{"id":2183,"date":"2018-02-15T17:03:30","date_gmt":"2018-02-15T16:03:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=2183"},"modified":"2018-02-14T17:07:59","modified_gmt":"2018-02-14T16:07:59","slug":"eigentlich-ein-wunderbar-geistreiches-spiel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2018\/02\/15\/eigentlich-ein-wunderbar-geistreiches-spiel\/","title":{"rendered":"Eigentlich ein wunderbar geistreiches Spiel"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Havergal Brians Symphonien-Zyklus auf Tontr\u00e4ger komplettiert<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Havergal Brian: Symphonien Nr. 8, 21 und 26; New Russia State Symphony Orchestra, Alexander Walker<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Christoph0006.jpg\" rel=\"attachment wp-att-2184\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-2184\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Christoph0006-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"260\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Christoph0006-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Christoph0006-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Christoph0006.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Naxos CD 8.573752 (EAN: 747313375271)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese CD ist ein Paukenschlag au\u00dfer H\u00f6rweite des Mainstreams. Mit der Aufnahme der 1966 im Alter von 90 Jahren komponierten 26. Symphonie (es sollten noch sechs weitere folgen!) sind nunmehr s\u00e4mtliche 32 Symphonien von Havergal Brian (1876-1972) auf kommerziellen Tontr\u00e4gern erschienen. Brian ist nat\u00fcrlich aus mehreren Gr\u00fcnden ein Unikum. Mit seiner im Alter von mehr als 50 Jahren vollendeten ersten Symphonie, der legend\u00e4ren \u201aGothic Symphony\u2019, schuf er ein Richard Strauss gewidmetes Mammutwerk, das bez\u00fcglich Gr\u00f6\u00dfe der Besetzung und Gesamtdauer ins Guinness-Buch der Rekorde einging. Seine 1949 komponierte eins\u00e4tzige Achte Symphonie, die auf vorliegender CD auch enthalten ist, wurde per Zufall im BBC-Archiv von Robert Simpson (der sich zu jener Zeit selbst anschickte, einer der f\u00fchrenden Symphoniker der Nachkriegszeit zu werden) entdeckt, und Simpson traute seinen Augen nicht. Er versprach daraufhin dem Komponisten, jede weitere Symphonie, die er vollende, als verantwortlicher Produzent zur Auff\u00fchrung zu bringen, und so war die Achte 1954 die erste Symphonie, die Brian, nunmehr bald achtzig Jahre alt, zu h\u00f6ren bekam. Von Simpson und der allgemein frappierten Resonanz ermutigt, komponierte Brian tats\u00e4chlich noch 21 weitere Symphonien im Alter von \u00fcber 80 Jahren. Und so ist er eben auch bez\u00fcglich der Anzahl vollendeter Symphonien zum Rekordhalter unter jenen Komponisten geworden, bei welchen zugleich auch von so etwas wie symphonischer Substanz die Rede sein kann (dass uns Leif Segerstam vielleicht noch mit 500 \u201aSymphonien\u2019 begl\u00fccken mag, steht auf einem anderen Blatt \u2013 orchestrale Improvisationen w\u00e4re da wohl der einleuchtendere Titel\u2026).