{"id":2175,"date":"2018-02-13T20:02:06","date_gmt":"2018-02-13T19:02:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=2175"},"modified":"2018-02-12T20:05:38","modified_gmt":"2018-02-12T19:05:38","slug":"die-musik-soll-singen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2018\/02\/13\/die-musik-soll-singen\/","title":{"rendered":"\u201eDie Musik soll singen\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><em>Der schweizerische Geiger Sebastian Bohren ist schon lange mit P\u0113teris Vasks Fantasie f\u00fcr Violine und Streichorchester \u201eVox Amoris\u201c vertraut. Als er sie nun mit den Chaarts Chamber Artists einspielte, dachte er noch gar nicht an ein gro\u00dfes Medienecho. Der vision\u00e4ren Kraft dieser St\u00fccke, ihrer melodischen Direktheit und Bildkraft kann sich kaum jemand &#8211; egal ob H\u00f6rer oder Interpret &#8211;\u00a0 entziehen. Also wuchs auch Sebastian Bohrens Unterfangen zu einem gr\u00f6\u00dferen Projekt. Mit den Chaarts Chamber Artists wurde \u201eVox Amoris\u201c, (2009) eingespielt &#8211; f\u00fcr eine Neuaufnahme des\u00a0 viel gefragten Violinkonzertes \u201eDistant Light\u201c (1997) konnte das Georgische Kammerorchester Ingolstadt gewonnen werden. Gija Kanchelis \u201eChiaroscuro\u201c komplettiert die Neuaufnahme zu einem bemerkenswerten Dreiklang. Dass Sony diese drei St\u00fccke nur als Download ver\u00f6ffentlichte, sehen sowohl der Komponist als auch der Interpret nicht als Einschr\u00e4nkung. \u00a0<\/em><\/p>\n<p>Stefan Pieper hat bei Komponist und Interpret nachgefragt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Stefan Pieper: Sind Sie gl\u00fccklich damit, dass Sony Music Ihr neues Release nur als Download ver\u00f6ffentlicht?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Sebastian Bohren:\u00a0 Ja, das war sogar meine Initiative. Die Grundidee war, diese Musik speziell f\u00fcr Streaming Portale anzubieten. Es gibt ja bereits CD-Ver\u00f6ffentlichungen, unter anderem auch eine auf ECM mit Gidon Kremer. Aber nichts davon war bislang als Download verf\u00fcgbar. Deswegen schlie\u00dft meine Live-Einspielung hier eine echte L\u00fccke. Und obwohl es das neue Release nicht als physische CD gibt, habe ich auch die optische Gestaltung nicht dem Zufall \u00fcberlassen. Ich habe viel Zeit investiert, damit der Gesamtauftritt sehr hochwertig daher kommt. Ich glaube, das ist uns sehr gut gelungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">P\u0113teris Vasks: Ich bin im Internet auf die neuen Liveaufnahmen mit Sebastian Bohren gesto\u00dfen. Es ist sch\u00f6n, dass man diese Musik jetzt auch in den elektronischen Medien entdecken und h\u00f6ren kann. Mir gef\u00e4llt seine Interpretation von Vox Amoris sehr gut, ebenso wie er Distant Light interpretiert. Sein Spiel transportiert eine Botschaft, und darum sollte es in diesen Kompositionen ja gehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Stefan Pieper: K\u00f6nnen Sie schon etwas \u00fcber die Resonanz sagen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Sebastian Bohren: Ich hatte bef\u00fcrchtet, dass eine rein digitale Ver\u00f6ffentlichung bei den Rezensenten nicht gut ankommt, die es nach wie vor kritisch sehen, wenn etwas nur online ist. Aber dann hat sich alles sehr positiv entwickelt. Es gab eine ausgesprochen gute Resonanz von Petris Vasks.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Stefan Pieper: Herr Vasks, was macht Sebastian Bohren anders als Gidon Kremer?