{"id":2144,"date":"2018-02-02T18:12:01","date_gmt":"2018-02-02T17:12:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=2144"},"modified":"2018-02-06T17:09:07","modified_gmt":"2018-02-06T16:09:07","slug":"eine-ode-an-die-kontrapunktik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2018\/02\/02\/eine-ode-an-die-kontrapunktik\/","title":{"rendered":"[Rezensionen im Vergleich] Eine Ode an die Kontrapunktik"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Aldil\u00e0 Records, ARCD 007; EAN: 9 003643 980075<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-2141\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/hugoschuler-300x200.jpg\" alt=\"hugoschuler\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/hugoschuler-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/hugoschuler-768x511.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/hugoschuler-1024x681.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/hugoschuler.jpg 1598w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Hugo Schuler spielt auf zwei CDs Werke mit Ausgangspunkt bei den Goldbergvariationen Bachs. Wir h\u00f6ren Johann Jacob Frobergers Toccata in G FbWV 103, Bachs Pr\u00e4ludien und Fugen b-Moll BWV 867 (WTK I), es-Moll BWV 853 (WTK I) und gis-Moll BWV 887 (WTK II), Preludio cantando e Fuga, die Klavier-Sonate und Studie \u00fcber BACH von Reinhard Schwarz-Schilling sowie den dritten Teil des Klavierbuchs von Heinrich Kaminski, bestehend aus Pr\u00e4ludium &amp; Fuge f-Moll und Pr\u00e4ludium &amp; Sarabande d-Moll.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass die kleinsten die gr\u00f6\u00dften sein k\u00f6nnen, beweist kaum ein Label deutlicher als Aldil\u00e0 Records. Vorliegende CD ist erst das sechste ver\u00f6ffentlichte Album des Unternehmens und nicht weniger eine meisterliche Leistung als die vorherigen. Aldil\u00e0 setzt auf Qualit\u00e4t statt Quantit\u00e4t, und das wird deutlich. Die ersten beiden Ver\u00f6ffentlichungen sind Klavieraufnahmen der italienischen Pianistin Ottavia Maria Maceratini, ein gemischtes Programm von Scarlatti bis Foulds und Tiessen sowie eines, das sich um Robert Schumann dreht, darauf folgte eine historische Doppel-CD mit Sergio Fiorentino, aufw\u00e4ndig neu remastered. Die bislang einzige Orchester-Aufnahme mit Werken von Schwarz-Schilling, Mozart, Hamel, Eliasson, P\u00e4rt und Beethoven stammt von Christoph Schl\u00fcren und Symphonia Momentum, danach f\u00fchrte Beth Levin uns wieder zur\u00fcck zur Klaviermusik, spielte Schumann, Schubert und Eliasson. Noch nicht erschienen ist die bereits Ende 2014 aufgenommene und lang ersehnte Solo-CD des Violinisten Lucas Brunnert, den ich vor \u00fcber vier Jahren als einen der talentiertesten aufstrebenden Musiker seines Instruments kennenlernen durfte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun folgt eine weitere Ver\u00f6ffentlichung, die den gewaltigen Ma\u00dfst\u00e4ben des Labels mehr als nur gerecht wird. Hugo Schuler spielt Werke von Froberger, Bach, Kaminski und Schwarz-Schilling. \u00dcber Froberger und noch mehr \u00fcber die epochalen Meisterwerke Bachs ist mehr als genug geschrieben worden, weitgehend unbekannt ruhen Kaminski und Schwarz-Schilling jedoch noch in der Versenkung: Zwei ausgezeichnete Musiker und Individualisten des 20. Jahrhunderts, welche die Br\u00fccke zwischen traditionell und fortschrittlich schlagen und jahrhundertelange westliche Musiktradition in ihrem Schaffen mit dem Hier und Jetzt einen konnten. Heinrich Kaminskis Stil ist dicht und kontrapunktisch, aber nicht weniger expressiv und zutiefst menschlich. Seine Bewunderung galt der Stilistik der Barockzeit, allem voran Bach, aber auch dem Weiterleben der gro\u00dfformalen kontrapunktischen Meisterschaft bei Beethoven und Bruckner. Auf unerh\u00f6rte Weise griff Kaminski alte Stilformen auf und integrierte sie in den Kontext einer expressionistischen Realit\u00e4t. Die ergreifende Wirkung dieser Musik hat eine immense Ausstrahlung. und so scharte Kaminski einen gro\u00dfen Anh\u00e4ngerkreis um sich und war auch im Dritten Reich ein geduldeter, nicht als &#8222;Neut\u00f6ner&#8220; abgestempelter K\u00fcnstler \u2013 wo er jedoch zuerst als Halb-, dann als Vierteljude eingestuft wurde und sich zur\u00fcckziehen musste. Der bekannteste Sch\u00fcler Kaminskis ist Carl Orff, noch bedeutender