{"id":2126,"date":"2018-01-24T14:30:39","date_gmt":"2018-01-24T13:30:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=2126"},"modified":"2018-01-24T14:32:06","modified_gmt":"2018-01-24T13:32:06","slug":"von-einem-besonderen-jubilar","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2018\/01\/24\/von-einem-besonderen-jubilar\/","title":{"rendered":"Von Einem besonderen Jubilar"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Am heutigen Tage w\u00e4re der \u00f6sterreichische Komponist Gottfried von Einem 100 Jahre alt geworden. Obgleich als einer der f\u00fchrenden Komponisten \u00d6sterreichs aus der Nachkriegszeit geltend, stand er vor allem in sp\u00e4ten Jahren auch stets im Kreuzfeuer der Kritik. Der Vorwurf des Traditionalimus wider das lineare Fortschrittsdenken der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts h\u00e4lt sich mancherorts bis heute, und zuletzt wurden absurde Unterstellungen laut, er sei ein Nazi-Sympathisant gewesen. Er, der sein eigenes Leben riskierend einem j\u00fcdischen Musiker falsche Papiere verschaffte und damit dessen Leben rettete! Gest\u00fctzt durch die aktuelle Biographie von Joachim Reiber (zu letzterem siehe die <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2018\/01\/03\/klebstoff-der-denunziation-2\/\" target=\"_blank\">Rezension von Annabelle Leskov<\/a>) wurden Tagebuchdetails aus der Jugend hochstilisiert und in besch\u00e4mender Weise rufsch\u00e4digend eingesetzt. Vergessen wird dar\u00fcber dann nicht nur sein eleganter und tiefgr\u00fcndiger Stil, seine Reflexion alter wie neuer Musik und seine feurige Pers\u00f6nlichkeit, die durch die Zeugnisse langj\u00e4hriger Freunde und Kollegen in vieler Hinsicht untermauert wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-2128 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/0136-227x300.jpg\" alt=\"0136\" width=\"227\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/0136-227x300.jpg 227w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/0136-768x1015.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/0136-775x1024.jpg 775w\" sizes=\"(max-width: 227px) 100vw, 227px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 24. Januar 1918 ist Gottfried von Einem als Sohn von Gerta-Luise und (vermeintlich) General William von Einem in Bern zur Welt gekommen. Sp\u00e4ter erst sollte er erfahren, dass sein leiblicher Vater L\u00e1szl\u00f3 Hunyady war, ein ungarischer Graf, welcher 1927 in \u00c4gypten bei der L\u00f6wenjagd ums Leben kam. Anstelle seiner meist abwesenden Eltern wurde Gottfried von Einem vom Hauspersonal erzogen, mit seinen beiden Br\u00fcdern im Luxus eines gewaltigen Familienanwesens in Schleswig-Holstein unterwiesen, und erhielt dort auch ersten Klavierunterricht. Zur Ausbildung ging er nach Berlin, wo er bei der Aufnahmepr\u00fcfung von Heinz Tiessen als Dilettant abgelehnt wurde, doch schlie\u00dflich privat bei Boris Blacher Anschluss fand. Blacher z\u00e4hlte wie Tiessen zu den angesehensten Lehrern der Zeit und verhalf zahlreichen Gr\u00f6\u00dfen der kommenden zwei Generationen in all ihrer stilistischen und menschlichen Vielfalt zum Erbl\u00fchen. Wie nur wenige andere Lehrer wussten sowohl Blacher als auch Tiessen, die Individualit\u00e4t ihrer Sch\u00fcler zu wahren und aus dem Vorhandenen das Beste herauszumei\u00dfeln und zu -schleifen. Blacher urteilte \u00fcber von Einem, er habe schon in seinen ersten Noten alles gehabt, was seinen sp\u00e4teren Individualstil ausmachen sollte. Nach den Privatstunden bei Blacher absolvierte von Einem noch ein kurzes Studium der Kontrapunktik bei Johann Nepomuk David. Zur Zeit seiner Ausbildung war die Herrschaft des Nationalsozialismus in Deutschland alles dominierend. Dass Gottfried von Einem sich nie aktiv gegen die Nazi-Herrschaft wandte und gewisse Kontakte f\u00fcr sich und andere nutzte, l\u00e4sst sich nat\u00fcrlich von uns Heutigen leicht monieren, zumal wenn man ausblendet, was er im Verborgenen an Positivem bewirkte. Nach dem Kriege lebte Gottfried von Einem zun\u00e4chst in Salzburg, dann in Wien und auf dem \u00f6sterreichischen Lande, und unterrichtete ab 1963 an der Wiener Musikhochschule, wovon er sich allerdings bereits 1972 zur\u00fcckzog und seine letzten 24 Lebensjahre fast ausschlie\u00dflich dem Komponieren widmete. Der internationale Erfolg setzte gleich nach dem Kriege ein, 1947 war