{"id":2161,"date":"2018-02-06T23:39:26","date_gmt":"2018-02-06T22:39:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=2161"},"modified":"2018-02-07T15:41:04","modified_gmt":"2018-02-07T14:41:04","slug":"der-mozart-unter-den-rockern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2018\/02\/06\/der-mozart-unter-den-rockern\/","title":{"rendered":"Der Mozart unter den Rockern"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Einer der eigenartigsten Musiker des vergangenen Jahrhunderts verstarb heute vor 20 Jahren bei einem Autounfall in der Dominikanischen Republik. Die Rede ist von dem \u00f6sterreichischen Popstar Falco, b\u00fcrgerlich Johann H\u00f6lzel, der mit seinem extravaganten Stil f\u00fcr die gesamte Popul\u00e4r- und Rockmusik nicht nur \u00d6sterreichs, sondern eben international wegweisend war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\">F\u00fcr manche mag es irritierend scheinen, auf dieser Website, welche haupts\u00e4chlich durch Artikel \u00fcber die heute als &#8222;Klassik&#8220; oder &#8222;Ernste Musik&#8220; betitelte Musik bekannt ist (beides sch\u00e4dliche wie sch\u00e4ndliche Abgrenzungen, die so musikgeschichtlich f\u00fcr gewaltiges Ungleichgewicht und elit\u00e4re Unnahbarkeit sorgen) mit gelegentlichen Ausfl\u00fcgen in Richtung Jazz. Doch ist die Intention von The New Listener schon immer gewesen, h\u00f6renswerte Musik in den Fokus zu stellen ganz gleich welchen &#8222;Genres&#8220;, welchen Bekanntheitsgrades oder welcher Herkunft. So ist dieses Jubil\u00e4ums-Special ein erster Schritt in eine allumfassende Offenheit, auf die ich seit langem hinziele, und in deren Sinn hoffentlich bald schon mehr folgen wird. Und f\u00fcr die Puristen sei erw\u00e4hnt, dass Falco mit seinem erfolgreichsten Song, <em>Rock Me Amadeus<\/em>, Wolfgang Amadeus Mozarts Pers\u00f6nlichkeit aktualisiert, mit Ph\u00e4nomenen aus der Rock-Szene gleichsetzt und dabei erstaunliche Parallelen findet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Rock Me Amadeus<\/em> ist bis heute das einzige Lied in deutscher Sprache, das Platz 1 der US-Billboard-Charts erreichte und Falco pl\u00f6tzlich weltweit in den Starstatus erhob. Doch begonnen hatte die Stilikone in einem ganz anderen Milieu. 1957 wurde er in Wien in b\u00fcrgerliche Verh\u00e4ltnisse geboren, war einziger Sohn (seine beiden Drillingsgeschwister starben bereits vor der Geburt) einer W\u00e4scherei-Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin und eines Fabrik-Werkmeisters. Zumindest war Geld vorhanden, die musikalische Begabung des Sohns zu f\u00f6rdern: Schon vor seiner Einschulung war er im Besitz eines Stutzfl\u00fcgels und eines Plattenspielers. Die Schullaufbahn dauerte lediglich zehn Jahre an, dann brache er ab und begann eine Lehre zum B\u00fcrokaufmann. Auch sein Studium am Wiener Musikkonservatorium schmiss er nach wenigen Monaten hin, da er der Meinung war, darin k\u00f6nne er kein &#8222;richtiger Musiker&#8220; werden. 1978, er war bislang wenig bekannt und nur als Bassist in kleineren Hallen aufgetreten, sah er das Neujahrsspringen der Vierschanzentournee an und beschloss, seinen K\u00fcnstlernamen dem DDR-Skispringer Falko &#8222;Falke&#8220; Wei\u00dfpflog zu widmen, internationalisierte ihn allerdings zu Fal<em>c<\/em>o (ebenso wie er seinen eigentlichen Namen nun Hoelzel schrieb).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erste Erfolge erzielte Falco (zu der Zeit teils noch mit den Beinamen Gottehrer oder St\u00fcrmer) in den Bands \u201aErstes Wiener Musiktheater\u2019, sp\u00e4ter in \u201aHallucination Company\u2019 umbenannt, und \u201aDrahdiwaberl\u2019. F\u00fcr letztere entstand <em>Ganz Wien<\/em>, gedacht als beil\u00e4ufiges Solost\u00fcck f\u00fcr Pausen, das allerdings schnell f\u00fcr Furore sorgte. Mit \u201aDrahdiwaberl\u2019 wurde Falco auch entdeckt, der erfolgreiche Plattenunternehmer Markus Spiegel nahm die Band sowie ihn als Solok\u00fcnstler unter seine Fittiche. Resultat waren die ersten kommerziellen Alben, \u201ePsychoterror\u201c war 1981 das Debut. Es folgten \u201eJunge Roemer\u201c und \u201eFalco 3\u201c, auf letzterem ist besagter Song <em>Rock Me Amadeus<\/em> zu h\u00f6ren, der nach betr\u00e4chtlichen nationalen Erfolgen 1985-1986 f\u00fcr den internationalen Durchbruch