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">P\u0113teris Vasks: Bei Sebastian Bohren klingt vieles weicher und inniger, w\u00e4hrend Gidon Kremer eher auf die tragischen, dramatischen Gesten setzt. F\u00fcr mich ist es immer interessant zu h\u00f6ren, wenn ein Interpret etwas findet, was f\u00fcr mich eine positive \u00dcberraschung ist. Ich komponiere die Noten, aber die Musik beginnt erst durch die Interpretation zu leben. Wenn Sebastian Bohren diese Musik zum Leben erweckt, vor allem, wenn er Vox Amoris spielt, habe ich das Gef\u00fchl, dass diese Musik speziell f\u00fcr ihn komponiert worden ist. Er ist sehr jung und voll mit Liebe und Idealismus. Das h\u00f6rt man einfach hier heraus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Stefan Pieper: Herr Bohren, was f\u00fcr einen pers\u00f6nlichen Bezug haben Sie zu dieser Musik?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Sebastian Bohren:\u00a0 Der Anfang meiner solistischen Karriere war immerhin mit dem St\u00fcck Vox Amoris \u2013 und ich erhielt immer gute R\u00fcckmeldungen, wenn ich es gespielt habe. Das St\u00fcck haben auch bereits viele andere Geiger ins Repertoire aufgenommen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Stefan Pieper: Obwohl das ja eigentlich kein Standardrepertoire ist?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Sebastian Bohren: Also f\u00fcr mich pers\u00f6nlich schon! Ich habe mich immer schon f\u00fcr diese Musik interessiert und wollte sie spielen. Distant Light habe ich dann etwas sp\u00e4ter gelernt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\nStefan Pieper: Was verbindet diese St\u00fccke miteinander? Was sind Unterschiede und Gemeinsamkeiten?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Sebastian Bohren: Distant Light ist wie ein ausgewachsenes Violinkonzert. Es hat l\u00e4ngere Kadenzen und ist geigerisch sehr virtuos. Es transportiert eine ganz andere Grundstimmung als Vox Amoris: Es ist dunkler &#8211; und das hoffnungsvolle Licht ist immer nur weit entfernt wahrnehmbar. Vox Amoris ist dagegen ein einziger gro\u00dfer Liebesgesang.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">P\u0113teris Vasks: Vox Amoris und Distant Light unterscheiden sich von ihrer Stimmung und Dramatik voneinander. Das Violinkonzert ist das dramatischere St\u00fcck von beiden. Da ist die Stimmungsamplitude gr\u00f6\u00dfer und tragischer. Auch ein fabelhafter Interpret wie Sebastian Bohren kann seine Deutung dieser Werke noch ausbauen. Er kann die Dramatik noch weiter entwickeln. Aber ich bin jetzt schon sehr begeistert von seinem Spiel und freue mich sehr \u00fcber diese Auff\u00fchrungen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Stefan Pieper: Trotzdem ist auch Distant Light sehr weit weg von einem \u00fcblichen Violinkonzert mit dieser typischen Dialogstruktur zwischen Soloinstrument und Orchester.\u00a0 Alles ist viel konzentrischer um die Violine zentriert und die Geige ist gewisserma\u00dfen das emotionale Epizentrum. Wie sehen Sie das?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Sebastian Bohren: P\u0113teris Vasks dr\u00fcckt sich kompositorisch in seiner ganz eigenen, sehr direkten Sprache aus. Aber man verkennt diese Musik immens, wenn man diese bewusste Einfachheit mit Einf\u00e4ltigkeit gleichsetzt. Mir sagte einmal ein Kenner von moderner Musik, er k\u00f6nne mich nur bemitleiden, da w\u00e4re doch erst nach mehreren hundert Takten das erste Vorzeichen drin. Diese Musik aber als Kitsch anzusehen, ist ein gro\u00dfes Missverst\u00e4ndnis! Vasks hat eine evidente F\u00e4higkeit f\u00fcr das Melodische, Expressive. Man muss diese Musik in dem Kontext verstehen, aus dem sie kommt. Niemals geht es darum, sich hier als Spieler in Szene zu setzen. Stattdessen soll man die Musik bescheiden spielen, mit m\u00f6glichst viel Authentizit\u00e4t!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">P\u0113teris Vasks: Distant Light ist im Kern ein Konzert, auch wenn es schon mannigfaltige Verwendung fand, etwa f\u00fcr Choreografien im Tanztheater. Bei Vox Amoris sehe ich nicht so sehr eine typische Konzertform. Ich bin frei. Ich denke eigentlich gar nicht dar\u00fcber nach, welche Form habe ich hier erf\u00fcllt und welche nicht. Es ist doch eigentlich gar nicht von Belang, etwa nachzuz\u00e4hlen, wie viele Kadenzen es hier in einem St\u00fcck und wie viele im anderen gibt.