religionen in seinem Schaffen? Und wie zeichnet sich das Sakrale in seiner Musik ab?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gordon Sherwoods Verh\u00e4ltnis zu Gott war schwierig. Es gab in Gordons jungen Jahren eine christliche Phase, sp\u00e4ter bekannte er sich zum Buddhismus. Als ich ihn vor fast 20 Jahren kennenlernte, war er Atheist geworden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gordons Glaube war mehr ein Glaube an das Leben, an die Natur &#8211; wie beispielsweise zu erfahren in den \u201eFive Pieces Depicting the Beauty of the Jaranda Trees\u201c Op. 63, in denen er die Sch\u00f6nheit der Natur, der B\u00e4ume und Bl\u00fcten preist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine Anschauung vom Buddhismus spiegelt sich in \u201eHare Krishna Finca Hare Krishna\u201c op. 95 wieder. Jedoch sollte man dieses Werk nicht als das Werk eines fromm Gl\u00e4ubigen betrachten, sondern mehr als ein Werk des Suchenden, Experimentierfreudigen, der neugierig auf die neuen Klangfarben war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der \u201eBettlerkantate\u201c op.99 gibt es nichts, was als sakral bezeichnet werdn k\u00f6nnte. Die Kantate ist eher eine \u201eDokumentation\u201c einer Periode seines Lebens, als er das ben\u00f6tigte Geld als Bettler in Paris beschaffte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Text f\u00fcr die \u201eBettlerkantate\u201c, wie auch die Texte f\u00fcr die vielen verschiedenen anderen Vokalwerke und Vokalzyklen, hat er \u00fcbrigens selbst geschrieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle diese Werke wurden bis jetzt leider noch nicht uraufgef\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was die Three Sacred Pieces op.35 betrifft &#8211; die waren sicherlich beeinflusst durch seine gro\u00dfe Liebe zu Bach &#8211; man k\u00f6nnte sie als ein sakrales \u201eExperiment\u201c, ein unglaublich gelungenes und auch ehrliches \u201eExperiment\u201c mit einer Musik, die eine G\u00e4nsehaut hinterl\u00e4sst, bezeichnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bis jetzt wurde aus diesem Zyklus nur das \u201eAve Maria\u201c aufgef\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Sehr bezeichnend erschien mir ein Zitat unter seinem Op. 50, &#8222;Boogie Canonicus.<\/strong> <strong>Nine Boogie-Woogie and Blues Pieces in Canon Form for Piano Solo&#8220;. Dort steht: &#8222;There are nine canons in Bach&#8217;s &#8218;<\/strong><strong>Goldberg<\/strong><strong> Variations&#8216;. Beethoven wrote nine symphonies. There are nine known planets in the solar system so I&#8217;ve stopped here&#8220;.<\/strong><strong> Zwei musikalische Bez\u00fcge werden hier einem physikalisch-astronomischen gegen\u00fcbergestellt, um die Neunzahl zu begr\u00fcnden. Gibt es solche Assoziationen h\u00e4ufiger in Sherwoods Schaffen, und bezog er vielleicht gar auch im Alltag grundverschiedene Elemente aufeinander und kombinierte sie?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gordon hatte einen Hang zu Zahlenmystik, wie \u00fcbrigens einige andere Komponisten auch. Es existieren circa 20 Notizb\u00fccher, wo er die verschiedensten Zahlen und deren Bez\u00fcge zueinander erforscht hat. Da sind z. B. die Entfernungen von einer Stadt in die andere in Kilometern, Zeit und Geschwindigkeit aufgef\u00fchrt; oder auch Taktzahlen seiner Werke, Geldbetr\u00e4ge, imagin\u00e4re Zeitausrechnungen etc. Gordon liebte die Welt der Zahlen, sie besch\u00e4ftigte ihn. Die Zahlen bedeuten Ordnung, sie gaben ihm ein Gef\u00fchl von Ordnung in dem chaotischen, unsteten Leben, das er f\u00fchrte\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Sie sagten, Sherwood habe auf der ganzen Welt Freunde und F\u00f6rderer gewonnen. Zum einen kommt mir da die Frage, wie hat er so etwas gemacht, wie konnte er als unbekannter \u201aBettler\u2019 wichtige Freunde und F\u00f6rderer gewinnen, was machte diese Begabung aus? Und zum anderen, wie konnte er trotz internationaler Anh\u00e4ngerschaft bis <\/strong><strong>heute<\/strong><strong> so komplett unetabliert bleiben?