{"id":2262,"date":"2018-03-20T18:25:43","date_gmt":"2018-03-20T17:25:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=2262"},"modified":"2018-03-30T01:25:58","modified_gmt":"2018-03-29T23:25:58","slug":"zwei-hauptwerke-von-gerard-grisey","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2018\/03\/20\/zwei-hauptwerke-von-gerard-grisey\/","title":{"rendered":"Zwei Hauptwerke von G\u00e9rard Grisey"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><em>Zum musica viva Wochenende im M\u00e4rz gab es drei Konzerte. Das Orchesterkonzert am 16.3. im Herkulessaal und die Matinee am 18.3. im Funkhaus widmeten sich je ausschlie\u00dflich einem Hauptwerk des franz\u00f6sischen Spektralisten G\u00e9rard Grisey (1946-1998) und bewiesen, dass auch Neue Musik durchaus repertoiref\u00e4hig ist und echte Meisterwerke nach einiger Zeit zu bejubelten Klassikern werden k\u00f6nnen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Martin0015.jpg\" rel=\"attachment wp-att-2263\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-2263\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Martin0015-300x200.jpg\" alt=\"Martin0015\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Martin0015-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Martin0015-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Martin0015-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Martin0015.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><br \/>\n<\/a>(c) Astrid Ackermann<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">G\u00e9rard Grisey geh\u00f6rte zur ersten Generation der sogenannten franz\u00f6sischen Spektralisten (mit H. Dufourt, T. Murail und M. Levinas), die sich eine genaueste Erforschung und \u2013 immer mikrotonale \u2013 Synthese von Klangfarbe auf ihre Fahne geschrieben hatte. Die Entstehung des aus sechs S\u00e4tzen bestehenden Zyklus <em>Les Espaces Acoustiques, <\/em>deren Besetzung sich stetig von einer Solo-Bratsche bis zum gro\u00dfen 85-Spieler-Orchester plus vier Solo-H\u00f6rnern steigert, entstand im langen Zeitraum von 1974-1985. Auch bei dieser Auff\u00fchrung im voll besetzten Herkulessaal schlug das gut 100-min\u00fctige Werk \u2013 es gab die \u00fcbliche Pause nach dem dritten Satz <em>Partiels<\/em> \u2013 die Zuh\u00f6rer in jeder Sekunde in seinen Bann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der britische Dirigent <em>Stefan Asbury<\/em> hat dieses Schl\u00fcsselwerk des Spektralismus schon vor zehn Jahren am gleichen Ort mit dem Symphonieorchester des BR dargeboten, und das war bereits exzellent. Durfte man also eine weitere Steigerung erwarten? Ganz klar: Ja \u2013 und das erf\u00fcllte sich von Beginn an. Schon das einleitende Solo (Viola: <em>Benedict Hames<\/em>) ger\u00e4t faszinierend \u2013 man h\u00e4tte bei den leisen Stellen und den Momenten der Stille eine Stecknadel fallen h\u00f6ren k\u00f6nnen. Beim 2. Satz (der <em>attacca <\/em>anschlie\u00dft) gesellt sich die Bratsche dann zu sechs weiteren Spielern und der Dirigent tritt hinzu; Asbury dirigiert vor der Pause ohne, danach bei den gr\u00f6\u00dferen Besetzungen mit Taktstock. Sein Dirigat wirkt schon \u00e4u\u00dferlich noch zwingender als 2008 \u2013 geradezu magisch, wie er die Musiker mit der Linken vor allem dynamisch quasi direkt \u201ean die Hand nimmt\u201c. Das sieht nicht nur sch\u00f6n rund aus, sondern klingt auch fantastisch \u2013 ein ganz und gar organisches Musizieren. Asbury hatte in der Einf\u00fchrung betont, dass es bei Grisey immer <em>gravity<\/em> gebe \u2013 also etwas, dass der Musik Bodenhaftung verleiht, \u00e4hnlich der verlorenen Funktionsharmonik. Das gelingt Grisey nat\u00fcrlich v\u00f6llig anders, aber gerade die Momente \u00fcberzeugen, wo sich der Klang nach extremer Verdichtung wieder konzentriert zur\u00fcckzieht \u2013 das kann in einen simplen Septnonakkord m\u00fcnden oder auch einfach in: Stille. Hatte sich 2008 im 3. Satz das Septett des zweiten auf 18 Spieler <em>erweitert<\/em>, sitzt daf\u00fcr diesmal ein komplett eigenes, neues Ensemble auf der B\u00fchne. Wenn das intensivere Probenm\u00f6glichkeiten in der Vorbereitung bot, so hat es sich jedenfalls bezahlt gemacht; alles wirkt perfekt abgestimmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nach der Pause wird es nach und nach auch mal so richtig laut. Im sechsten Satz, der mit einer Reminiszenz an das anf\u00e4ngliche Bratschensolo beginnt, greifen die 4 Soloh\u00f6rner beherzt ein und zerst\u00f6ren lustvoll alles, was sich ihnen noch in den Weg zu stellen wagt \u2013 und das macht offensichtlich nicht nur allen beteiligten Musikern, sondern auch dem Publikum Spa\u00df! Ein wirklich grandioser Abend, der einmal mehr die Ausnahmestellung von Griseys Musik unter Beweis stellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Am Sonntag dann im Funkhaus ein sp\u00e4tes Meisterwerk: <em>Vortex Temporum <\/em>f\u00fcr Klavier, Streichtrio, Fl\u00f6te und Klarinette. Wie der Titel schon vermuten l\u00e4sst, setzt sich Grisey hier in knapp 40 Minuten \u00e4u\u00dferst subtil mit dem menschlichen Zeitempfinden auseinander. Wiedererkennbare Figurationen und rhythmisch stabil ablaufende Anschnitte wechseln mit fast stehenden Klangmonolithen ab \u2013 die einzelnen Klangereignisse sind da oft an der Grenze des \u00fcberhaupt noch Wahrnehmbaren. Erstaunlicherweise ist das Zeitempfinden aber wohl genau umgekehrt als erwartet: Die Bl\u00f6cke mit quasi gebundenem Rhythmus k\u00f6nnen sich verlieren, so dass fast der Eindruck von Unendlichkeit entsteht \u2013 wie gerade auch beim Schluss. Die eher fl\u00e4chigen Klangereignisse halten dagegen \u201ewach\u201c und die Spannung aufrecht: Dass hier im Detail in der Tat mehr passiert, zeigt sich in der Partitur, aber auch daran, wie sich hier die Spieler untereinander dirigieren m\u00fcssen. Das h\u00e4tte mit dem bei diesem St\u00fcck eigentlich \u00fcblichen Dirigenten wom\u00f6glich noch pr\u00e4ziser geklappt, wobei solches Gezappel dann aber bestimmt das Ohr auf die fein austarierten Kl\u00e4nge, die da zu h\u00f6ren sind, abgelenkt h\u00e4tte. Auch an diesem Vormittag sa\u00dfen die gesch\u00e4tzt 120 Zuh\u00f6rer die ganze Zeit gewisserma\u00dfen auf der Stuhlkante. Insgesamt muss man den sechs Solisten des BR-Symphonieorchesters, denen man ihre empathische Identifikation mit dieser so ganz andersartigen Musik deutlich anmerken konnte, eine absolut hochklassige Leistung bescheinigen. Lange anhaltender Applaus f\u00fcr ein Kammermusikwerk, das tief ergriffen machte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>[Martin Blaumeiser, M\u00e4rz 2018]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum musica viva Wochenende im M\u00e4rz gab es drei Konzerte. 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