{"id":230,"date":"2015-11-12T10:54:01","date_gmt":"2015-11-12T09:54:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=230"},"modified":"2015-11-17T11:39:02","modified_gmt":"2015-11-17T10:39:02","slug":"rezensionen-im-vergleich-1b-das-vergessene-violinkonzert","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/11\/12\/rezensionen-im-vergleich-1b-das-vergessene-violinkonzert\/","title":{"rendered":"[Rezensionen im Vergleich 1b] Das vergessene Violinkonzert"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Rebekka Hartmann ist die Violinistin des Abends am 08. November 2015 im Kubiz Unterhaching. Sie spielt das ber\u00fcchtigte Violinkonzert von Robert Schumann in d-Moll WoO 1 zusammen mit dem Bruckner Akademie Orchester unter Jordi Mora, welcher im Anschluss noch die vierte Symphonie in B-Dur Op. 60 Ludwig van Beethovens dirigiert. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bis heute wird es wahrlich selten aufgef\u00fchrt, das gro\u00dfe Violinkonzert d-Moll WoO 1 von Robert Schumann, welches \u2013 1853, im Jahr vor seiner Einlieferung in die Nervenheilanstalt, geschrieben \u2013 sein letztes Orchesterwerk sein sollte. Der Widmungstr\u00e4ger Joseph Joachim, dem einige der heute bekanntesten Violinkonzerte wie die von Johannes Brahms und Anton\u00edn Dvo\u0159\u00e1k zugeeignet sind, f\u00fchrte es allerdings (\u00fcbrigens ebenso wie das von Dvo\u0159\u00e1k!) niemals \u00f6ffentlich auf, denn er hatte wie auch Roberts Frau Clara Schumann Bedenken \u00fcber die musikalische Qualit\u00e4t dieses Sp\u00e4twerks, das so nah am geistigen Verfall zu sein schien. So kam es erst 84 Jahre nach der Entstehung 1937 durch Georg Kulenkampff zur Urauff\u00fchrung und wurde auch erst in jenem Jahr in einer leicht \u00fcberarbeiteten Ausgabe erstmals gedruckt und ver\u00f6ffentlicht. Wirklich etablieren konnte sich dieses Konzert allerdings noch immer nicht, obwohl sich namhafte Gr\u00f6\u00dfen daf\u00fcr einsetzen, allen voran Yehudi Menuhin und Henryk Szeryng, der es 1957 in einer Studioproduktion aufnahm und es zumindest als Erster in den Kanon der bedeutsamen Konzerte integrieren konnte. Nach wie vor wird es von den Violinisten aufgrund seiner geradezu antigeigerisch unangenehmen Virtuosit\u00e4t und ungeschickt gesetzten Akrobatik gef\u00fcrchtet, und nur wenige bestehen diesen komplexen Drahtseitakt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch die vierte Symphonie Op. 60 in B-Dur von Ludwig van Beethoven ist erstaunlich selten zu h\u00f6ren im Konzert, ganz im Gegensatz zu den Nummern drei und f\u00fcnf. Nach einem ber\u00fchmten Schumann-Zitat, die Symphonie sei eine schlanke Maid zwischen den Giganten der &#8222;Eroica&#8220; und der &#8222;Schicksalssymphonie&#8220;, wird die Vierte oft als zartes und zerbrechliches St\u00fcck dargestellt, was ihr aber nicht gerecht werden kann, denn auch sie besticht mit ihren Kulminationen und vorw\u00e4rtsdr\u00e4ngenden, markanten Themen in vollem Orchestertutti. Besonders der letzte Satz fordert viel von den Orchestermusikern, die in raschem Galopp minuti\u00f6s die diffizilen Figuren bew\u00e4ltigen m\u00fcssen, ohne dabei die Leichtigkeit und Fr\u00f6hlichkeit dieses Satzes zu verlieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Solistin im Schumannkonzert, Rebekka Hartmann, brilliert mit elektrisierender Pr\u00e4senz und alles durchdringendem musikalischen Bewusstsein. Alleine ihr Auftreten vermittelt schon deutlich die Konflikte in diesem sp\u00e4ten Meisterwerk: Mal geht sie in die Knie, mal kneift sie das Gesicht in vollster Anspannung zusammen und im zweiten Satz l\u00e4sst sie auch einmal ein L\u00e4cheln an die innigen Kantilenen durchdringen &#8211; sprich, sie ist vom ersten Ton an vollkommen in diese Musik abgetaucht und spricht keine andere Sprache mehr als die von Schumann. Und das wird auch h\u00f6rbar! Ihr Spiel ist detailliert ausgestaltet sowie dynamisch und artikulatorisch gereift, ihre Stimme vollkommen losgel\u00f6st von den einengenden Taktschwerpunkten und kann sich so frei schwebend entfalten \u00fcber dem m\u00e4chtigen Orchesterklang. Nicht zuletzt von der technischen Seite her behauptet sich Rebekka Hartmann als Ausnahmeviolinistin und verleiht