{"id":2167,"date":"2018-02-09T17:19:49","date_gmt":"2018-02-09T16:19:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=2167"},"modified":"2018-02-11T17:20:04","modified_gmt":"2018-02-11T16:20:04","slug":"musikgenuss-statt-trauer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2018\/02\/09\/musikgenuss-statt-trauer\/","title":{"rendered":"Musikgenuss statt Trauer"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Das Orchester Jakobsplatz M\u00fcnchen pr\u00e4sentiert am 1. Februar 2018 in seiner dritten \u201aExpedition\u2019 im M\u00fcnchner NS-Dokumentationszentrum einen weiteren von den Nationalsozialisten verfemten j\u00fcdischen Musiker, den (mutma\u00dflich) 1944 in Warschau ermordeten Komponisten J\u00f3zef Koffler. Die Mezzosopranistin Vict\u00f3ria Real singt gemeinsam mit Sofija Molchanova an der Klarinette, der Bratschistin Charlotte Walterspiel und Aniko Zeke am Cello die Kantate \u201eDie Liebe\u201c von 1931, die beiden Streicherinnen spielen daraufhin gemeinsam mit dem Geiger S\u00e1ndor Galgoczi das Streichtrio op. 10. Die Moderation hat Daniel Grossmann.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Vielzahl gro\u00dfer Musiker brachte Polen im beginnenden 20. Jahrhundert hervor. Doch von freier Entfaltung konnten die meisten von ihnen nur tr\u00e4umen, geh\u00f6rten doch viele dem j\u00fcdischen Glauben an, wurden als Neut\u00f6ner verspottet und gerieten so schlie\u00dflich in die F\u00e4nge der Nationalsozialisten. Insbesondere seien hier Szymon Laks und Constantin Regamey genannt, die beide die Gefangenschaft in den Konzentrationslagern \u00fcberlebten, und J\u00f3zef Koffler, welcher nach l\u00e4ngerer Ghettoisierung gemeinsam mit seiner Familie erschossen wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist wenig bekannt \u00fcber das Leben J\u00f3zef Kofflers und die Quellen und Theorien zu seinen letzten Jahren sind zweifelhaft und umstritten, wie auch Daniel Grossmann in der Moderation zur Dritten Expedition des OJM ausf\u00fchrte. Einiges wei\u00df man \u00fcber seine Studien und \u00fcber seinen Ruf als \u201eErster Dodekaphoniker Polens\u201c, manche Aspekte seiner Pers\u00f6nlichkeit sind aus eigenen Texten und Erfahrungsberichten zu entnehmen, doch nur wenig erfahren wir \u00fcber seine Entwicklung und seine sp\u00e4ten Jahre (einige Details zu Kofflers Leben sind der New-Listener-Rezension der letzten CD-Ver\u00f6ffentlichung seiner Musik bei EDA zu entnehmen).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">J\u00f3zef Koffler schuf herausragende Werke auf dem Feld der Symphonik und der Kammermusik, und besonders lag ihm die menschliche Stimme am Herzen. W\u00e4hrend er in Polen nur m\u00e4\u00dfige Erfolge feiern konnte, war er ein gefragter Komponist im Ausland, nicht zuletzt aufgrund guter Kontakte zu fortschrittlichen Musikern wie dem Dirigenten Hermann Scherchen, die sich rege um sein Orchesterschaffen k\u00fcmmerten und sie auff\u00fchrten. Die NS-Zeit beendete schnell seine beginnende Karriere, und nach seinem Tod blieb er lange Zeit unbeachtet, bis erste Musiker sich erneut seinem \u0152uvre widmeten und kommerzielle CDs seines gesamten Klavierwerks, seiner Kammermusik und zuletzt erstmalig seines Orchesterschaffens einspielten. Ein emotionaler Appell stand am Schluss der Moderation Daniel Grossmanns, der hier zitiert werden soll: Man solle die toten K\u00fcnstler nicht beweinen, sondern sich ihres Werks erfreuen und sie freudig wiederauferstehen lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Frage nach der Beschaffenheit von Kofflers Dodekaphonie ist keine leichte: Er bewunderte Sch\u00f6nberg, dem er nie pers\u00f6nlich begegnet war, als seinen wichtigsten Lehrer und sch\u00e4tzte die Zw\u00f6lftonreihen-Methode als neuen Weg der kreativen Entfaltung. Und doch unterscheidet sich seine Verwendung der Dodekaphonie grundlegend von der der Zweiten Wiener Schule. Er nutzt sie als motivisches Basismaterial zwecks Vereinheitlichung der Themen durch alle S\u00e4tze eines Werks, genie\u00dft ihre spannungsgeladenen Reibungen, aber er setzt die T\u00f6ne doch haupts\u00e4chlich in klassischen Wendungen ein, konzentriert sich auf Terz- und Sextintervalle sowie chromatische Fortschreitungen. Trotz distanzierter Grundhaltung in Kofflers Pers\u00f6nlichkeit wirkt seine Musik nicht berechnet oder trocken gesetzt, sondern hoch expressiv und innerlich ersp\u00fcrt. Beeindruckend ist Kofflers handwerkliches Geschick, insbesondere im Bereich des Kontrapunkts, das ebenfalls zutiefst menschlichen und nat\u00fcrlichen Ausdruck hervorbringt. Eine Pr\u00e4ferenz finden wir auf dem strengen Feld von Kanon und Fugato, was in vielen seiner Werke hervorsticht und Struktur in die eigenst\u00e4ndig wirkenden Stimmen bringt, sie einend verflicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heute erklingen zwei vergleichsweise bekanntere Werke J\u00f3zef Kofflers, die Kantate \u201eDie Liebe\u201c und das Streichtrio op. 10, beide sind bereits zu Lebzeiten des Komponisten gedruckt worden und heute auch auf CD erh\u00e4ltlich. Die Kantate nach dem 1. Brief des Paulus an die Korinther verlangt eine heikle Besetzung: Mezzosopran, Klarinette, Bratsche und Cello. Die Gefahr wird im Konzert deutlich, und zwar, dass die S\u00e4ngerin die drei Instrumentalisten komplett \u00fcberdeckt und die raffinierte Vielstimmigkeit nur schwer h\u00f6rbar erscheinen l\u00e4sst. Die monoton-gleichf\u00f6rmige Mezzosopranstimme hebelt derart die gleichwertige Zusammenh\u00f6rigkeit der tendenziell eher isoliert wirkenden Instrumente noch weiter aus. Einheitlicher und durchdachter erscheint da die Darbietung des Streichtrios mit S\u00e1ndor Galgoczi, der die drei Instrumente klanglich und dynamisch abzustimmen wei\u00df und stellenweise auch zur Beachtung angemessener Phrasierung anh\u00e4lt. Polyphon gut realisiert wurde die herrliche Fuge, die als Mittelsatz fungiert, und auch das Finale enthiellt aufgeweckt-lebendige Momente.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, Februar 2018]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Orchester Jakobsplatz M\u00fcnchen pr\u00e4sentiert am 1. Februar 2018 in seiner dritten \u201aExpedition\u2019 im M\u00fcnchner NS-Dokumentationszentrum einen weiteren von den Nationalsozialisten verfemten j\u00fcdischen Musiker, den (mutma\u00dflich) 1944 in Warschau ermordeten Komponisten J\u00f3zef Koffler. 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