{"id":2193,"date":"2018-02-19T09:12:46","date_gmt":"2018-02-19T08:12:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=2193"},"modified":"2018-02-21T19:03:24","modified_gmt":"2018-02-21T18:03:24","slug":"weltbuerger-und-bettler","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2018\/02\/19\/weltbuerger-und-bettler\/","title":{"rendered":"[Rezension im Vergleich] Weltb\u00fcrger und Bettler"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Sonus Eterna, 37423; EAN: 4 260398 610045<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-2197\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/0139-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"260\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/0139-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/0139-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/0139.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Masha Dimitrieva spielt ausgew\u00e4hlte Klavierwerke von Gordon Sherwood f\u00fcr Sonus Eterna: Dance Suite op. 67, Sonata quasi una fantasia op. 78, Four Sonatinas op. 27, Sonata for Ariana op. 77 sowie eine Auswahl aus Boogie Canonicus op. 50.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Leben von Gordon Sherwood k\u00f6nnte abenteuerlicher, wechselhafter und filmreifer gar nicht gewesen sein. Als Kind erlebte der 1929 geborene Sherwood in einer US-Kadettenanstalt gewaltige Traumata durch Mobbing und Unterdr\u00fcckung, bl\u00fchte dann allerdings in dem gegen den Willen seines Vaters eingeschlagenen Musikerberuf voll auf und bewegte sich, unter den Fittichen von Aaron Copland, schnurstracks in Richtung einer internationalen Karriere. F\u00fcr Studien in Hamburg bei Philipp Jarnach gab er diese allerdings auf, begab sich nach einem weiteren Aufenthalt in den USA nach Rom, wo er seine Studien bei Goffredo Petrassi fortsetzte. \u00dcber Kairo und Griechenland ging es mit seiner Frau Ruth, die er in der Hamburger Zeit kennengelernt hatte, nach Nairobi. 1968 brach er dort alles ab, wurde zum dauerhaft Weltreisenden, verdiente sein Geld \u00fcber lange Phasen als Bettler. Seine letzten Jahre verbrachte Gordon Sherwood gr\u00f6\u00dftenteils in Deutschland, haupts\u00e4chlich dank Masha Dimitrieva, die inspiriert durch den Film &#8222;Der Bettler von Paris&#8220; von Erdmann Wingert und Heiner Silvester Kontakt zum Komponisten suchte und ihn durch ihr Spiel wie durch ihre Pers\u00f6nlichkeit \u00fcberzeugte, sogar ein Klavierkonzert f\u00fcr sie zu schreiben. Im Mai 2013 verstarb Gordon Sherwood in Oberbayern, hinterlie\u00df 143 vollendete und zahllose Skizzen gebliebene Werke.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gordon Sherwood einem Stil zuzuordnen oder selbst, aus seiner Musik einen Personalstil herauszuarbeiten, gestaltet sich als schier aussichtslose Aufgabe. Charakteristisch f\u00fcr ihn ist lediglich, dass seinen Schaffen keinen verfestigten Stil aufweist. Sherwood war Weltb\u00fcrger und entsprechend lie\u00df er allen Einfl\u00fcssen ihren Platz in seinem Schaffen: amerikanische, franz\u00f6sische, italienische, deutsche, nah- und fern\u00f6stliche Musik, Jazz, Boogie und Blues, Pop und Rock, Volksmusik und beinahe alles andere, was sich wo auch immer musikalisch finden l\u00e4sst. Als Neuerer verstand sich Sherwood ebenso wenig wie als Traditionalist, er beschritt schlicht und einfach den Weg, der sich f\u00fcr ihn richtig anf\u00fchlte. Konventionen, Kompositionsschulen und normative Einengungen lie\u00dfen ihn dabei kalt. So lie\u00dfe sich seine Musik vor allem als eines beschreiben: als nat\u00fcrlich und ungezwungen. Auf diese Weise schafft es seine Musik, den Menschen an sich anzusprechen und in sein Innerstes vorzudringen. Vielen d\u00fcrfte seine Musik zug\u00e4nglich sein, viele wird sie ansprechen, sofern sie diese erst einmal kennenlernen. Zugleich, das Wissen von drei herausragenden Lehrern im Hinterkopf, auf handwerklich meisterhaftem Niveau gesetzt und stimmungstragend konzipiert, befinden sich diese Werke in ausgeglichener Position zwischen dem einfachen, dem musikalisch gebildeten und dem vollkommen ahnungslosen H\u00f6rer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcberragend ist die musikalische Leistung der aus Russland stammenden wahldeutschen Pianistin Masha Dimitrieva, einstiger Sch\u00fclerin des legend\u00e4ren Conrad Hansen. Beseelt und lebendig durchschreitet sie all die so grundverschiedenen St\u00fccke dieser CD, von den melancholischen Sonaten \u00fcber die aufgeweckte Tanzsuite und die teils orientalisch und indisch durchtr\u00e4nkten Sonatinen bis hin zu den swingenden und rockenden, kanonisch vertrackten Boogies. Ad\u00e4quat zu den St\u00fccken besticht sie mit innerer Ausgewogenheit und Ruhe. Jedem St\u00fcck verleiht Masha Dimitrieva das, was dieses spezifisch f\u00fcr eine gelungene Ausf\u00fchrung verlangt, was einen weit ge\u00f6ffneten und vielseitig gepr\u00e4gten Geist voraussetzt. Masha Dimitrievas Spiel erbl\u00fcht in Feinheit und Liebe zum Detail, was selbst \u00fcber die unvorteilhafte Aufnahmetechnik locker hinweghilft. In gro\u00dfen Phrasen flie\u00dft sie in der Musik und die Musik in ihr, wobei sie stets den Kontext der geschlossenen Form im Visier beh\u00e4lt und den H\u00f6rer sicher vom ersten bis zum letzten Ton zu geleiten wei\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, Januar 2018]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sonus Eterna, 37423; EAN: 4 260398 610045 Masha Dimitrieva spielt ausgew\u00e4hlte Klavierwerke von Gordon Sherwood f\u00fcr Sonus Eterna: Dance Suite op. 67, Sonata quasi una fantasia op. 78, Four Sonatinas op. 27, Sonata for Ariana op. 77 sowie eine Auswahl aus Boogie Canonicus op. 50. 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