den fingerbrecherischsten Passagen eine unerh\u00f6rte Leichtigkeit und strahlenden Glanz fern jeglicher Art des nicht empfundenen Bogens und rein \u00e4u\u00dferlicher Fixiertheit. Ein ebenso hohes und makelloses Niveau erreicht die Solistin in ihrer Zugabe, dem Recitativo und Scherzo-Caprice von Fritz Kreisler, einem frechen Bravourst\u00fcck, das nach einer lyrisch-introvertierten, aber nichtsdestoweniger sanglichen anstatt nur pr\u00e4tendierenden Einleitung ein hochvirtuoses Geschehen mit gro\u00dfem Schwung entfesselt, das mit einem zwinkernden Auge einen w\u00fcrdevollen Abschluss der ersten Konzerth\u00e4lfte nach diesem monstr\u00f6sen Violinkonzert abgibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An der Seite der Solistin steht das Bruckner Akademie Orchester unter Leitung des Celibidachesch\u00fclers Jordi Mora. Wie inspirierend und motivierend muss es sein, mit einer solchen Ausnahmemusikerin aufzutreten! Der Klangk\u00f6rper, der im April bereits mit Schumanns erster und Schostakowitschs achter Symphonie beeindruckte, hat seine Anspr\u00fcche noch weiter in die H\u00f6he geschraubt und ist auf ungeahntes Niveau aufgestiegen. Die Stimmen sind allesamt sauber und auch die orchesterinternen Soli verlaufen tadellos bis hin zu den heikelsten Anforderungen an einzelne Musiker. Hervorgehoben sei an dieser Stelle das erste Fagott, welches gerade bei Beethoven unz\u00e4hlige diffizile Passagen zu meistern hat, und der ganz grandiose Solohornist. Au\u00dferordentlich besticht die von Jordi Mora gut einstudierte Begleitung zu Schumanns Violinkonzert durch die absolute Durchsichtigkeit des Orchesterapparates, wodurch die Sologeige so oft wie nur irgend m\u00f6glich solistisch wirklich ergl\u00e4nzen kann und nicht &#8211; wie bei diesem Konzert h\u00e4ufig der Fall \u2013 vor allem in den von Schumann so effektd\u00e4mpfend bevorzugten mittleren und tiefen Lagen im Tutti untergeht. So angeleitet kann das Bruckner Akademie Orchester vornbildlich eingehen auf die Solistin und ihr ein angemessener Widerpart sein, ohne den die blo\u00dfe Geigenstimme im Mittelsatz streckenweise direkt sinnfrei erscheinen w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch bei Beethoven \u00fcberzeugt das Orchester. Hier gibt es unz\u00e4hlige Mittel- und Unterstimmen, die stets Gefahr laufen, zu verschwimmen oder im allgemeinen Klang unterzugehen, die jedoch hier kristallin durchsichtig an die Oberfl\u00e4che bef\u00f6rdert werden und einen schillernden Farbenreichtum erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Mitte des bis zum letzten Notsitz vollkommen ausverkauften Kubiz in Unterhaching steht der Dirigent Jordi Mora. Ihm ist es seit jeher wichtig, dem Laienorchester mannigfaltige klangliche Dimensionen zu verleihen und es zu einem plastischen Gebilde aus vielen eigenst\u00e4ndig-lebendigen Stimmen werden zu lassen, wie er auch an diesem Abend unter Beweis stellt. Sein Dirigierstil ist \u00e4u\u00dferst schlicht und einfach, so dass es von der bewegungs\u00e4sthetischen Seite eher weniger ansprechend wirken w\u00fcrde, w\u00e4re nicht eine enorme organische Kraft dahinter, die komplett aus seiner Mitte str\u00f6mt und jeder noch so kleinen Bewegung Sinn verleiht. Mit dieser inneren Kraft kann er suggestiv die Musiker seines Orchesters leiten und einen gemeinsamen Impuls schaffen. Der unmittelbare Kontakt zu seinem Klangk\u00f6rper ist ihm ebenso ein zentrales Anliegen, so dass er nie verkniffen in der Partitur h\u00e4ngt &#8211; den Beethoven dirigiert er ohnehin ohne Notenpult vor sich -, sondern Blickkontakt herstellt und als erfahrener Vermittler zwischen allen Mitwirkenden eine bezwingend zusammenh\u00e4ngende Darstellung entstehen l\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, November 2015]<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rebekka Hartmann ist die Violinistin des Abends am 08. November 2015 im Kubiz Unterhaching. Sie spielt das ber\u00fcchtigte Violinkonzert von Robert Schumann in d-Moll WoO 1 zusammen mit dem Bruckner Akademie Orchester unter Jordi Mora, welcher im Anschluss noch die vierte Symphonie in B-Dur Op. 60 Ludwig van Beethovens dirigiert. 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