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier also gibt es, gespielt vom Neuen Russischen Staatlichen Symphonieorchester in Moskau unter der Leitung von Alexander Walker, zun\u00e4chst jene schicksalhafte Achte zu h\u00f6ren, die nicht nur mit einem unerh\u00f6rten Tonfall gefangen nimmt, sondern auch mit einer zugleich \u00e4u\u00dferst freien und auf die kurze Strecke eventuell zusammenhangslos scheinenden Formentwicklung, deren unmittelbarstes Merkmal komplette Unvorhersehbarkeit ist (das erste Markenzeichen Havergal Brians schlechthin \u2013 alles ist ein Abenteuer, sei es in \u00fcberw\u00e4ltigenderen oder harmloser auftretenden Varianten). Doch mit konzentriertem H\u00f6ren wird man feststellen k\u00f6nnen, wie hier alles aufeinander bezogen ist, wie die Musik mit einer fast schon beispiellosen Courage Risse, Zerkl\u00fcftungen, Fragmentierungen, Befremdlichkeiten in den Raum stellt, und diese getrennt scheinenden Welten untereinander aus der Distanz, wie in fernem Magnetismus, ein Beziehungsnetz aufspannen, das wie von Geisterhand einen gro\u00dfen Zusammenhang entstehen l\u00e4sst. Das ist nat\u00fcrlich eine \u00e4u\u00dferst riskante Methode, und man kann nicht davon ausgehen, dass das 32 mal auch geklappt hat (Brian hat \u00fcbrigens noch sehr viel weitere Musik, darunter gro\u00dfe Opern, geschrieben, deren Grundhaltung bis auf ein paar unterhaltendere Genrewerke eigentlich stets die selbe ist).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allerdings weisen seine Alterswerke (also nach \u00dcberschreiten der Achtzig) eine unbestreitbare Ver\u00e4nderung auf: Nun tendiert er zur K\u00fcrze, oftmals schon in fast aphoristischer Weise. Dadurch wird die Situation f\u00fcr die Ausf\u00fchrenden nicht einfacher, denn das Ausma\u00df der Kontraste und der scheinbar fremd nebeneinander gestellten Elemente wird damit keineswegs geringer \u2013 nur ist eben jetzt nicht mehr so viel Zeit, um etwas entstehen zu lassen, und wenn man selbst nicht so recht erfasst hat, was man da spielt, f\u00fchlt sich der H\u00f6rer ein wenig, als w\u00fcrde er in einem Oktoskop rotieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die 21. Symphonie von 1963 ist da keine Ausnahme, au\u00dfer in der Hinsicht, dass sie ausnahmsweise noch einmal viers\u00e4tzig ist und \u2013 als umfangreichste der sp\u00e4ten Symphonien \u2013 ungef\u00e4hr eine halbe Stunde dauert. Ein sehr anspruchsvolles Werk, das man eigentlich einige Male im Konzert gespielt haben m\u00fcsste, um als Musiker eine Chance zu haben, bei der Aufnahme zu kapieren, welche Funktion man gerade innerhalb der zusammenh\u00e4ngend gebauten Form innehat. Dazu kommt es denn auch hier nicht, und das sind wir ja leider gewohnt. Ein Orchester ist eben zu teuer, um sich mit Werken so auseinander zu setzen, wie dies f\u00fcr seri\u00f6se Kammermusikvereinigungen selbstverst\u00e4ndlich ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht anders ist die Problematik bei der nun zum ersten Mal aufgenommenen 26. Symphonie, dem endlich eliminierten Missing Link in Brians symphonischem Schaffen. Entstanden in seinem 90. Lebensjahr, als er endlich einmal alters-sensationshalber mit Ehrungen \u00fcberh\u00e4uft wird und die \u2019Gothic Symphony\u2019 unter Adrian Boult die erste professionell repr\u00e4sentative Auff\u00fchrung erf\u00e4hrt, ist diese Nr. 26 ein zwar sehr knapp gefasstes, doch zugleich bei unzusammenh\u00e4ngend erfasster Darstellung scheinbar wirr zusammengestelltes Werk in drei S\u00e4tzen mit einer Dauer von 18 Minuten. Ein Problem, das mir auch schon vorher auf die Nerven gegangen ist, macht das H\u00f6ren hier zun\u00e4chst zus\u00e4tzlich m\u00fchsam: Brian macht ausgiebigen und nicht immer ausgesprochen subtilen Gebrauch vom Schlagzeug, und die Schlagzeugsektion m\u00fcsste insgesamt viel zur\u00fcckhaltender, unaufdringlicher agieren, um dieser eigentlich so elegant empfundenen Musik nicht eine gewisse Primitivit\u00e4t und