{"id":226,"date":"2015-11-12T10:50:53","date_gmt":"2015-11-12T09:50:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=226"},"modified":"2015-11-12T10:51:21","modified_gmt":"2015-11-12T09:51:21","slug":"rezensionen-im-vergleich-1a-das-vergessene-violinkonzert","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/11\/12\/rezensionen-im-vergleich-1a-das-vergessene-violinkonzert\/","title":{"rendered":"[Rezensionen im Vergleich 1a] Das vergessene Violinkonzert"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center\">Sonntag, 08.11.2015 19 Uhr<br \/>\nKUBIZ Unterhaching<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Bruckner Akademie Orchester<br \/>\nRebekka Hartmann, Violine<br \/>\nJordi Mora, Leitung<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Robert Schumann<br \/>\n(1810-1856)<br \/>\nKonzert f\u00fcr Violine und Orchester in d-moll WoO1<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Ludwig van Beethoven<br \/>\n(1770-1827)<br \/>\nSymphonie Nr. 4 B-Dur op.60<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Welch ein Konzert!\u00a0 Auch wenn ich nur den fast letzten ergatterbaren Platz in der ersten Reihe ganz links au\u00dfen bekam \u2013 daf\u00fcr konnte ich Solistin, Dirigent und die Musikerinnen und Musiker beim Neuentstehen dieser beiden fabelhaften St\u00fccke nahezu hautnah erleben. Und ein Erlebnis der ganz besonderen Art war dieser ganze Abend im ausverkauften KUBIZ in Unterhaching.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In einem bodenlangen blauen Kleid kam Rebekka Hartmann mit ihrer Stradivari von 1675 auf die B\u00fchne. Schumanns Violinkonzert, sein letztes vollendetes Orchesterwerk, galt lange Zeit erstens als unspielbar und zweitens meinte man, die Geisteskrankheit des Komponisten darin zu h\u00f6ren und zu sp\u00fcren. (Wer \u00fcber dieses sehr merkw\u00fcrdige Kapitel im Leben des Komponisten Robert Schumann mehr erfahren m\u00f6chte, tut gut daran, das hervorragende Buch von Eva Weisweiler \u00fcber Clara Schumann zu lesen, denn die Rolle der Ehefrau Roberts ist alles andere als klar und eindeutig. Sie war es ja auch zusammen mit dem Widmungstr\u00e4ger Joseph Joachim, die das Werk erst gar nicht auff\u00fchren lie\u00dfen, sehr merkw\u00fcrdig, aber die Rezeptionsgeschichte dieses Werkes weist noch mancherlei Merkw\u00fcrdigkeiten auf.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Aber all das war vergessen und spielte gar keine Rolle mehr, als Orchester und Solistin diese wundervolle Musik zum Erklingen brachten. Nach einer machtvollen Einleitung setzt die Solistin mit dem gleichen gewaltigen Thema machtvoll ein und f\u00fchrt \u00fcber zu einem sehr lyrischen Seitenthema, das Orchester begleitet die Geige zur\u00fcckhaltend, hat dazwischen immer wieder Tutti-Stellen,\u00a0 Geige und Orchester stehen wie zwei erratische Bl\u00f6cke gegeneinander. Nat\u00fcrlich spielte Rebekka Hartmann \u2013 wie es bei ihr gar nicht anders vorstellbar ist \u2013 mit Leib und Seele, die K\u00f6rpersprache ist einfach hinrei\u00dfend und macht die in diesem Konzert innerwohnende Energie und Kraft auch \u00e4u\u00dferlich deutlich mit ihrer Bewegtheit und der Phrasierung, die das melodische und harmonische\u00a0 Erklingen mittr\u00e4gt. Schumann als Melodiker kommt am intensivsten im zweiten \u2013 langsamen \u2013 Satz zum\u00a0 Vorschein, und immer wieder w\u00e4hrend der drei S\u00e4tze \u00fcberraschen seine unerh\u00f6rten harmonischen Wendungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Jordi Mora und das Bruckner Akademie-Orchester, das in den Streichern aus Laien exzellenten Schliffs zusammengesetzt ist, gaben der Solistin die bestm\u00f6gliche Begleitung und den Raum, dass sich Rebekka Hartmanns wunderbares Spiel v\u00f6llig entfalten konnte und den ganzen Saal danach zu Begeisterungsst\u00fcrmen hinriss. Sie \u201emusste\u201c noch eine Zugaben spielen: von Fritz Kreisler Rezitativ und Capriccio op. 6. Noch einmal verspr\u00fchte sie mit ihrer Geige ein musikalisches Feuerwerk erster G\u00fcte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nach