d\u00fcrften jedoch wohl Heinz Schubert und Reinhard Schwarz-Schilling gewesen sein. Schubert starb in den letzten Kriegswochen, ohne nur ein Klaviermusikwerk geschrieben zu haben, Schwarz-Schilling lebte mit seiner j\u00fcdischen Frau, welche gef\u00e4lschte Papiere erhielt, gl\u00fccklicherweise unbehelligt weiter und verstarb erst 1985. Auch f\u00fcr Schwarz-Schilling war Bach zentraler Referenzpunkt, ihm widmete er noch sein allerletztes Werk, die Studie \u00fcber BACH. Wie auch Kaminski bereicherte er die seines Erachtens noch lange nicht ausgesch\u00f6pfte Tonalit\u00e4t weiterhin durch k\u00fchne Dissonanzen und extreme Registrierungen, blieb jedoch innerhalb ihrer wahrnehmbaren und unmittelbar mitverfolgbaren Grenzen. So schuf er abstrakte und eigenwillige, zeitgleich aber auch verst\u00e4ndliche und nachvollziehbare Werke. Weder Kaminski noch Schwarz-Schilling komponierten viel Musik f\u00fcr das Klavier, alle hier zu h\u00f6renden St\u00fccke sind kommerzielle Ersteinspielungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Charakteristisch ist das Spiel Hugo Schulers in erster Linie durch seinen ausgepr\u00e4gten Sinn f\u00fcr Mehrstimmigkeit. Bis hin zu f\u00fcnf Stimmen verlangt Bach in seinem Wohltemperierten Klavier, und tats\u00e4chlich werden all diese als eigenst\u00e4ndige Individuen wahrnehmbar. Schuler gibt den Stimmen bestimmte Eigenheiten, so als spielte er sie auf unterschiedlichen Klaviaturen wie bei einem zeitgen\u00f6ssischen Cembalo. Jedes Detail ist minuti\u00f6s durchdacht, von der fein zwischen Legato, Non-Legato \u00fcber fl\u00f6tenhaftes Detach\u00e9e hin zu klingendem Staccato changierenden Artikulation bis zum bewussten Gebrauch der Pedale. Besonders das linke Pedal sorgt bei manchen der Goldbergvariationen sowie im es-Moll-Pr\u00e4ludium f\u00fcr hinrei\u00dfende Magie. Hugo Schulers Darbietung ist \u00e4u\u00dferst pers\u00f6nlich, \u00fcbertr\u00e4gt sich auch auf den H\u00f6rer, verleugnet aber nicht weniger die Zeit der Komposition, verf\u00e4llt nie in Romantizismus. Der Gesamtkontext steht im Fokus des Pianisten, er betrachtet die St\u00fccke als gro\u00dfen Bogen, unter welchem jede Phrase ein sinnvolles Glied innerhalb der Fortschreitung von der ersten zur letzten Note ist. Und so h\u00e4lt er die Spannung sogar \u00fcber die 80-min\u00fctigen Goldbergvariationen (in denen er einige wenige Wiederholungen bewusst auslie\u00df, um die Gesamtform noch bezwingender zu gestalten). Die tonal fordernden Werke Kaminskis und Schwarz-Schillings verwirklicht er ebenso zielsicher und reflektiert in innerer Ruhe und orchestral in der mehrstimmigen Ausf\u00fchrung, dass oft kaum zu glauben ist, dass hier nur ein einziges Klavier erklingt. Den Ohren ganz besonders schmeichelnd kommt der sanfte und volumin\u00f6se Klang des Fazioli-Fl\u00fcgels hinzu, der wie ma\u00dfgeschneidert ist f\u00fcr die musikalischen Anspr\u00fcche Hugo Schulers.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, Januar 2018] <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Folgende Termine:<br \/>\n03. Februar 2018: Freies Musikzentrum M\u00fcnchen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aldil\u00e0 Records, ARCD 007; EAN: 9 003643 980075 Hugo Schuler spielt auf zwei CDs Werke mit Ausgangspunkt bei den Goldbergvariationen Bachs. Wir h\u00f6ren Johann Jacob Frobergers Toccata in G FbWV 103, Bachs Pr\u00e4ludien und Fugen b-Moll BWV 867 (WTK I), es-Moll BWV 853 (WTK I) und gis-Moll BWV 887 (WTK II), Preludio cantando e Fuga, &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2018\/02\/02\/eine-ode-an-die-kontrapunktik\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">[Rezensionen im Vergleich] Eine Ode an die Kontrapunktik<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[92,2377,437,436,2374,174,232],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2144"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2144"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2144\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5087,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2144\/revisions\/5087"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2144"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2144"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2144"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}