Redundanz aufzupfropfen. Das ist vor allem beim umfangreichsten ersten Satz sehr st\u00f6rend. Die beiden folgenden S\u00e4tze gehen attacca ineinander \u00fcber, und hier kann man \u2013 wenn man in der Lage ist, von der etwas naiven Orientierungslosigkeit des Orchesterspiels zu abstrahieren \u2013 die h\u00f6chst faszinierenden Charakteristika von Brians einmaliger Musiksprache studieren (nochmal: das ist nicht die Schuld des Orchesters, und auch der Dirigent hat nur geringste Chancen, w\u00e4hrend der Aufnahmen hier ein auch nur rudiment\u00e4res Verst\u00e4ndnis zu kreieren, das nicht da sein kann, wenn die Tonsprache neu, die Faktur heikel und die Zeit f\u00fcr makellose technische Ausf\u00fchrung knapp ist!). Man darf Brian nicht mit dem Klischee folgend aufgedonnerter sp\u00e4tromantischer Emphase spielen, das r\u00e4cht sich schon, wenn man nur f\u00fcr ein bis zwei Phrasen in das veristische Klangbad f\u00e4llt, in Mahler\u2019sches \u201aVerweile doch, du bessere Vergangenheit\u2019 einstimmt oder auf den Tschaikowskyzug aufspringt. Auch Elgars Lost Empire Glory ist die falsche, wenn auch n\u00e4herliegende Verbindung, und Brians grotesker Humor, der ihn sich als geborener Underdog instinktiv von der britischen Weltmachtherrlichkeit distanzieren l\u00e4sst, liegt eben nicht im Deftigen, allzu Offensichtlichen, sondern in feinen und feinsten Nuancierungen. Auch das Fortissimo braucht in der Regel noch eine gepflegte Distanz, und mit es krachen lassen und die Z\u00fcgel schie\u00dfen lassen ist hier nichts Sinnvolles auszurichten. Man muss Brian mit einem wachen Bewusstsein der konkreten Klangentstehung spielen, wie das bei Debussy oder Ravel erwartet wird, und zugleich muss man es sich erarbeiten, die nebeneinander gestellten, immer wieder unglaublich neuartig in Wechselbeziehung (oder eben im gewohnt ung\u00fcnstigen Fall beziehungslos) sich begegnenden kurzen Episoden, die oftmals nicht l\u00e4nger dauern als eine einzige Phrase, in ihrem Zusammenhang zu empfinden, und zu erleben, welche Gewichtungen, welche Akzentuierungen und Aufl\u00f6sungen der Spannung es jeweils braucht, damit sich eine erfahrbare Beziehung \u00fcberhaupt einstellen kann. Denn diese Musik ist ein wunderbar geistreiches Spiel, das seine ganz eigene Geschichte jenseits der Gew\u00f6hnlichkeiten des konventionellen musikalischen Denkens entfaltet. Im vorliegenden Fall muss man daf\u00fcr \u2013 wie so oft \u2013 \u201ahinter\u2019 das h\u00f6ren, was aufdringlich und zusammenhangslos auf einen einst\u00fcrzt. Dann kann man eine Ahnung bekommen, was alles noch m\u00f6glich w\u00e4re. Es ist bedauerlich, dass der gro\u00dfe Brian-Forscher Malcolm MacDonald die diskographische Vollendung des symphonischen Zyklus nicht mehr erleben durfte. Und es ist ein immenser Vorzug vorliegender Scheibe, dass den exzellenten und sich an keinen Autorit\u00e4ten festhaltenden Booklettext mit John Pickard einer der f\u00fchrenden Symphoniker unserer Tage verfasst hat. The exploration goes on\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Christoph Schl\u00fcren, Februar 2018]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Havergal Brians Symphonien-Zyklus auf Tontr\u00e4ger komplettiert Havergal Brian: Symphonien Nr. 8, 21 und 26; New Russia State Symphony Orchestra, Alexander Walker Naxos CD 8.573752 (EAN: 747313375271) Diese CD ist ein Paukenschlag au\u00dfer H\u00f6rweite des Mainstreams. Mit der Aufnahme der 1966 im Alter von 90 Jahren komponierten 26. 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