sorgte. Schon jetzt plagten Falco Sorgen, die Spitze seines Ruhms sei erreicht und er k\u00f6nne daran nicht mehr ad\u00e4quat ankn\u00fcpfen. Ein \u00f6ffentlicher R\u00fcckzug nach einer kr\u00e4fteraubenden Japantournee und die kommerziell eher m\u00e4\u00dfigen Erfolge (trotz Charts-Platzierungen) der kommenden drei Alben \u201eEmotional\u201c, \u201eWiener Blut\u201c und \u201eData de Groove\u201c best\u00e4tigten dies. Mit \u201eNachtflug\u201c konnte er 1992 ein Comeback starten, dem 1995 ein extremer Stilwechsel folgte: Mit <em>Mutter, der Mann mit dem Koks ist da<\/em> und ein Jahr sp\u00e4ter mit <em>Naked<\/em> wandte er sich dem Dance zu. Anfangs arbeitete er hier unter dem Pseudonym T&gt;&gt;MA, sp\u00e4ter als Falco feat. T&gt;&gt;MB. Am 6. Februar 1998 jedoch kam Falco bei einem Verkehrsunfall ums Leben, ein Bus erfasste sein Auto. Gr\u00f6\u00dfere Mengen an Alkohol und Drogen in seinem Blut gaben in der Folgezeit verschiedenen Ger\u00fcchten Nahrung. Falcos Grab befindet sich auf dem Wiener Zentralfriedhof. \u201eOut of the Dark (Into the Light)\u201c wurde posthum ver\u00f6ffentlicht und kn\u00fcpfte an die gro\u00dfen Erfolgsalben des so fr\u00fch verstorbenen Musikers an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotz seiner recht kurzen Karriere durchlief Falco eine ganze Reihe stilistischer Wandlungen, jedes Album hebt sich vom Vorherigen und vom Folgenden ab. Dabei nahm er Einfl\u00fcsse verschiedener aktueller Genres in sein Werk auf und fusionierte sie mit seinem unverkennbaren, eigenen Ton. Falco h\u00e4tte sich selbst vermutlich vor allem als Rocker bezeichnet, doch ist nicht weniger Funk, Groove, New Wave und Rap ma\u00dfgeblich f\u00fcr seine Musik. Seine Patterns sind schlicht und eing\u00e4ngig, weisen allerdings gro\u00dfen rhythmischen Schwung und ausgefeilte Basslinien auf. Typisch sind auch stimmlich abgehobene, oft verdoppelte oder chorartig gesungene Refrains und ein Fade-Out zum Ende hin, das seine St\u00fccke oft bogenf\u00f6rmig erscheinen l\u00e4sst. Elektronische Instrumente haben ihren festen Platz in der Band und steuern zentrale Klangelemente bei. Unverkennbar sind der cleane Gitarrensound auf dem Album &#8222;Junge Roemer&#8220; sowie die funkigen Rhythmen der Gitarre. Das wohl haupts\u00e4chliche Markenzeichen Falcos ist sein einzigartiger Gesang, der gerne zum Sprechen tendiert oder sich in Richtung des Rap bewegt. Dabei entwickelte er einen individuellen und kaum nachzuahmenden Rapstil, der oft tonh\u00f6henbasiert ist, ebenso schnell aber auch ins reine Sprechen oder Singen umschl\u00e4gt. Typische Beispiele sind <em>Der Kommissar<\/em>, <em>Vienna Calling<\/em>, <em>No Answer<\/em>, <em>Maschine brennt,<\/em> oder parlierender in <em>Jeanny<\/em> oder <em>Mutter, der Mann mit dem Koks ist da<\/em>. In den Refrains oder als Fill Inn in den Parts bringt er zus\u00e4tzlich schnell lautierte Elemente oder kurze gesungene Melismen hinein, die eine zus\u00e4tzliche Ebene hineintragen. Stimmen aus dem Off wie in <em>Vienna Calling<\/em> oder <em>Jeanny<\/em> sind eine weitere vokale Facette, so dass das Gesamtbild trotz der Fokussierung auf die einzigartige Stimme Falcos rundherum abwechslungsreich bleibt. Die Texte stammen zu einem gro\u00dfen Teil von Falco selbst oder entstanden zumindest unter seiner Mitarbeit. Auff\u00e4llig sind dabei neben Wortspielen und teils eigenwilligen Reimen vor allem zahlreiche Einstreuungen in englischer Sprache, wie sie auch heute noch in den Songs der Band \u201aBilderbuch\u2019 zu finden sind \u2013 einer \u00f6sterreichischen Gruppe, die sich (wie \u00fcbrigens auch \u201aWanda\u2019, die eher die Rock-fokussierten Elemente wieder aufleben l\u00e4sst) unmissverst\u00e4ndlich auf Falco beruft. So lebt die Musik eines der einflussreichsten deutschsprachigen Musiker weiter, wird zudem immer wieder in neuen Best-Ofs ver\u00f6ffentlicht oder im Radio gespielt, gelegentlich sogar in verschiedenen Live-Projekten wie Musicals zu neuem Leben erweckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, Februar 2018]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einer der eigenartigsten Musiker des vergangenen Jahrhunderts verstarb heute vor 20 Jahren bei einem Autounfall in der Dominikanischen Republik. 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