\u00a0 Ehrlich gesagt \u2013 ich wei\u00df einfach nicht, warum hinterher die eine oder die andere Form herauskommt. Ich kann es nicht erkl\u00e4ren und lege auch keinen Wert darauf. Wenn ich in einer Arbeitsphase bin, dann str\u00f6mt die Musik einfach wie ein Fluss, den ich nat\u00fcrlich kontrolliere. Trotzdem. Ich mache mir doch nicht zu aller erst \u00fcber eine Form Gedanken. Ich habe mich teilweise mit Gidon Kremer auseinandergesetzt, der mir verschiedene M\u00f6glichkeiten aufzeigte. Das hat mich weiter ermutigt, mehr f\u00fcr die Violine zu komponieren. Ansonsten ist das Cello mein absolutes Lieblingsinstrument. Ich habe jetzt zwei Cellokonzerte, ebenso Bratschenkonzerte und auch Solost\u00fccke f\u00fcr Kontrabass komponiert, den ich selber spiele.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Stefan Pieper: Mit was f\u00fcr Herausforderungen ist der Solist in diesen St\u00fccken konfrontiert?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Sebastian Bohren: Vor allem muss man eine technische Affinit\u00e4t zu diesen melodischen Elementen haben und einen weiten Bogen spannen k\u00f6nnen. Das sind Grundvoraussetzungen. Es muss irgendwie aus dem Inneren empfunden sein. Es braucht eine Form der Reinheit. Es geht darum, von Anfang an vern\u00fcnftige Entscheidungen zu treffen &#8211; vor allem, was das Timing anbelangt! Man muss intuitiv erfassen, welche Tonart Hoffnung oder Verzweiflung bedeutet. Vor allem das muss zum Ausdruck kommen! Man muss hier eine Vielzahl von verschiedenen Farben auf der Geige erzeugen. Es geht um das Verh\u00e4ltnis von viel und wenig Druck, von viel und wenig Vibrato auf der Geige.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Stefan Pieper: Wie ist es um die Interaktion mit dem Orchester bestellt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Sebastian Bohren: Bei Distant Light ist es eine etwas gr\u00f6\u00dfere organisatorische Herausforderung als bei Vox Amoris. Der Solist muss gut Bescheid wissen, wann spielt er mit wem. Dies funktioniert meiner Meinung nach ohne Dirigent am besten. Ich denke, man muss einen Zustand erreichen, wo sich alle gemeinsam drauf einlassen. Man braucht ausreichend Probezeit, au\u00dferdem m\u00fcssen alle Beteiligten die richtige Sensibilit\u00e4t haben und sich mit dem St\u00fcck identifizieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Stefan Pieper: K\u00f6nnen Sie Ihre grunds\u00e4tzlichen musikalischen Ideale formulieren?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">P\u0113teris Vasks: Die Musik muss vor allem singen. Mir sind in meinen Kompositionen starke Gesangslinien wichtig, die etwas erz\u00e4hlen. Hinter allem, was ich komponiere, soll eine Botschaft stehen. Ich liebe unsere fantastisch sch\u00f6ne Welt, aber ich bin auch oft sehr traurig \u00fcber die Gegenwart. Dieser ganze, die Welt immer mehr beherrschende Materialismus ist nicht gut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Stefan Pieper: Was kann Musik dagegen tun?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">P\u0113teris Vasks: Musik hat zuallererst eine emotionale Komponente und nat\u00fcrlich auch eine intellektuelle. Ich denke an mein Publikum. Auch darin gehe ich einen konsequenten Weg. Es ist unser aller gemeinsames Projekt, durch die Musik die Welt etwas besser zu machen. Das birgt die idealistische Hoffnung, dass Dinge vielleicht wieder etwas besser ins Gleichgewicht zueinander kommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der schweizerische Geiger Sebastian Bohren ist schon lange mit P\u0113teris Vasks Fantasie f\u00fcr Violine und Streichorchester \u201eVox Amoris\u201c vertraut. Als er sie nun mit den Chaarts Chamber Artists einspielte, dachte er noch gar nicht an ein gro\u00dfes Medienecho. 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