der Pause folgte die nicht allzu h\u00e4ufig gespielte vierte Symphonie von Ludwig van Beethoven, die er 1806 zwischen der \u201eEroica\u201c und der \u201eF\u00fcnften\u201c komponierte. In M\u00fcnchen war sie erst vor kurzem mit dem Bayerischen Rundfunk-Symphonie-Orchester unter Herbert Blomstedt zu h\u00f6ren gewesen. Aber was ich heute Abend an Musik \u201ein statu nascendi\u201c\u00a0 vom Bruckner Akademie Orchester\u00a0 unter Jordi Mora zu h\u00f6ren bekam, machte meine Ohren staunen und er\u00f6ffnete teils v\u00f6llig neue Erlebnisse. Schon der Beginn des ersten Satzes mit dem eindrucksvollen, fast d\u00fcsteren Thema kam in aller Ruhe \u2013 schlie\u00dflich steht auch Adagio als Tempovorgabe \u00fcber den Noten \u2013 bevor im Takt 39 das Allegro vivace die volle Wucht und Kraft der Beethoven\u2019schen Klangsprache zeigt.<br \/>\nHimmlische Melodien hat Beethoven ja h\u00e4ufigst geschrieben, auch wenn er f\u00fcr vieles \u2013 wie man an seinen Notizb\u00fcchern sehen kann \u2013 schwer gearbeitet hat, bis diese \u201eHimmlischkeit\u201c seinen Melodien eignete. Immer wieder ist es eine Begl\u00fcckung, seinen Adagio-S\u00e4tzen \u2013 wie hier dem zweiten \u2013 zuzuh\u00f6ren und sich in andere Gefilde mitnehmen zu lassen.<br \/>\nIm dritten Satz \u2013 hie\u00df es im Programmblatt \u2013 streiten die zwei Grundrhythmen der westlichen Musik, der Zweier- und der Dreiertakt miteinander. Im Bayerischen hei\u00dft das \u201eZwiefacher\u201c. Und mit dieser einfachen aber stimmigen Erkl\u00e4rung war ich der rhythmischen \u201eRaffinesse\u201c dieser Musik nicht mehr ganz so hilflos ausgeliefert. Jordi Mora lie\u00df dieses Allegro vivace und das Trio in voller t\u00e4nzerischen Kraft und Eleganz entstehen, die Musikerinnen und Musiker spielten mit aller Lust und Freude merklich animiert, keiner sa\u00df bei seinem Spiel etwa angelehnt auf seinem Stuhl, wie man das durchaus bei einigen Berufsorchestern immer wieder sehen kann.<br \/>\nDas Finale machte mir ganz besonders deutlich, was f\u00fcr ein Vorg\u00e4nger als Symphoniker Beethoven auch f\u00fcr Schubert war, der sich ja sehr oft in dessen Schatten stehend f\u00fchlte.\u00a0 Beethovens Musik ist auch heute noch \u2013 vor allem, wenn sie so entsteht und \u201eaus der Taufe\u201c gehoben wird wie an diesem denkw\u00fcrdigen Abend im Kubiz in Unterhaching vom Bruckner Akademie Orchester und seinem Leiter Jordi Mora \u2013 ein tief bewegendes und anr\u00fchrendes\u00a0 Erlebnis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Donnernder Applaus f\u00fcr Orchester und Dirigent.\u00a0 Und auch von mir ein ganz gro\u00dfes Dankesch\u00f6n f\u00fcr dieses wunderbare Geschenk.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>[Ulrich Hermann, November 2015]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sonntag, 08.11.2015 19 Uhr KUBIZ Unterhaching Bruckner Akademie Orchester Rebekka Hartmann, Violine Jordi Mora, Leitung Robert Schumann (1810-1856) Konzert f\u00fcr Violine und Orchester in d-moll WoO1 Ludwig van Beethoven (1770-1827) Symphonie Nr. 4 B-Dur op.60 Welch ein Konzert!\u00a0 Auch wenn ich nur den fast letzten ergatterbaren Platz in der ersten Reihe ganz links au\u00dfen bekam &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/11\/12\/rezensionen-im-vergleich-1a-das-vergessene-violinkonzert\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">[Rezensionen im Vergleich 1a] Das vergessene Violinkonzert<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[218,219,220,86,36,221,93],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/226"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=226"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/226\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":228,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/226\/revisions\/228"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=226"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=226"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=226"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}