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gordon Sherwood hat sich als \u201eweltweit ber\u00fchmtester aller unbekannten Komponisten\u201c bezeichnet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein wichtiger Grund f\u00fcr seinen geringen Bekanntheitsgrad als Komponist lag in ihm selbst. Er hatte die besten Voraussetzungen f\u00fcr eine Karriere. Als junger Mann gewann er mehrere bedeutende Kompositionspreise und F\u00f6rderungen, u. a. 1957 den erw\u00e4hnten Ersten Preis des renommierten George Gershwin-Komponistenwettbewerbs, ein\u00a0Fulbright-Stipendium f\u00fcr ein weiteres Studium in Deutschland. Sein damaliger Lehrer an der Hamburger Musikhochschule &#8211; Philipp Jarnach &#8211; bezeichnete ihn als talentiertesten und vielversprechendsten Komponisten, der seit 20 Jahren an der Musikhochschule ausgebildet wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gordon suchte keine Vorteile f\u00fcr sich, er wusste das alles f\u00fcr sich monet\u00e4r und reputationsm\u00e4\u00dfig nicht zu nutzen und verweigerte all die Positionen, die ihm sein Talent er\u00f6ffnet hatte. Gordon verachtete den Musikbetrieb; er passte in keinen \u201anormalen\u2019 Rahmen, weder als Komponist noch als Mensch, und wollte sich auch um nichts auf der Welt in einen solchen hinein f\u00fcgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und die Tatsache, keinen m\u00e4chtigen Manager oder Impressario zu haben, der aus ihm einen gro\u00dfen Namen machen w\u00fcrde, hat ihm ein ganz anderes Leben bereitet. Anstatt des geregelten Musikbetriebs entschied er sich f\u00fcr ein abenteuerliches und unglaublich bewegtes Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine kompromisslose Pers\u00f6nlichkeit war sehr eindrucksvoll, ja faszinierend. Diejenigen Menschen, die ihn getroffen haben, konnten ihn nicht so leicht vergessen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viele Musikerfreunde, die ihn und seine Musik unglaublich sch\u00e4tzten, haben versucht, nach ihren M\u00f6glichkeiten seinen Kompositionen ein \u00f6ffentliches \u201aLeben\u2019 zu geben. Jedoch: ohne entsprechendes Management und PR-Vermarktung ist das gewiss eine eminent schwere Aufgabe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Eine Aufgabe, die vielleicht nun nach seinem Ableben 2013 nachgeholt werden kann. Es ist wunderbar, zu sehen, dass sich exzellente Musiker wie Sie solch einem Meister widmen, der sich wohl auch f\u00fcr die K\u00fcnstler weniger vermarkten l\u00e4sst als beispielsweise eine Neueinspielung von Beethovensonaten. Es bleibt zu hoffen, dass der &#8222;Bekannteste der unbekannten Komponisten&#8220; bald vielleicht schon der &#8222;unbekannteste der bekannten Komponisten&#8220; sein wird. In diesem Sinne danke ich f\u00fcr das Gespr\u00e4ch und f\u00fcr Ihre Zeit.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0[Interview gef\u00fchrt von: Oliver Fraenzke, 2017]<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kommende Konzerttermine mit Musik Gordon Sherwoods und Masha Dimitrieva:<br \/>\n13.1.2018: M\u00fcnchen, Freies Musikzentrum<br \/>\n07.3.2018: M\u00fcnchen, Steinwayhaus<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die russische Pianistin Masha Dimitrieva ist Pionierin der Erschlie\u00dfung der Werke von Gordon Sherwood, ihr ist auch sein Klavierkonzert gewidmet. Oliver Fraenzke traf sie zum Interview. \u00a0 Gordon Sherwood ist nach wie vor ein vollkommen unbekannter Komponist, der nie nach Ruhm suchte und dessen Musik meist nur seinen Freunden bekannt war. Sie gelten als &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2018\/01\/13\/aus-dem-leben-eines-bettlers-masha-dimitrieva-ueber-gordon-sherwood\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Aus dem Leben eines Bettlers &#8211; Masha Dimitrieva \u00fcber Gordon Sherwood<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[361],"tags":[2345,2346],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2111"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2111"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2111\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5082,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2111\/revisions\/5082"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2111"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2111"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2111"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}