{"id":2152,"date":"2018-02-06T17:04:50","date_gmt":"2018-02-06T16:04:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=2152"},"modified":"2018-02-06T17:11:01","modified_gmt":"2018-02-06T16:11:01","slug":"drei-haende-drei-gehirne","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2018\/02\/06\/drei-haende-drei-gehirne\/","title":{"rendered":"[Rezensionen im Vergleich] Drei H\u00e4nde, drei Gehirne"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der argentinische Pianist Hugo Schuler pr\u00e4sentiert am 3. Februar 2018 zwei Ausschnitte aus seiner frisch erschienenen CD &#8222;Goldberg+&#8220; und andere Werke im Freien Musikzentrum M\u00fcnchen. Auf dem Programm stehen Bachs Pr\u00e4ludien und Fugen Fis-Dur BWV 858 und fis-Moll BWV 859, Reinhard Schwarz-Schillings Klavier-Sonate, &#8222;So\u00f1\u00e9 que t\u00fa me Ilevebas&#8220; von Ren\u00e9 Vargas Vera, ein Impromptu von Santiago Santero, Heinrich Kaminskis Pr\u00e4ludium und Fuge f-Moll und Johann Sebastian Bachs Chaconne d-Moll in Brahms&#8216; Transkription f\u00fcr Klavier linke Hand.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den letzten Wochen und Monaten kam ich in den Genuss mehrerer \u00fcberzeugender Konzerte, doch was am 3. Februar 2018 im Freien Musikzentrum M\u00fcnchen zu h\u00f6ren ist, \u00fcbertrifft all die anderen um L\u00e4ngen. Die sp\u00e4rlich besetzte kleine Halle rei\u00dft Hugo Schuler von den ersten T\u00f6nen an in seinen Bann und entl\u00e4sst sie erst nach dem ohne Pause gespielten Mammutprogramm. Schuler l\u00e4sst keine Zeit f\u00fcr Applaus zwischen den St\u00fccken, zu wichtig ist ihm der gro\u00dfe Bogen, den er \u00fcber den gesamten Abend spannt. Die Reise beginnt mit Bach (Pr\u00e4ludien und Fugen Fis-Dur BWV 858 und fis-Moll 859), setzt sich mit Schwarz-Schillings Klavier-Sonate von 1968 als &#8222;Bachs Widerhall im 20. Jahrhundert&#8220;, wie Schuler es titulierte, fort und reicht bis zu zeitgen\u00f6ssischer Musik aus Argentinien, Ren\u00e9 Vargas Veras &#8222;So\u00f1\u00e9 que t\u00fa me Ilevebas&#8220;. Hier ist der Wendepunkt und es geht in r\u00fcckl\u00e4ufiger Reihenfolge von Argentinischem (Santiago Santeros Impromptu von 2006) \u00fcber eine grandios freie Bach-Hommage (Kaminskis Pr\u00e4ludium und Fuge f-Moll aus dem Klavierbuch III von 1935) zur\u00fcck zu Bach, oder zumindest einer Transkription seiner Musik, zu Brahms&#8216; Version der Violinsolo-Chaconne d-Moll f\u00fcr die linke Hand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber Schwarz-Schilling und Kaminski wurde bereits <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/tag\/goldberg\/\" target=\"_blank\">in der Rezension zu Schulers CD <\/a>berichtet, Ren\u00e9 Vargas Veras &#8222;So\u00f1\u00e9 que t\u00fa me Ilevebas&#8220; ist ein folkloristisches, sanftes St\u00fcck in himmlischer Harmonie, Santeros Impromptu nutzt Cluster und scharfe Dissonanzen auf eine ruhige und innige Weise. Trotz einer leichten \u00dcberl\u00e4nge erreicht der Komponist eine innerlich aufbegehrende und dabei fokussierte, schwebende Wirkung, die Eigenst\u00e4ndigkeit und Charakter besitzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hugo Schuler tritt menschlich, offen und souver\u00e4n auf, ist sogar vom Applaus der nur etwa 15 Zuh\u00f6rer \u00fcberw\u00e4ltigt, strahlt gro\u00dfe Sympathie aus. Pianistisch ist er \u00fcberragend, besser noch als bei seinen letzten \u2013 nicht minder bravour\u00f6sen &#8211; Auftritten und vielleicht (wom\u00f6glich wegen des Live-Effekts) noch offenkundiger die Musik ersp\u00fcrend als auf seiner CD. Die Vielstimmigkeit in den kontrapunktischen Werken realisiert er auf unerh\u00f6rte Art und Weise, selbst die Chaconne-Transkription f\u00fcr die linke Hand klingt, als spiele er sie mit zumindest drei H\u00e4nden und drei Gehirnen. Dieser Effekt gelingt ihm dadurch, dass er jeder Stimme eine besondere Klang-Nuance verleiht und sie so von den anderen abhebt, wenngleich er sie stets in Beziehung zueinander setzt. Die einzelnen Stimmen gestaltet er detailreich differenziert in ihrer Phrasierung und Artikulation, einzelne Noten hebt er aus der Reihe fallend durch gegens\u00e4tzlichen Anschlag ab, was so unerwartete wie stimmige Effekte erzeugt und die Konzentration hochh\u00e4lt. Die Fugen-Sujets sind ausnahmslos hervortretend vernehmbar, selbst die stark variierten und metamorphosierenden Eins\u00e4tze bei Kaminski. Schwarz-Schillings Klavier-Sonate besticht auch durch ihre rhythmischen Pr\u00e4gnanz und beinahe rockige Akkorde, und und fesselt mit ihrem \u00fcberirdischen Mittelsatz, der sich von der Ein- zur Vierstimmigkeit aufschwingt. Die argentinischen St\u00fccke nimmt Schuler in meditativer Konzentration, schafft dabei wirkungsvolle Kontraste zum restlichen Programm. Die Chaconne ert\u00f6nt unpr\u00e4tenti\u00f6s und ohne jeglichen ver\u00e4u\u00dferlichenden Effekt, eine Reduktion auf das Wesentliche und der Musik Dienliche, die so gar nichts Asketisches hat. So beendet Hugo Schuler einen Abend, der seines Gleichen sucht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, Februar 2018]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der argentinische Pianist Hugo Schuler pr\u00e4sentiert am 3. Februar 2018 zwei Ausschnitte aus seiner frisch erschienenen CD &#8222;Goldberg+&#8220; und andere Werke im Freien Musikzentrum M\u00fcnchen. 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