seine Oper Dantons Tod op. 6 die erste \u2013 triumphal aufgenommene \u2013 Opernurauff\u00fchrung der Salzburger Festspiele, und sie ist bis heute sein bekanntestes Werk geblieben. Das Libretto des nach Georg B\u00fcchner konzipierten Werks stammt von Boris Blacher. Im Nachhinein sollte von Einem durch diesen Erfolg zum Opernkomponisten abgestempelt werden, und sieben gro\u00dfteils sehr erfolgreiche Folgewerke best\u00e4tigen dies. Gegen diese einseitige Zuordnung spricht allerdings eine gewaltige Zahl gro\u00df angelegter Instrumentalwerke wie Solokonzerte, Kantaten, Streichquartette, Lieder und nicht zuletzt vier Symphonien und andere Orchesterwerke. Von Einem war nicht weniger Instrumentalkomponist als Sch\u00f6pfer von B\u00fchnenmusik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-2127 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/0137-211x300.jpg\" alt=\"0137\" width=\"211\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/0137-211x300.jpg 211w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/0137-768x1094.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/0137-719x1024.jpg 719w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/0137.jpg 1210w\" sizes=\"(max-width: 211px) 100vw, 211px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Stil Gottfried von Einems beruht auf tonalen Strukturen und liebt die sehr individuell abgewandelten klassischen Gro\u00dfformen. Dies hei\u00dft allerdings keineswegs, von Einem sei r\u00fcckw\u00e4rtsgewandt gewesen, sein ureigener Stil fesselt fortw\u00e4hrend mit \u00fcberraschenden Wendungen und unerh\u00f6rten Kl\u00e4ngen. Die permanente Dissonanzbildung und Dodekaphonie hat er zwar studiert, verweigerte diesen \u201aQualen\u2019 jedoch (stets zu integrierbaren Ausnahmen bereit) den Einzug in sein Schaffen. Bezeichnend ist von Einems subtiler Umgang mit Chromatik, welche im Gegensatz zu unz\u00e4hligen Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts bei ihm ausnahmslos nicht die Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten der Spannung aufweicht und verschwimmen l\u00e4sst, sondern stets \u00fcberraschend bereichert und erweitert. Sein ausgereifter Kontrapunkt ist nicht weniger charakteristisch, besonders pur in seinen Streichquartetten zu bewundern. Jedes Instrument kann jederzeit die F\u00fchrung \u00fcbernehmen und sich ebenso schnell wieder in den Hintergrund zur\u00fcckziehen, von Einem spielt mit Eins\u00e4tzen und F\u00fchrungspositionen so frei wie ungezwungen. Traditionelle &#8222;harmonische&#8220; Kl\u00e4nge stehen dabei neben grellen Reibungen und effektvollem Ausbrechen, das jedoch nie die Grenzen des Korrelierbaren \u00fcberschreitet, sondern immer in einem spannungsvoll mitverfolgbaren Kontext steht. Unersch\u00f6pfliche Varianten des Rhythmus, gepaart mit leichtf\u00fc\u00dfiger Eleganz, verleihen seinen Werken Schwung und treibende Kraft, bezaubernd ist sein Einsatz von Pausenelementen und der Ruhe als Gegenpol zur Bewegtheit. Gottfried von Einem ist ein stets unverkennbares und unabh\u00e4ngiges k\u00fcnstlerisches Individuum des 20. Jahrhunderts, das sich keinen \u00e4sthetischen Mehrheitsdoktrinen beugte und unbeirrt seinem unvorhersehbaren Weg folgte. Nicht nur als Opernkomponist, sondern auch &#8211; und vielleicht vor allem &#8211; als Instrumentalmusiksch\u00f6pfer hinterl\u00e4sst er uns nach seinem Tod 1996 ein substanzielles \u0152uvre, das zu studieren, zu spielen und zu h\u00f6ren f\u00fcr alle lohnt und dabei tiefe Einblicke jenseits rationaler Ergr\u00fcndbarkeit in eine wahrhaftige Pers\u00f6nlichkeit gew\u00e4hrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, Januar 2018]<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Copyright der Fotoquellen: Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anl\u00e4sslich dieses Artikel geh\u00f6rte CDs der Musik Gottfried von Einems:<br \/>\n&#8211; Klavierkonzert, Medusa-Suite, Wandlungen, Nachtst\u00fcck [Orfeo C 764 091 A]<br \/>\n&#8211; Streichquartette Nr. 1-5 [Orfeo C 098 101 A und C 098 201 A]<br \/>\n&#8211; Philadelphia Symphony, Geistliche Sonate, Stundenlied [Orfeo C 929 181 A]<br \/>\n&#8211; Dantons Tod<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am heutigen Tage w\u00e4re der \u00f6sterreichische Komponist Gottfried von Einem 100 Jahre alt geworden. 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